Beatrices Verrat

von Amalia Goldbach
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Ein cremefarbener Umschlag mit handgeschriebener Empfängeradresse klemmte zwischen Werbung, Wochenzeitung und einer Mitteilung meiner Bank. Ein ungewöhnlicher Briefkastenfund und eine ungute Vorahnung ließ mich Neugier und Brief gemeinsam in die Jackentasche stopfen. Erst mal. Auf der Rückseite hatte kein Absender gestanden. Das war schon verwunderlich. Ich wollte mich aber nicht wundern, mir keine Geschichte zu dem Stück Papier in meiner Hand ausdenken, die in weniger als zehn Minuten von der Realität neu geschrieben würde ohne, dass ich etwas dagegen tun könnte. Wie kriegt man ein Lächeln in die Gedanken, wenn die Indizienlage einen ernsten Abdruck vorzeichnet?
Die Adresse war mit ordentlichen Buchstaben gut leserlich geschrieben. Dem Absender hatte scheinbar viel daran gelegen, dass der Brief sein Ziel auch erreicht. Und er war für mich persönlich. Frau Martha Augustin, Schorlemerstr. 3, 39397 Schwanebeck. Die Postleitzahl war nachträglich mit einem anderen Stift in einem kräftigen Rot hinzugefügt worden. Ich bekomme gerne Post. Auch wenn das eher selten der Fall ist, leere ich jeden Tag kurz nach dem der Postbote da war, meinen Briefkasten. Früher als ich noch einen Beruf und viele Aufgaben hatte, war ich jedes Mal erleichtert, wenn der Stapel klein war. Heute ist das anders. Ich freue mich über geschriebene Worte und fremde Geschichten. Es ist meine Neugier, die mich auch im Alter davor bewahrt hat mit alten Bildern zufrieden zu sein. Ich will sehen was die Menschen mit der Welt anstellen, wie sie sich verändert. Ich will mit neuen Bildern schlafen gehen und mich fragen, ob sie besser oder schlechter sind als die alten. Auch wenn ich sicher bin, dass man für die Antwort ein ganzes Leben benötigt. Ein Leben, das ich nicht mehr habe. Aber ich bin noch hier.

Freunden teilt man Persönliches, politische Ansichten oder Erlebtes nur noch selten per Brief oder Telefon mit. Heutzutage schreiben Menschen kurze Mitteilungen mit ihrem Handy, sprechen mit Bildern in ihrem Computer oder senden Mails. An meinem siebzigsten Geburtstag lag mein erster Laptop auf dem Tisch, unverpackt, da die jugendlichen Geister meiner Familie bis zum Schluss an ihm herum installiert hatten. Erst als alle abgereist waren, gehörte er wirklich mir. Den Computerkurs für Senioren brach ich frühzeitig ab, weil mich die pädagogische Haltung des Lehrers so wütend machte, dass ich mich nur schwer konzentrieren konnte. Vor uns stand ein 54jähriger Mann, der vermutlich einfach nur eher von seinen Enkelkindern einen Geburtstags-Laptop überreicht bekommen hatte und erklärte uns die Funktionsweise dieses Gerätes als wären wir alle gemeinsam mit Mogli bei den Wölfen aufgewachsen und erst vor kurzem in die Zivilisation zurück gekehrt. Nach drei Stunden hatte ich jede Menge mordlüsterne Phantasien, aber immer noch keine Ahnung von der Funktionsweise eines Mailprogramms. Ich verließ den Kurs und entschied mich für ein autodidaktisches Vorgehen.

Dieses startete mit einem Anruf bei meiner Freundin Beatrice, in dem ich ihr erklärte, dass man ohne Laptop heutzutage nicht mehr glücklich werden könne. Sie solle sich sofort einen kaufen, damit wir künftig mailen, skypen und alle Wissenslücken per Internet stopfen könnten. Und ich zitierte all die schönen Reisen, die wir ohne Zeitverzug online buchen würden! Sie versuchte einen kurzen Widerstand mit dem Hinweis, dass sie keine Wissenslücken hätte und auch keine Zeit, sich mit mailen oder skypen zu beschäftigen. Außerdem habe sie keine Enkelkinder, die ihr Fotos von Halloween Parties oder aus dem Urlaub schicken wollten. Ob ich vergesslich würde, sie hätte nämlich aktuell noch gar keine Enkelkinder, nicht mal welche ohne Halloween Party und Urlaub. Und ihre Reisen würde sie selbstverständlich auch weiterhin in dem Reisebüro des Sohnes ihrer Freundin Wilma buchen. Immerhin müsste man den Mut dieses jungen Mannes, sich in so schwierigen Zeiten selbständig zu machen, unterstützen. Die Sache war jedoch schnell in meinem Sinne entschieden, als ich ihr von den zahlreichen Tierschutzorganisationen berichtete, die ihre Notfallinsassen online vorstellten. Beatrice liebte alles was Fell hatte, hässlich und hilfsbedürftig war. In ihrem Haushalt lebten immer schon mehr Vier- als Zweibeiner und alle hatten mindestens einen körperlichen Makel. Wenige Tage nach dem wir die Möglichkeiten des Internets als Vermittlungsstation für Tiere geteilt hatten, befand sich auch in Beatrices Arbeitszimmer ein Laptop. Geskypt haben wir tatsächlich nie und obwohl unsere Wohnorte mittlerweile mehr als 250 km voneinander entfernt lagen, blieben wir in diesem Punkt altmodisch und besuchten uns lieber mit einem guten Wein und schönen Erinnerungen. Aber wir verbrachten so manche Abendstunde gemeinsam vor dem Laptop und informierten uns über das Zeitgeschehen, die Hinterhältigkeit des Alters und die Unfähigkeit der Gesellschaft mit dieser umzugehen. Seit einem Jahr schrieben wir uns keine Mails mehr. An guten Tagen rief sie mich an, an schlechten besuchte ich sie.

Vor mir lag dieser Brief ohne Absender. Briefe ohne Absender hatten für mich immer schon etwas Unheimliches. Behörden, Banken und Straßenverkehrsämter tarnen ihre in der Regel schlechten Nachrichten, in dem sie den Absender so klein über die Adresse drucken, dass man sie entweder nicht findet, oder mit altersgeschwächter Sehkraft nicht mehr lesen kann. Eine traurige Ahnung keimte in meinem Kopf zu einem unausweichlichen Gedanken. Ich öffnete den Briefumschlag so sorgfältig wie er beschrieben worden war. Als könnte ich den Inhalt damit glatt streichen. Sie hatten eine schlicht weiße Doppelkarte gewählt und wenn man sie aufklappte, war auf der Innenseite ein tosendes Meer zu sehen, das seine ganze Kraft und Wut gegen Felsen schleuderte. Weiße Gischt peitschte auf. Neben dem Bild stand in altmodischer Schnörkelschrift: „Großzügig in der Sparsamkeit, leger in der Verbissenheit, nichts Halbes nur Ganzes. Entweder Schwarz oder Weiß. Für Mensch und Tier. Sie vergaß die Menschen, das Leben und dann auch sich selbst.“ Die Sätze füllten den ganzen Platz neben dem Bild aus und waren wie ein Gedicht in kurzen Zeilen untereinander gedruckt.

Auf der anderen Seite gegenüber stand: Am 22. September 2015 starb im Alter von 78 Jahren Beatrice Bürger. Die Beisetzung findet am 28. September, 10.00 Uhr in der Friedenskirche am alten Platz statt . Anstelle von Blumen oder Kränzen bitten wir um eine Geldspende an die Tierschutzorganisation Bad Monheim. Beatrice hat es sich so gewünscht. Rainer Bürger mit Helena Schmand, Kathrin Salomon geb. Bürger und

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