Das letzte Büro

von Martin Gehring
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Abdullah weigerte sich im ersten Augenblick danach, seine Augen zu öffnen. Vor einem Moment noch befand er sich auf einem Marktplatz in Bagdad, hatte, lauthals Allāhu akbar schreiend, den Splint seines Sprengstoffgürtels gezogen und war in einem gleißenden Lichtblitz vergangen. Er fühlte keine Schmerzen und war sicher, dass er sich nun als glorreicher Märtyrer im Paradies befinden müsse. Vorsichtig schlug er die Augen auf. Doch statt der nimmer endenden Freuden des Paradieses sah er lediglich ein schlichtes Wartezimmer. Er saß auf dem einzigen, etwas wackligen Stuhl, der im Raum vorhanden war. Er blickte an sich herab, sah sein Hemd, die Hose, die Sandalen und stellte fest, dass er vollkommen unverletzt war. Abdullah schaute sich im Wartezimmer um. Vor dem Stuhl stand ein niedriger Tisch, darauf einige abgegriffene Zeitschriften. An der Wand gegenüber, staubig, eine verdorrte Zimmerpflanze und eine hellere Stelle, an der vielleicht einmal ein Bild hing. Zu seiner Linken bemerkte Abdullah die einzige Türe im Raum. Über der Türe leuchtete eine rote Lampe. Daneben war ein altertümlich wirkender, stoffbespannter Lautsprecher angebracht, dessen Drähte in der Wand verschwanden. Der Boden des Warteraumes war mit grünen Linoleumkacheln belegt, an der Wand gegenüber der Türe gluckerte rachitisch ein Heizkörper. Es war zu warm, deshalb öffnete Abdullah einen weiteren Knopf seines Hemdes. Er wollte gerade nach einer der Illustrierten greifen, als das rote Licht über der Türe flackernd erlosch und ihn eine Stimme aus dem Lautsprecher zum Eintreten aufforderte.

Abdullah stand auf, ging zur Türe und öffnete sie. Er trat in den nächsten Raum ein und als er die Türe hinter sich schloss, erspähte er gerade noch aus den Augenwinkeln eine prunkvoll gekleidete, rotbeschuhte Person, die nun statt seiner auf dem Stuhl im Wartezimmer Platz genommen hatte. Als er sich in dem Büro, das er soeben betreten hatte, umsah, beschlich ihn das schreckliche Gefühl, dass irgendetwas gewaltig schiefgegangen sein musste. An einem großen Schreibtisch saß, in die Lektüre eines Aktenordners vertieft, ein mächtiger, weißgewandeter alter Mann. Er trug lange weiße Haare und einen ebensolchen Bart. Über seinem Kopf schwebte eine Art Auge in einem dreieckigen Rahmen. In der Ecke des Büros stand, lässig an einen hölzernen Aktenschrank gelehnt, ein jüngerer Mann in einem blutbefleckten, schmutziggrauen Gewand und drehte sich eine Zigarette. Auf dem, mit struppigen langen Haaren umkränzten, Haupt saß eine Dornenkrone. Als sich der Mann die Zigarette anzündete, erblickte Abdullah die Wundmale an beiden Händen. An der hinteren Wand des Raumes hing ein schlichtes, aber großes Holzkreuz, auf dem Board darunter dampfte eine Kaffeemaschine.

„Wo bin ich hier?“ wollte Abdullah ansetzen, doch der alte Mann knallte die rechte Faust auf die Tischplatte und rief mit Donnerstimme:

„Schweig still, du Sünder. Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst.“

„Aber ist das nicht das Paradies?“

„Oho“, lachte der Alte und fuhr fort: „Nein, aber es ist das Vorzimmer zum Paradies. Oder zur Hölle, je nachdem. Doch darüber werden mein Sohn und ich entscheiden. Gestatten, mein Name ist Gott und der junge Mann da hinten ist Jesus, mein eingeborener Sohn.“

„Ja, aber… Das muss ein Irrtum sein…“

„Ruhe jetzt“, herrschte Gott und setzte hinzu: „Hm, dann wollen wir mal schauen.“

Gott blätterte in seinem Aktenordner und Abdullah bemerkte mit einem unguten Gefühl in der Magengegend, wie sich der Blick des Herrn zunehmend verdüsterte. Jesus hatte sich inzwischen von seinem Aktenschrank abgestoßen und war an den Schreibtisch geschlurft. Nun blickte er über Gottes Schultern ebenfalls in den Ordner. Kopfschüttelnd und mit einem Tztztz auf den Lippen schaute er zwischen Abdullah und dem Dokument hin und her. Dann zog er einen Flachmann mit Essig aus einer Tasche seines Gewandes und nahm erst einmal einen kräftigen Schluck. Schließlich blickte Gott von seiner Lektüre auf und sprach:

„Soso, ein Märtyrer also. Aber für wen denn nur? Rede!“

Abdullah richtete sich stolz auf und rief: „Ja, ich bin ein Märtyrer. habe mein Leben geopfert für Allah, der durch meine Hand alle Ungläubigen bestraft.“

„Allah? Kennen wir einen Allah?“ wandte sich Gott an seinen Sohn.

„Nie gehört. Muss wohl wieder so einer von diesen falschen Götzen sein, Papa.“

„Aber das ist doch nicht möglich“, sagte Abdullah, langsam in Panik geratend. „Hier muss ein Fehler vorliegen, ganz sicher…“

„Tja, mein Sohn“, antwortete Gott und fuhr fort: „Da wird dir wohl jemand einen gewaltigen Bären aufgebunden haben. Tatsache ist nun mal, dass es nur einen Gott gibt. Und der bin ich. Nicht wahr, mein Sohn?“

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, so ist es, Papa.“

„Nun gut, dann haben wir also schon einmal Gebot Numero Eins: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Hast du aber, wie du selbst zugeben musst. Das reicht an sich schon für die Hölle, aber wir wollen nicht zu streng sein und erst einmal weitersehen.“

Gott blätterte in seinem Aktenordner weiter, als sein Sohn plötzlich unterbrach und mit ausgestrecktem Finger auf eine Textstelle wies. Gottes Blick wurde strenger, um sein Haupt bildeten sich dunkle Wolken, aus denen Blitze schlugen, dann sah er zu Abdullah auf und sagte mit strenger Stimme:

„Das hier ist wirklich übel. 68, nein 70 Tote. Marktplatz in Bagdad. Das ist Mord, mein Freundchen.“

„Das waren Ungläubige. Ich hatte den Auftrag…“

„Ruhe, verdammt nochmal. Das ist ja wohl ganz klar Gebot Numero Fünf: Du sollst nicht töten!“

„Aber man hat mir das Paradies…“

Gott knallte den Aktenordner auf den Tisch und rief: „Das Paradies kannst du dir abschminken. Mann, Mann, Mann. Jetzt schon 71 Frauen, Männer, Kinder.“

„Und die Jungfrauen?“, stammelte Abdullah in einem letzten verzweifelten Versuch.

„Vergiss die Jungfrauen. Verstoß gegen das erste und fünfte Gebot. Macht eine gefühlte Ewigkeit plus einen Tag Hölle ohne Bewährung.“

Gott nahm sich einen Stempel vom Tisch und stempelte die letzte Seite des Aktenordners mit solcher Wucht, dass das Papier zerknitterte. Dann drückte er einen Knopf und unter Abdullahs Füßen öffnete sich eine Klappe, aus der, rot und gelb, unter schwefligem Gestank, loderndglutende Flammen schlugen. Abdullah, der noch etwas sagen wollte, verlor den Boden unter den Füßen und stürzte schreiend geradewegs hinein in den Höllenschlund. Ehe sich die Klappe wieder schloss, schnippte Jesus seinen Zigarettenstummel hinterher. Sodann holte er sich Abdullahs Aktenordner vom Tisch und stellte ihn in den Schrank zurück. Dann nahm er das Kreuz von der Wand und ersetzte es durch ein grünes Seidentuch, in welches die Schahāda, das islamische Glaubensbekenntnis eingestickt war. Währenddessen verfärbte sich Gottes Gewand von weiß nach schwarz und das allsehende Auge verfestigte sich zu einem Turban. Das Gewand von Gottes Sohn changierte hingegen nach grün und seine Dornenkrone löste sich auf und machte einem Palästinensertuch Platz. Außerdem verschwand die Kaffeemaschine. Statt ihrer erschien nun ein fröhlich blubbernder Samowar auf dem Board, während sich der ganze restliche Raum in eine Art von Zelt verwandelte.

„So, und wer kommt jetzt?“ fragte Gott seinen Propheten Mohammed. Dieser zog einen neuen Aktenordner aus dem Schrank, besah sich den Rücken und antwortete:

„Ratzinger, Joseph Aloysius. Römisch-katholisch, emeritierter Papst. Natürlicher Tod.“

„Na, sowas. Auf den Vogel warte ich schon lange. Das wird ein Höllenspaß.“

Dann beugte er sich zu dem Mikrophon vor, welches auf dem Schreibtisch stand, drückte die Sprechtaste und sagte:

„Der Nächste!“

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