Der Eisbär und der Pinguin

Bild von Stefan Fourier
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»Das hat doch alles keinen Sinn mehr«, grummelte der Eisbär leise vor sich hin. Ausgestreckt auf dem Bauch lag er da, das Kinn auf das rechte Vorderbein gestützt, und blinzelte mit halb geöffneten Augen in die Frühlingssonne. Jetzt war wieder die Jahreszeit, in der einem das grelle Sonnenlicht den Mittagsschlaf verdarb. In der man schon am frühen Morgen ins Schwitzen kam. Und in der sich der schöne, kühle Schnee, auf den man sich gerade gebettet hatte, binnen kurzer Zeit in eine eklige, lauwarme Pfütze verwandelte.
Und dann erst der Hunger! Keine Robbe weit und breit. Alle nach Norden abgehauen. Nicht mal ein Lemming oder ein Seetaucher in Sicht. Seit Tagen nur Seetang, Seetang, Seetang. Pflanzenfraß bis zum Erbrechen – eines Raubtiers einfach unwürdig. Müde schweifte der Blick des Eisbären zum Ufer. Dort lag auf dem von Schmelzwasser feuchten Kieselstrand noch ein abgenagtes Rentierskelett. Nicht mal die Polarfüchse oder die Seemöwen fanden daran noch eine einzige Fleischfaser.

So war sie stets, die Jahreszeit, in der sich die Eisbären der Wrangelinsel auf den weiten Weg nach Norden machten. Wie schon ihre Väter und Großväter und Urgroßväter verließen sie die Insel, sprangen von Eisscholle zu Eisscholle und schwammen viele, viele Kilometer Richtung Nordpol. Zum ewigen Eis, dahin, wo es schön kühl war. Wo es jetzt noch leckere junge Robben gab. Und wo sie ihre Ruhe hatten vor diesem verdammten Frühling.

Aber dieses Jahr hatte der Eisbär keine Lust, mit den anderen nach Norden zu ziehen. »Das hat doch alles keinen Sinn mehr«, murmelte er noch mal, atmete tief ein und aus, schloss die Augen und versuchte, einfach weiterzuschlafen. Als er so vor sich hindöste, erschien ihm im Halbschlaf seine große Liebe. Das schönste Weibchen, das er je gesehen hatte, mit einem strahlend weißen Fell und geheimnisvollen schwarzen Augen.

Und dann sah er noch einmal, wie er sie verloren hatte. Jämmerlich ertrunken war sie, völlig entkräftet, im letzten Frühling, auf dem Weg nach Norden. Er wollte der Liebsten den ganzen Weg folgen und musste mit ansehen, wie sie unterging. Da war er umgekehrt und hatte einen fürchterlichen Sommer auf der Insel verbracht, gehungert und gedarbt. Er konnte dieses Weibchen nicht vergessen. Und längst waren es viele, die ihre Liebsten an das Meer verloren hatten. Jedes Jahr zog sich das Eis weiter zurück, jedes Jahr wurde der Weg zum Packeis länger und jedes Jahr schafften es weniger Eisbären, die sommerlichen Jagdgründe zu erreichen. Es wurde einfach immer wärmer. Die Welt veränderte sich. Nichts war mehr so, wie die Großväter es gekannt hatten.

Am liebsten wäre der Eisbär einfach hier liegen geblieben. Wenn bloß diese blöde Sonne nicht so stechen würde! Und wenn dieser elende Hunger nicht wäre! Missmutig öffnete er die Augen und stellte sich auf die Hinterbeine, dann auf die Vorderbeine, dann erhob er sich, bis er in seiner ganzen Größe aufrecht stand. Er ließ den Blick bis zum Horizont schweifen – und hatte eine Idee.

Er würde zu dem alten Eisbären gehen, dem Ältesten der ganzen Insel. Zu dem gingen immer alle, wenn sie Probleme hatten. Dieser Eisbär war schon fast fünfzig Jahre alt. Er war in einer Zeit groß geworden, als unvorstellbar schien, dass das ewige Eis eines Tages schmelzen könnte. Den alten Eisbären würde er fragen, wohin er gehen sollte. Vielleicht nach Süden statt nach Norden? Möglicherweise suchten alle die Kälte in der vollkommen falschen Richtung.

»Komm nur herein«, brummte der Älteste in seiner Eishöhle, als der Eisbär am Eingang stand und mit der rechten Tatze vorsichtig an einen dicken Eiszapfen klopfte. »Hier drinnen ist es schön kühl.«

Und tatsächlich, die ganze Höhle war erfüllt von einer wohligen Kälte. Es war so kuschelig kalt, dass der Eisbär sogar seinen Hunger vergaß. Und als der Älteste ihm noch frisches Eiswasser mit großen, glänzenden Eiswürfeln zu trinken anbot, fühlte er sich gänzlich wie in Abrahams Schoß.

Würdevoll saß der Älteste tief in seiner Eishöhle, die Hinterbeine eingezogen, die Vorderbeine ausgestreckt, den Hals gerade und den Kopf leicht zur Seite geneigt. Es war ein Bild erhabener Ruhe und Kraft.

»Was führt dich zu mir?«, fragte der Älteste seinen Gast und sah ihn mit seinen dunklen Augen an.

»Ich sehe keinen Sinn mehr darin, mit den anderen nach Norden zu ziehen«, entgegnete der Eisbär. »Das Eis schmilzt, die Kälte verschwindet. Jedes Jahr kommen weniger von uns zurück.«

Der Älteste nickte verständnisvoll. Und der Eisbär fuhr fort: »Warum probiert niemand etwas Neues? Warum suchen wir die Kälte nicht woanders?«

Der Alte nahm einen Schluck Eiswasser und sagte dann: »So ist es nun einmal. Die meisten tun einfach das, was sie immer getan haben.« »Und wenn es nicht mehr klappt?«, fragte der Eisbär.

»Dann tun sie immer noch das, was sie gewohnt sind. Bloß heftiger und verzweifelter«, sagte der Älteste. Sein Ton war dabei milde und verständnisvoll.

»Das kann nicht sein!«, protestierte der Eisbär. »Wenn etwas nicht mehr klappt, dann muss man etwas Neues ausprobieren. Wenn die Kälte im Norden verschwindet, dann muss man sie eben im Süden suchen.«

»Du, mit deiner schwarzen Strähne«, sagte der Ältestelächelnd und betrachtete die Besonderheit auf der Stirn des Eisbären, »du warst schon immer anders. Du bist mutiger als die anderen. Also gehe deinen eigenen Weg.«

»Ich soll also nach Süden gehen und dort die Kälte suchen?«, fragte der Eisbär.

»Wenn ich jünger wäre, käme ich mit dir«, entgegnete der Älteste. »Aber ich bin alt. Wenn du nicht gehst, wird niemand gehen. Tu es für uns!«

Bei diesen Worten spürte der Eisbär auf einmal eine bisher nicht gekannte Energie in sich aufsteigen. Seine Muskeln spannten sich, und er sagte stolz und zuversichtlich: »Ja, ich gehe! Ich mache mich gleich auf den Weg. Ich wandere so weit nach Süden, bis ich dort die Kälte wiederfinde. Und wenn ich sie gefunden habe, kehre ich zu euch zurück und führe euch alle dorthin.«

»Tu es für uns!«, wiederholte der Älteste. Und er sah dem Jüngeren lange nach, als dieser die Höhle verlassen hatte und sich auf den Weg nach Süden machte.

Zur gleichen Zeit auf der anderen Seite der Erde. Ein eisiger Herbststurm fegte über die endlose Weite der Antarktis. Wie ein gewaltiger Trauerzug zogen die Pinguine in Richtung Meer. Hundert, fünfhundert, tausend Pinguine dicht an dicht. Nach vorn gebeugt und mit gesenkten Köpfen watschelten sie gleichmütig dahin, Schritt für Schritt, Meter für Meter, Kilometer für Kilometer. Der Wind pfiff nur so durch ihre Reihen, und die Eiskristalle prasselten auf ihr dichtes, schwarzweißes Gefieder.

Im Morgengrauen hatten sie ihre Familien verlassen. Zwei, drei Tage würden die Weibchen und Jungen in der Kolonie ausharren, bis der Zug der Tausend von der Jagd im Meer zurückkäme, die Bäuche voller leckerer Krebse und anderem Kleingetier. Doch der Weg war weit und beschwerlich. Die Eiswüste schien endlos zu sein. Ein ständiges Schnarren und Schnattern, welches das Heulen des Windes kaum übertönte, lag über dem Zug der Geplagten. Die Pinguine klagten sich gegenseitig ihr Leid.

»Immer müssen wir marschieren, marschieren«, jammerte einer in Reihe sechsundneunzig.

»Bei diesem Scheißwetter!«, ergänzte der Hintermann in Reihe siebenundneunzig.

»Andere Tiere haben es viel besser, viel besser«, klagte einer in Reihe fünfunddreißig.

»Nie, nie können wir uns mal Urlaub leisten«, seufzte einer in Reihe hundertvier.

Dann, endlich, nach Stunden beschwerlichen Marsches, lag das offene Meer vor ihnen. Der Sturm hatte sich verzogen, und ein wolkenloser Himmel verlieh der Wasseroberfläche ein geheimnisvolles Dunkelblau. Hier, wo die Eiswüste endete wie abgebrochenes Brot, jagten die Pinguine immer und immer wieder nach Meeresgetier. Wie schon ihre Väter und Großväter und Urgroßväter.

Doch wer würde diesmal den Anfang machen? Bibbernd vor Angst standen die Pinguine an der Eiskante. An Land hatten sie keine Feinde. Aber im Wasser, in ihren Jagdgründen, gab es furchtbare Biester, denen eine kräftige Pinguinmahlzeit gerade recht kam. Seelöwen und Seeleoparden, Haie und Schwertwale – ihnen allen lief das Wasser im Mund zusammen, wenn sie dieses appetitliche schwarzweiße Gefieder sahen.

»Spring du zuerst, du zuerst!«

»Nein, du, du!«

»Nein, das könnt ihr nicht von mir verlangen!«

Fast eine halbe Stunde ging es so hin und her. Die Pinguine starrten auf das Wasser und zitterten und schnarrten. Da fasste sich der Pinguin mit dem blassen orangefarbenen Fleck auf dem Bauchgefieder ein Herz. Kopfüber sprang er ins Wasser und tauchte tief ein. Und kaum dass er eingetaucht war, sprangen hundert, fünfhundert, tausend Pinguine hinterher. Eine Reihe nach der anderen, bis zur allerletzten. Und dann jagten sie Krebse, und keines der großen Raubtiere des Ozeans störte sie dabei, für sich und ihre Familien die Bäuche zu füllen.

Stunden später, als auch der letzte Pinguin mit einem meterhohen Satz wieder auf das eisbedeckte Festland gesprungen war, standen die Pinguine dicht beisammen und warfen einander unzufriedene Blicke zu.

»Ich hab noch Hunger!«, rief einer.

»Ich auch, ich auch, ich auch«, schallte es hundertfach zurück.

Jahr für Jahr, Monat für Monat, Woche für Woche fanden die Pinguine weniger zu essen. Sie wurden einfach nicht mehr satt. Und jedes Mal jammerten ihre Familien nach der Rückkehr, dass die Jäger nicht genug zu futtern nach Hause brachten. Woran mochte das bloß liegen? Die Welt veränderte sich. Nichts war mehr so, wie die Großväter es gekannt hatten.

»Zu wenig Krebse, Krebse!«, schallten Rufe aus der Menge.

»Kaum noch Algen!«, riefen andere.

»Weniger Eisschollen, wo sind die Eisschollen?« schrien sie durcheinander.

»Ja, die Kälte geht weg«, verstärkte sich das Rufen an einem Ende des Pulks.

»Und mit der Kälte die Eisschollen«, rief einer.

»Und mit den Eisschollen die Algen«, fügte ein anderer hinzu.

»Und mit den Algen die Krebse!«, schloss ein Dritter.

»Unser schönes Essen, unser schönes Essen!«, jammerten da alle.

Doch dann fielen die Blicke der Menge auf den Pinguin mit dem orangefarbenen Fleck auf dem Bauch. Er stand ganz nah am Wasser, wo das Eis zum Meer hinausragte, und war umringt von elf weiteren Pinguinen. Sie standen ganz nahe an der Eiskante und starrten gebannt auf die Wellen. Noch waren die Zwölf unschlüssig, ob sie noch einmal hineinspringen sollten, zu einem neuen Jagdversuch.

»Ihr da, ihr da, seht nach, wo die Kälte ist!«, kamen Stimmen aus der Menge.

»Schwimmt los und sucht die Kälte, macht euch auf den Weg!«, forderten bald immer mehr.

Der Pinguin mit dem hellen orangefarbenen Fleck auf dem Bauch und seine Kameraden starrten zitternd auf das Wasser. Auf keinen Fall wollten sie wieder hinein.

Doch die Menge wurde immer lauter. Alle riefen durcheinander.

»Geht mal, geht mal, geht mal!«

»Macht nur, macht nur!«

»Springt ins Wasser!«

»Sucht die Kälte!«

»Schwimmt nach Norden!«

Da nahm der Pinguin mit dem blassen orangefarbenen Fleck auf dem Bauch allen Mut zusammen. Mit einem Kopfsprung stürzte er sich wieder in das Wasser. Und kaum war er eingetaucht, sprangen die elf anderen beinahe gleichzeitig hinterher. Schließlich schwammen sie, dicht beieinander, mal der eine, mal der andere vorweg, Seemeile für Seemeile, immer weiter nach Norden, auf der Suche nach der Kälte.

Aus "Der Eisbär und der Pinguin. gemeinsam sind wir stark", 2007

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