Rotäktchen und der Wolf

Bild von Dieter J Baumgart
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Die folgende, einigermaßen verfremdete Rotkäppchen-Version hat ihren Ursprung in einer wahren Begebenheit.
Der Autor, der sein Leben – nach Beendigung einer langjährigen Beschäftigung gegen Entgelt – während des größten Teils des Jahres im kleinsten Haus eines sehr kleinen Dorfes in Südfrankreich zubringt, war zu jener Zeit alljährlich für zwei bis drei Monate zu Gast in seiner alten Heimat Deutschland, wo er Menschen in Schulen, JVA, Bistros, kulturellen Vereinigungen und Altersheimen mit Lesungen aus seinen Büchern erfreute.
Im Jahr der Schwarzen Kassen 1999 trug es sich zu, daß er, wieder einmal in seiner französischen Heimat angekommen, feststellte, daß er einen wichtigen Aktenordner vergessen und statt dessen einen unwichtigen mitgenommen hatte. Telefonisch bat er seinen Sohn, den Inhalt des vergessenen Ordners baldmöglichst auf den Weg nach Frankreich zu bringen. Der Sohn, nach eigener Aussage auch als der Lange Arm der Vergeßlichkeit im Familienkreis bekannt, reagierte recht schnell. Und so konnte der Autor bald ein Päckchen mit den, wie er annahm, erbetenen Dokumenten in Empfang nehmen.
Als er das Päckchen erwartungsvoll öffnete, stellte sich ihm der Inhalt als feine Papierschnipsel mit obenauf liegendem Begleitschreiben dar, aus dem hervorging, daß der erbetene Ordnerinhalt leider versehentlich im Aktenwolf gelandet sei und nun in dieser Form beiläge. Tief unter den geschredderten Papieren fanden sich dann allerdings doch noch die wichtigen Dokumente. Den Schock noch in den zitternden Fingern, so verfaßte der Autor die folgende Geschichte nach dem Motto: „Wenn er mich schon zu Tode erschreckt, dann soll er wenigstens auch Gefahr laufen, sich totzulachen!“

Ein Märchen für Eingewei(c)hte

Es war einmal ein Äktchen, das war so klein, daß sich nicht einmal der arbeitswütigste Beamte im hellsten Augenblick seiner Laufbahn daran vergriffen hätte. So klein war es, daß nur ein armer alter Rentner, der jahrein jahraus mit seiner eben so armen und fast so alten Frau in einem klitzekleinen Häuschen im Süden der Europäischen Union sein Dasein fristete, sich seiner – des Äktchens – erbarmte und es in seinem klitzekleinen Auto, dem kleinsten, das die Automobilindustrie je vom Band gerollt hatte, stets mitnahm. Und weil das Äktchen meist ein rotes Ordnermäntelchen trug, wurde es allenthalben Rotäktchen genannt. Und so soll auch nicht verschwiegen werden, daß Rotäktchen auf seinen Namen recht stolz war und gelegentlich sogar mit dem Gedanken spielte, in die Sozialdemokratische Partei einzutreten, als es eines Tages ein grünes Mäntelchen bekam. Da sagte es sich mit Recht, daß es mit den politischen Bindungen so eine Sache ist, und verzichtete auf entsprechende Maßnahmen.
Natürlich hatte es in stillen Stunden auch schon mal den einen oder anderen Brief in sich heimlich gelesen und wußte, daß der arme alte Rentner und seine eben so arme aber nicht ganz so alte Frau gegen rote und grüne Farbtöne nichts hatten, so lange sie nicht vom schwarzen Schimmel befallen wurden. Aber weil im nunmehr rotgrünen Äktchen stets fleißig geblättert wurde, bestand eigentlich auch keine Gefahr, daß sich der schwarze Schimmel einschleichen könnte. Und weil Rotäktchen auch weiterhin seinen Namen behalten konnte, war da eigentlich nichts, was dem Äktchen gegen die Blätter ging.
Da begab es sich eines Tages, daß der arme alte Rentner und seine eben so arme aber jüngere Frau mal wieder keine Tapeten mehr um sich haben wollten. Und so wurde das klitzekleine Autochen gepackt, und natürlich wurde auch für Rotäktchen ein klitzekleines Plätzchen freigelassen. Da aber trug es sich zu, daß sich die Sehschärfe des armen alten Rentners so weit verschlechtert hatte, daß er beim Bereitstellen der wenigen Habseligkeiten, die er und seine fast so alte und gleich arme Frau mit auf die beschwerliche Reise nahmen, einfach daneben griff. Leider wollte es das Schicksal, daß er nicht ins Leere griff, denn dann hätte es im klitzekleinen Autochen eine leere Stelle gegeben und dem armen alten Rentner wäre das aufgefallen. Er hätte seine eben so arme aber noch nicht ganz so alte Frau gefragt, ob sie auch ihre siebenunddreißig Nähmaschinen und die vier Doppelzentner Stoffe eingepackt habe. Und weil sie das stets als erstes einpackt, wäre es aufgefallen, daß das Äktchen fehlt.
So aber geschah es, daß der arme alte Rentner zwar daneben, aber nicht ins Leere griff. Er griff ein anderes Äktchen, denn er war ein fleißiger armer alter Rentner und hatte im Laufe seines Lebens schon so manches Äktchen gefüllt. Also wanderte ein Äktchen, das noch nie eine solche Reise gemacht hatte, statt des Rotäktchens in das klitzekleine Autochen und fuhr gemeinsam mit siebenunddreißig Nähmaschinen und vier Doppelzentnern Stoff in den Süden der Europäischen Union. Erst Tage später, als der arme alte Rentner wieder einmal ein wenig Gehirnschmalz zu beschriebenem Papier verarbeitet hatte und es im Rotäktchen der interessierten Nachwelt erhalten wollte, kam der verhängnisvolle Irrtum an das Rest- oder auch Dämmerlicht eines dahinwelkenden Spätwintertages im Süden der Europäischen Union.

Fassungslos betrachtete der arme alte Rentner das falsche Äktchen und erahnte, was in den stern Redakteuren vorgegangen sein mußte, als sie entdeckten, daß die Hitlerschen Tagebuch-Äktchen nicht die richtigen waren. Aber natürlich hinkt dieser Vergleich noch wesentlich mehr, als der damalige Reichspropagandaminister, denn das Innenleben aller Äktchen, die der arme alte Rentner im Laufe seines staatsbürgerlichen Lebens befüllt hatte, war stets lauter und von loyaler Gesinnung, selbst gegenüber dem Finanzamt. Und das will schon was heißen. Aber wie dem auch sei: Selbst der armen und fast so alten Frau des Rentners traten angesichts der verzweifelten Situation die Tränen in die Augen und wollten sich schon in den beide Augen umgebenden Fältchen verlieren, als der arme alte Rentner eine seiner zündenden Ideen hatte.
Im Zentrum der Europäischen Union hatte die Fruchtbarkeit des armen alten Rentners und seiner gleich armen aber doch jüngeren Frau Spuren hinterlassen. Eine dieser Spuren war auch unter dem zutreffenden Namen der Lange Arm der Vergeßlichkeit bekannt. An diesen wandte sich der arme alte Rentner in seiner Not und bat, dem Rotäktchen doch einen Reiseplatz beim inzwischen privatisierten Akten-Reisebüro zu buchen, damit es mit einem EU-Versanddokument ausgestattet auch das klitzekleine Häuschen im Süden der zeitweise führungslosen Europäischen Union findet.
Nun hatte der arme alte Rentner aber nicht bedacht, daß der Lange Arm der Vergeßlichkeit seinen Beinamen nicht zu Unrecht trug. Auch hatte der zwei Hausangestellte, denen zwei ganz gegensätzliche Aufgaben oblagen. Der eine war fürs Verschicken zuständig, das war er aus Sparsamkeit selbst, und der andere war fürs Vernichten zuständig. Und das war der Böse Wolf!
Beide hatten sie, wie das in einem ordentlichen Heimbüro so ist, je ein Körbchen, in das die entsprechenden Dokumente kamen. Und für die Verteilung war nun also der Lange Arm der Vergeßlichkeit zuständig. Das ist so etwa das Gleiche, als wenn man den Bock zum Gärtner bestellt und der ist dann der Mörder! Jedenfalls wanderte Rotäktchen in das falsche Körbchen und landete schließlich im Rachen des Bösen Wolfs. Rotäktchen war nun Papierspaghetti und der Lange Arm der Vergeßlichkeit grämte sich darob sehr. Schnell, und somit ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, packte er die Papier-Spaghetti, die einmal Rotäktchen gewesen waren, in ein Paket, um es mit Hilfe eines inzwischen privatisierten und trotz rotgrüner Regierung mit schwarzen Zahlen arbeitenden ehemaligen Staatsunternehmens auf einen Weg zu bringen, der nach Vorgabe des Langen Armes der Vergeßlichkeit direkt in das klitzekleine Haus im Süden der zwar nicht mehr führungslosen, aber auch weiterhin zerstrittenen Europäischen Union münden sollte.
Dortselbst wurde das Päckchen dann auch angeliefert und seitens des armen alten Rentners und im Beisein seiner eben so armen aber doch jüngeren Ehefrau frohgemut geöffnet. Hatte er, der arme alte Rentner, die Spaghetti zuvörderst noch als weiches Beiwerk für einen angenehmen Reiseweg des geliebten Rotäktchen angesehen, so wurde er anläßlich der Kenntnisnahme der vom Langen Arm der Vergeßlichkeit beigefügten erklärenden Zeilen schnell in tiefe Verzweiflung gestürzt. So etwa mußte einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß zumute sein, wenn jener einen Koffer mit Stasi-Akten öffnet und nur noch Papierschnipsel vorfindet. Natürlich hinkt auch dieser Vergleich an maßgeblicher Stelle, denn Rotäktchen wurde erst nach der Wende gezeugt und war somit ein unbelastetes Spätgeborenes, was allerdings nichts daran änderte, daß es sich dem tränenumflorten Blick des armen alten Rentners und seiner eben so tränenumflorten, armen und in diesem Moment nahezu gleichaltrigen Ehegattin als Papier-Spaghetti darstellte.
Fassungslos betrachteten beide das, was in besseren Zeiten einmal Rotäktchen war. All die hehren Ideen, die sich nun zerfranst kringelten, tauchten bruchstückhaft im Hirn des armen alten Rentners auf, erzeugten Blasen an der Gedankenoberfläche und erinnerten an das faulige Wasser eines alten, umgekippten SED-Bonzen-Gartenteichs auf dem mit Altlasten gesättigten Grund und Boden einer ehemaligen DDR-Kooperative. Gewiß, auch dieser Vergleich hinkt. Schließlich war die Bodenreform durch den Viermächtestatus abgesichert, das Hirn des armen alten Rentners hingegen lagerte schutzlos unter schütterem Haupthaar.
Ein Außenstehender, zu dem vielleicht auch der Leser dieser Zeilen gehört, mag denken, er, der arme alte Rentner, solle das Zeugs doch in den Kamin werfen und so den Tod durch Erfrieren um einige Minuten hinauszögern. Doch das brachte jener nicht über sich. Er bemächtigte sich einer der rechteckigen Backformen seiner eben so armen wie ungleichaltrigen Gattin, weichte das Spaghetti gewordene Rotäktchen darin ein, buk es im hauseigenen Backofen, lochte es ordnungsgemäß, ordnete es in einen eigens beschafften rotgrünen Ordner ein und ordnete den befüllten Ordner schließlich unter Tränen dort ein, wo eigentlich Rotäktchen seine Tage verbringen sollte.
Beide, der arme alte Rentner und seine eben so arme und fast an ihn herangealterte Gattin verbrachten eine kummervolle Nacht. Und als der arme alte Rentner, kaum graute der Morgen, an das Aktenregal, in dem die gebackenen Rotäktchen-Spaghetti kläglich vor sich hin kauerten, herantrat, um noch einen Abschiedsblick in den Ordner zu werfen, da traute er seinen Augen nicht: Jungfräulich und im schönsten Blätterkleid bot sich ihm ein frisch erblühtes Rotäktchen dar. Schnell rief er seine sich augenblicklich verjüngende, wenn auch noch unausgeschlafene und eben so arme Gattin herbei und machte sie mit dem eingetretenen Wunder bekannt. Von nun an waren sie im Geiste reich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie – alle drei – noch heute.

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