Anekdote aus einer anderen Zeit

von Peter K.
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Der Begriff der Treue ist in unseren Zeiten aus der Mode gekommen. Das war in früheren Zeiten anders, insbesondere bei Männern. Damals hat man bei Frauen Treue schlicht vorausgesetzt, Männer mussten vorsichtshalber schwören.

Aber wenn Männer Treue schwören, dann ist das so eine Sache. Das betrifft zum einen die Ehe. Da schwören sie Treue, „bis das der Tod sie scheidet“, aber wenn man weiß, dass im 19. Jahrhundert dicke Reiseführer existierten, die dem gebildeten Leser einen sachkundigen Überblick über die Bordelle einer Stadt gaben (heute vergleichbar mit dem Guide Michelin), kann es mit der ehelichen Treue nicht so weit her gewesen sein. „Bis das der Tod Euch scheidet“ war wohl mehr Lippenbekenntnis als Schwur.

Dafür haben Männer das mit der Treue und dem Schwur „bis in den Tod“ bei Willi II und dem schnauzbärtigen Vegetarier weitaus ernster genommen und ihn, im Gegensatz zum Eheschwur, millionenfach gehalten. Unter diesem Gesichtspunkt kann man sich mit Fug und Recht die Frage stellen, ob Männer eigentlich noch ganz bei Trost sind.

Vielleicht sollte man sich dann doch lieber die weiblicher Treue zum Vorbild nehmen, sie scheint anders geartet zu sein, das erzählt jedenfalls die folgende Geschichte:
Eine Gräfin hatte 20 oder mehr Jahre lang eine Haushälterin. Diese kochte das Essen, wusch die Kleider, machte die Besorgungen und war der Gräfin eine treue Seele. Aufopferungsvoll und nie klagend. Beide standen gemeinsam gute und schlechte Jahre durch, aber für die Gräfin wurden die Jahre immer schlechter, bis es irgendwann klar war, dass sie ihre Martha nicht mehr bezahlen konnte. Also rief sie Martha eines Tages zu sich und eröffnete ihr schweren Herzens, dass sie – die Gräfin – leider nicht mehr in der Lage sei, sie zu bezahlen, und dass sie - also Martha - deshalb leider gehen müsse. Martha aber erwiderte, dass sie gar nicht wisse, wo sie hingehen solle und sie wolle auch gar nicht gehen und sie würde auch ohne Bezahlung weiter bei Frau Gräfin bleiben. So diente Martha auch die nächsten Jahre treu ihrer Herrin. Als die beiden älter wurden und die Gräfin durch eine Erbschaft zu ein wenig Geld gekommen war, erwarb sie für sich und Martha eine große, repräsentative Grabstätte auf dem schönsten Friedhof der Stadt.
Als sie Martha davon erzählte, rief diese aus: „Gräfin, welche Ehre neben ihnen liegen zu dürfen!“

Nach einer Pause fügte sie hinzu „Und praktisch obendrein, denn dann kann ich Euer Durchlaucht bei der Auferstehung behilflich sein.“

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