Vom Nutzen eines Regenschirms

Bild von Stefan Fourier
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Das wäre geschafft, dachte Caroline voller Genugtuung. Dem Schröder habe ich ordentlich eingeheizt. Der denkt, bloß weil er Abteilungsleiter ist, kann er hier bestimmen. Immer wieder versucht er diese Tour. Aber nicht bei mir! Schließlich bin ich hier die Chefsekretärin. Und wenn ich sage, dass er seinen Bericht bis morgen Mittag abzugeben hat, dann ist das so. Punkt. Klar, der Chef braucht den Bericht erst nächste Woche. Aber was weiß denn der Schröder? Wenn ich sage, bis morgen, dann hat das zu geschehen.

Der Schröder hat doch tatsächlich argumentiert, dass die Konferenz erst in zwei Wochen ist. Hat er ja Recht. Aber trotzdem will ich seinen Bericht schon morgen. Schließlich muss der Chef ihn noch durchsehen. Macht er sicher noch am selben Abend. Aber seine Änderungen muss ich dann in das Vortragsmanuskript einarbeiten. Und das will ich mir schließlich einteilen, da brauche ich einfach einen Puffer. Das kann ich natürlich dem Schröder nicht erklären. Was versteht der schon von der Arbeit einer Chefsekretärin? Schließlich muss ich immer alles Mögliche auf die Reihe kriegen. Ablage, Terminorganisation, Besucher betreuen. Und eben auch immer wieder Manuskriptkorrekturen, Berichte und Präsentationen. Da brauche ich einfach Zeit.

Soll der Schröder sich doch ein bisschen beeilen. Die Zahlen muss er doch parat haben. Dieses Gejammer, als ich ihm das gesagt habe. Er müsse noch die Ergebnisse einer anderen Abteilung einarbeiten. Mir doch egal. Ich habe ihn nur noch angeschaut und „Morgen Mittag!“ gesagt. Und dann, so wie nebenbei, meinen stärksten Satz: „Der Chef hat das angewiesen!“ Da war Ruhe. Schröder zog ab, murmelte noch etwas von „Heute Abend … Geburtstag meiner Frau“ und schloss die Tür. Ach, war das schön. So ein Triumph. Das sind die wahren Freuden einer Chefsekretärin, dachte Caroline. Dafür hatte sich die Schinderei gelohnt, auf diese Position zu kommen.

Die Tür des Lifts öffnete sich und sie war in der großzügigen Lobby des Firmensitzes angekommen. Sie klapperte über den Marmorfußboden in Richtung Ausgang, um in der Mittagspause eine kleine Besorgung zu machen. „Es regnet ziemlich stark!“, rief ihr der Empfangsmitarbeiter zu. Sie schaute durch die riesigen Glastüren auf den Vorplatz. Tatsächlich, das war wirklich ein strammer Sommerregen. Überall standen Pfützen. Die Leute beeilten sich, möglichst schnell an ihr Ziel zu kommen. Manche hielten ihre Taschen über die Köpfe, andere versuchten vergeblich, sich mit Zeitungen vor der Nässe zu schützen. Einer hatte sogar sein Jackett über den Kopf gezogen, aber es nützte ihm nichts. Nur wenige hatten Schirme dabei.

Caroline drehte sich zum Empfang. „Haben Sie vielleicht einen Schirm?“ Der freundliche Mitarbeiter, schon etwas älter und mit einem gemütlichen Schnauzbart, reichte ihr ein großes Exemplar über den Tresen. „Hier, der hält einiges ab.“ Sie nahm den Schirm mit einem Lächeln in Empfang, nicht zu freundlich, aber immerhin ein wenig mehr, als es ihrer Vorstellung von der Würde einer Chefsekretärin entsprach. Der Mitarbeiter lächelte zurück. Er wusste, wen er vor sich hatte. Bei dieser Dame war es wichtig, sehr zuvorkommend zu sein. Die hatte den kürzesten Draht nach ganz oben, trotz ihrer Jugend. Oder gerade deswegen? Na ja, man machte sich eben manchmal so seine Gedanken.

Caroline ging durch die Drehtür und spannte unter dem riesigen, geschwungenen Vordach den Schirm auf. Dann überquerte sie den Vorplatz. Der Regen trommelte auf die Bespannung des Schirms. Weil der Schirm so groß war, blieb Caroline tatsächlich trocken. Bis auf ihre Pumps, die sich in den unzähligen Pfützen des Platzes schnell mit Wasser vollsogen. Aber ansonsten fühlte sie sich wohl und sicher. Sie konnte eine gewisse Schadenfreude nicht unterdrücken, als sie all die anderen um sich herum sah. Wie der Regen sie durchnässte, wie sie verzweifelt versuchten, unter einen Dachvorsprung zu kommen. Ihr konnte das egal sein. Sie hatte einen wirksamen Schutz. Sie fing sogar an, sich darauf etwas einzubilden. So war das richtig. Die anderen rannten im Regen und sie blieb trocken. Ihrer Position angemessen. Schließlich war sie etwas Besonderes. Sie begann vor lauter Übermut, den Schirm in ihrer Hand zu drehen, so dass die Tropfen von ihm weg in alle Richtungen spritzten. Einige Passanten wurden dadurch noch zusätzlich nass, schauten sie wütend an oder machten einen Bogen um sie. Aber das störte sie nicht.

Plötzlich kam eine Böe. Sie war heftig und fuhr genau unter Carolines Schirm. Der Auftrieb war gigantisch. Sie konnte den Griff nicht mehr halten. So wurde ihr der Schirm aus der Hand gerissen, als sie mitten auf dem großen Platz war. Schutzlos stand sie nun im Regen. Die Wassermassen strömten auf sie ein. Der Himmel hatte alle Schleusen geöffnet. Sie rannte zurück, verlor einen ihrer Pumps. Ihr Kleid klebte am Körper und ließ die Rundungen ihres Hinterns und der Schenkel hervortreten. Die Knospen ihrer Brüste traten steif hervor. Das Haar hing ihr wüst ins Gesicht. Ein Passant schaute sie breit grinsend an und pfiff anzüglich. Sie hätte ihn umbringen können. Schließlich erreichte sie völlig derangiert die Drehtür und schlüpfte hindurch. Ohne nach rechts oder links zu schauen, rannte sie auf den Fahrstuhl zu. Sie hatte Glück, dass sich die Tür gerade öffnete.

Als sie in ihrem Zimmer angekommen war, setzte sich das Unheil fort. Sie kam nicht einmal dazu, sich die Haare zu trocknen. Durch die offene Tür des Chefzimmers sah sie Schröder sitzen. Ein süffisantes Lächeln umspielte seinen Mund. Der Chef drehte sich mit wütender Miene zu ihr um. „Wie können Sie sich erlauben, in meinem Namen irrsinnige Termine auszugeben?“, donnerte er. „Ich dachte …“, stammelte sie kleinlaut. „Unterlassen Sie es in Zukunft, in meinem Namen zu sprechen. Sie sind nicht berechtigt, die Mitarbeiter unter Druck setzen, schon gar nicht, indem Sie sich auf mich berufen. Tun Sie das nie wieder!“ Und um ihre Schande vollkommen zu machen, bat er Schröder, das auch den anderen in der Abteilung zu sagen. Der grinste, erhob sich und verschwand.

Da stand sie also wieder im Regen. Gleich zwei Mal hatte sie an diesem Tag ihren Regenschirm verloren. Und irgendwann, viel später, dämmerte ihr: Wenn man unter dem Schutz eines Regenschirms trocken bleibt, ist das nicht das eigene Verdienst, sondern das des Regenschirms. Und irgendwie ist ein Chef auch so etwas wie ein Regenschirm.

Aus "Der blaue Diwan", April 2009

Veröffentlicht / Quelle: 
Der blaue Diwan
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