Hinterland

von Freddy Freddy
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In der Küfa der Waffenverbotszone Leipzig spricht sie: Meine alte Mitbewohnerin. Sie fragt nach meinem psychischen Wohlbefinden. Nett die Doktorandin. Sie will keine Antworten. Sie will das Gefühl des erlösten Gewissens. Man redet mit dem Psychiatrischen freundlich. Man hat Respekt.
Respekt.
Sie löffeln einen veganen Eintopf aus containerten Resten eines Leipziger Nettos. Sie sprechen vom: Hinterland. Ich schaue mich von der Hollywood-Schaukel im Urban Garden um. Ein ordentlicher Garten, den ein Sturm zersaust hat.
Hinterland. Meine alte Mitbewohnerin zeigt eine WebMap-Anwendung der Europawahlen 2019. Leipzig tupft Grün zwischen Nordblau und Südschwarz. Ostdunkelblau die Landkreise Sachsens, Brandenburgs, Görlitz, Oberlausitz. Von der Verwendung hydrologischen Vokabulars sieht sie nicht ab. Fließen und Treiben, Sickern und Fluten ein Deich gegen den Faschismus, vielleicht ein bisschen viel aufgesetzt. Macht durch Fläche gewinnt der ländliche Raum und die Fläche schließt zum Meer.
"Wir sind das Hinterland.", beendet sie einen Topf.
Das Hinterland schmeckt gut. Das Hinterland gibt den Menschen die Chance, seinen Interessen zu folgen. Im Hinterland feiern sie WG-Partys und entdecken und neuentdecken ihre Sexualitäten, ihre Gender, ihre Ihre. Extra viel Befreiung! Das Hinterland studiert, das Hinterland surrt vor Neubeginn, meiner bleibt: Das Kopfnicken zur Rezeptionsangestellten der Leipziger Psychiatrie.
*
Party in der Schweiz, ich zwinge mich mit antidepressiver Disziplin. In einer Züricher WG-Küche fragen sie, wo ich wohne, ich sage "Dorf bei Dresden", und das Gespräch verstummt, aus Little Smalltalk wird Serious Bastard. Plötzlich war da was, plötzlich lag da diese Linie: Von den Kapiteln der Weimarer Republik zu den Essayisten der Gegenwart, plötzlich siffte an den Grenzen faschistisches. Der Vorschlag einer deutschen Flagge samt Georgs-Kreuz nach dem Zweiten Weltkrieg zum germano-wehrhaften Symbol des Reiches. Menschen an Menschen an Menschen, die Unzufriedenheit über die da oben (Politik) und die da unten (Flüchtlinge) demonstrieren. Berichte über Ausländerfeindlichkeit, über eine neue Kraft, über einen Kampf: Plötzlich die Kampfzone und dann ich. Ich, im Hinterland. Dorf bei Dresden, ich soll Bericht Euch legen. Man tötet den Überbringer einer bösen Botschaft, heißt ein Narrativ prämodernen Schauderns.
Ich sage: "Niedrigstes Wahlergebnis der Alternativen bei den Wahlen 2017 im Landkreis".
"Echt?"
"31%".
"Und wie ist das so?"
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Den Landser stellte der Pabel-Moewig-Verlag (wer nennt sein Kind denn Pabel?) am 13. September 2013 ein. 56 Jahre Weltkrieg 2. Gute Deutsche gegen böse Amis und einem teuflisch-orthodox-kommunistischen Iwan. Ausgabe für Ausgabe wählte der Layouter eine Illustration und eine Farbe. Waffen-SS umrahmt von Pink. Ich denke an das einzige Gewerbe im Dorf, dem Getränkemarkt am Ortsaus- und eingan

Dutzende Landser-Ausgaben färben das untere Zeitschriften-Regal wehrmachtsbunt. Die Angestellte mag mich, ich mag sie, sie hat eine hübsche Tochter mit Hang zu starkschwarzem Lidschatten, das ihr steht - mehr verhindert mein ästhetisches Gefühl. Sie hat mal nach einem Eis gefragt. Vielleicht will sie mit mir über das schattigste Tal Sachsens fliehen und...tja...zurückfliehen. Ich mag den kleinen Getränkemarkt, nichts funkt, nicht ist kaufoptimiert, kein Verkaufspsychologe schrieb Analyse. Wasser- und Bierkästen stehen, Rohbaustaub riechen, manchmal gibts einen Plastik-Lkw einer sächsischen Brauerei, manchmal kaufe ich die Drehscheibe. Mittleres Regal. Das wahrste Fachmagazin für Bahnfreunde. Sie steht neben der Eisenbahn-Rundschau und dem (oh selten im Fachhandel!) Magazin für Eisenbahn-Geschichte. Während hier pflichtbewusst Eisenbahn betrieben wird, kämpft im Regal darunter der Landser. Darüber präsentieren Hausfrauen Hackfleisch-Variationen.
"Und, gehst du auch zur Wahl?"
"Ja, denke schon."
Schwarzer Lidschatten zählt das Wechselgeld ab:
"Du bist bestimmt ein Grüner. Aber man muss was für seinen Ort tun, also die Alternative."
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Interne Verweise

Kommentare

09. Jun 2019

Oh Mann, ist das gut geschrieben. Dazu noch flott hoch Drei.
LG Uwe

10. Jun 2019

Also ich kann mich hier nur anschließen: Hat mich wirklich sehr beeindruckt! Kaum vorstellbar, dass du nur ein Gelegenheitsdichter bist.

LG Jürgen