Der Hardcore-Peter

von Anton Maurer
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Es war einmal ein Peter, der hatte einen Musikgeschmack, der so hart war, dass man sich davon keine Scheibe abschneiden konnte. Das war aber nicht immer so gewesen. Früher war der Peter ein netter Junge mit einem sonnigen Gemüt. Er trug farbenfrohe Strickpullover, die ihm seine Großmutter zum Geburtstag schenkte, und hörte Mozart. Wenn er übermütig war, hörte er den Säbeltanz von Chatschaturjan.

Doch dann, eines Nachts, passierte es. Peter konnte nicht einschlafen. Und plötzlich vernahm er ein leises Stampfen, gefolgt von einem tiefen Gurgeln. Dann wieder ein Stampfen, diesmal lauter. Ein Klirren, dann Gelächter.

Na sowas, dachte sich Peter. Um diese Zeit muss man doch schlafen. Und weil er sehr neugierig war, zog er sich einen Strickpullover an, schlüpfte in seine blank geputzten schwarzen Schuhe, die er am Sonntag zum Kirchgang trug, und stahl sich aus dem Haus. Er folgte dem Getöse, das immer lauter wurde. Hinter der nächsten Ecke musste es sein! Auf Zehenspitzen schlich er bis zur besagten Ecke und lugte vorsichtig um die Kurve. Und dann ging ihm der Mund auf.

Da standen wilde Gestalten mit langen, verfilzten Haaren, silbergrauen Bärten und schwarzen Sonnenbrillen. Ihre Haare hatten sie mit schmutzigen Fetzen zusammengebunden, auf ihren Lederjacken prangten riesige Totenköpfe. In den Gürteln steckten Pistolen und Totschläger. Die ganze Meute stand um einen großen Radioapparat herum und bewegte die Köpfe im schnellen Takt der Musik. Einige brachten es fertig, gleichzeitig zu rauchen. Neben dem Radio standen einige Flaschen, auch sie mit Totenköpfen auf den Etiketten. Soeben warf eine der wilden Gestalten eine leere Flasche über die Schulter, sie zerschellte knapp neben Peters Gesicht. Er hatte gerade noch rechtzeitig seinen Kopf zurückgezogen.

Peter konnte sich die finstere Gesellschaft nicht ganz erklären, aber sie faszinierte ihn. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, rutschte zaghaft näher und tippte einer der kräftigsten Gestalten auf den tätowierten Oberarm. „Was macht ihr denn hier?“, fragte er. Der Kerl würdigte ihn keines Blickes. „This is our religion, baby“, brummte er mit einer sehr tiefen, heiseren Stimme. „Now get the fuck out of here!“

Peter rannte heim. Die dunklen Gestalten hatten ihn tief beeindruckt, und noch mehr die Worte des alten Finsterlings. „Get the fuck out of here“, murmelte er leise, bevor er einschlief. Wow!

Am nächsten Tag hörte Peter keinen Mozart. Er zog sich das schwarze Hemd an, das er zur Beerdigung seines Großvaters getragen hatte, warf seinen Computer an und suchte nach „Get the fuck out of here“ und „This is our religion, baby“.

In den folgenden Wochen war Peter der dunklen Seite seiner Existenz auf der Spur, sehr zum Kummer seiner Eltern übrigens. Er färbte seine Haare schwarz, ließ sie verfilzen, kaufte sich eine Lederjacke mit Totenkopf, einen breiten Gürtel und einen Totschläger. Auf seiner Brust prangten ein neongrüner Mittelfinger und sein Lebensmotto: Get the fuck out of here.

Peter steigerte sich von Unheilig’s „Schenk mir ein Wundaah“ über Oomph! und Marilyn Manson bis zu Slayer. Rammstein hörte er beim Aufstehen, Blank & Jones zum Frühstück. koRn und Faith No More hörte er, während er schlief. Auf einem Nagelbrett, das er sich gekauft hatte.

Dann, eines Tages, hörte er von der härtesten aller Partys. Stattfinden sollte sie Samstagnacht in einem zwielichten Viertel seiner Stadt. „Der Untergang“ las Peter auf den Anschlägen. „Eintritt: Wenn du zu uns gehörst. Dresscode: Afterlife.“

Samstagnacht klebte sich Peter einen falschen Vollbart an, wickelte sich in einen Ledermantel, der bis zum Boden reichte und hängte sich die langen, dreckstarrenden Haare ins Gesicht. So vorbereitet, stampfte er Richtung Party. Am Eingang zu dem alten Kellergewölbe stand inmitten von Glasscherben ein muskelbepackter Typ mit Glatze und dicken Ringen an den Fingern. Er packte Peter am Kragen, hob ihn hoch, knallte ihn mit dem Rücken gegen eine Wand, zwickte ein Auge zusammen und fragte langsam: „Bist du hart genug, Kleiner?“ Statt einer Antwort holte Peter sein Messer aus der Manteltasche und schlitzte sich damit die Wange auf. Zehn Sekunden später war er im Kellergewölbe.

Die Anschläge hatten nicht gelogen, die Musik im Keller war wirklich hart. Der Sänger kreischte Todesdrohungen ins Mikrophon. Schlagzeug gab es keines, stattdessen schmetterte der Gitarrist im Takt seine Gitarre auf den Boden. Schwarz gewandete Gestalten übten sich im Headbanging. Peter knallte seinen Kopf zum Aufwärmen gegen einen Ziegelstein. „This is our religion, baby“, murmelte er und ließ einen Blick in die Runde schweifen. Die Augen seines Nebenmannes waren vom dichten Rauch rotverquollen und er hatte Schaum vor dem Mund.

Die Band ließ sich auch nicht lumpen. Als sie sich heiser gebrüllt hatte, beschloss sie, ihr Publikum zu vernichten und brachte einen riesigen Flammenwerfer auf die Bühne. Peter betrachtete das Geschehen von oben, denn in diesem Moment war ihm beim Headbanging der Kopf abgerissen und segelte nun durch ein kleines Deckenfenster ins Freie, dem eiskalten, nachtschwarzen Abendhimmel entgegen.

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