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Verlust einer Stimme

Bild von Walter Zeis
Bibliothek

Dr. Chmelius stieß die Tür zum Stationszimmer auf, griff sich in den Nacken und löste den letzten Knopf seines Kittels. Die Tür stieß an den Bereitschaftsschrank, und ein Klirren von Metall und Glas war in dem Raum. Er trat an das Fenster und stützte beide Hände auf das Fensterbrett. Er spürte die sterile Sauberkeit der kalten, weißen Farbe unter seinen Handflächen und roch die aufdringliche Luft, gesättigt mit Äther, Spiritus und Chloroform, die selbst vor dem geöffneten Fenster stehen blieb wie ein gläserner Dunst. Er sah die doppelten Fenster vor sich und wusste, dass das Glas in den hölzernen Rahmen diesen Geruch nicht annahm, der sich in seinen Anzug filzte, in seinem Haar hing und den er auszuatmen glaubte, wenn er schlief.
Oft schon hatte er darüber nachgedacht, warum er sich zeitweise vor diesem Geruch ekelte, der in jede Pore drang, sich dort einnistete und überall von ihm ausströmte, als hätte seine Haut nie anders gerochen. Dann hatte er, wenn er nach Hause kam, die Hand seiner Frau durch diese Hülle gezogen und an seine Lippen gehalten. Er sehnte sich nach diesem Geruch, obwohl er wusste, dass ein Abstrich aus dem Handteller seiner Frau genügen würde, die Bauchhöhle eines Blinddarmfalles tödlich zu infizieren. Das war ihm immer gleichgültiger geworden, weil ihm das Bürsten der Hände und der trübgelbe Gummihandschuh oft genug lächerlich erschienen, denn sie nahmen die Unsicherheit, ein plötzliches, unbegreifliches Zucken in den Händen doch nicht fort. Die Möglichkeit zu versagen klebte daran und saß irgendwo kauernd unter seiner Schädeldecke.
Er erinnerte sich, dass er dann über den Handrücken seiner Frau nach ihren Blicken sah. Und er suchte in ihren Augen, und es befriedigte ihn, wenn sie nicht heuchelte. Sie durfte diesen Geruch nicht hinnehmen, obwohl er ihn täglich mit sich nach Hause brachte und nachts neben ihr zwischen die Wände des Schlafzimmers stieß.
Dr. Chmelius sah durch das geruchlose Glas, hinter dem es nach Wasser, Blättern, Holz und Sand roch. Da draußen lagen sie in der Luft, diese winzigen, lebendigen Tode, nach denen er sich sehnte. Er öffnete das Fenster und zog seine Hand über das Glas; es war kalt und feucht. Der Abend hatte es angehaucht. Er neigte sich aus dem Fenster und spürte, wie mit seinem Haar und seinen Armen etwas hinausdrang in den Park und ein Stück davon durchätzte. Er sah hinunter auf die Blumenrabatte und wartete, ob die Blätter nicht welken würden.
Oft schon war in einer solchen Situation immer dasselbe vor ihm aufgetaucht. Auch jetzt schob sich heftiger als sonst die Szene in den Park hinein, da er dem Kapitän auf dessen Schiff geholfen hatte.
Dieses Erlebnis sprach Hohn allen Vorsichtsmaßnahmen und erhob Geistesgegenwart, eine sichere Hand, unvermitteltes Helfen in den Stand, die ihnen gebührten. Hier, so glaubten sie alle, war es getan mit dem Bannkreis von Arztseife, destilliertem Wasser, ausgekochten Geräten und Mullbinde vor Nase und Mund. Das war alles wie eine papierene Attrappe, wie Potjomkische Dörfer, vor denen sich Fälle und potenzielle Fälle verneigten und die ihnen der unfähigste Arzt entgegen schob, sicher, dass sie dann nicht zweifeln würden. Er hasste diesen Nimbus der Unfehlbarkeit, der an die weißen Kittel, die gesetzlich vorgeschriebene kaltfreundliche Schweigepflicht, an die Türen und Schilder und an die Instrumente gestrichen war wie ein Kalkanstrich ohne Leim.
Dr. Chmelius schloss das Fenster, warf sich den Mantel über, zog die Tür hinter sich ins Schloss, stieg in den Aufzug, drückte auf den Knopf und glitt in seine Vergangenheit. Und auf dem Wege nach Hause, hinter dem Steuer seines Wagens, stieg die Erinnerung an den Kapitän Olbricht immer deutlicher in ihm auf, auf dessen Schiff er, um das Nahkampfabzeichen zu erwerben, mitgefahren war und etwas getan hatte, was sich noch nicht wiederholt hatte, und er wusste nicht, ob sich etwas davon wiederholen sollte.
Er befand sich damals irgendwo an einer Küste, und Kapitän Olbricht befehligte eines von den wendigen Gefechtsbooten, die als Vorposten hinausgeschickt wurden, um sich dann so nah wie möglich an den Feind heranzutasten. Und der Ehrgeiz, der auch ihm als einem jungen Arzt irgendwann, ohne dass er es bemerkt hatte, injiziert worden war und einen unbegreiflichen Kriegsrausch bewirkt hatte, hatte auch ihn erfasst und ihn veranlasst, zehn Vorpostenfahrten mitzumachen, damit er sich mit dem Nahkampfabzeichen beheften konnte.
Neun Fahrten hatte er schon hinter sich gebracht, und die Gefahr war wie ein neues Serum in ihn gedrungen, bis er immun war. Es schob einen Blutspiegel vor den Blick, vor das Gehör; er verteilte sich im Gehirn und konzentrierte sich dort, wo sonst Todesangst, Selbsterhaltungstrieb und Vernunft nisteten.
Nun befriedigte es Dr. Chmelius, dass er damals auf dieser zehnten Fahrt ausgebrochen war, dass es ihm mit einem Mal nicht mehr angekommen war auf dieses Stück Blech, dessen Nadel den Uniformrock durchstochen hatte. Er hing an der Tatsache, dass er damals, als sie ihm das EK danebenstachen, einen Stolz empfunden hatte, der außerhalb jener Zeit lag. Er durfte sich nicht verbrauchen.
Das EK lag als einziges Erinnerungsstück rechts in seinem Schreibtisch auf grünem, dünnem Filz. Sie hatten erst kürzlich danach gesehen, er und seine Frau, und sie war fast zu jung, um dieses Kreuz zu verstehen, und er unterdrückte den Eifer, mit dem er seine Verehrung rechtfertigte. Der makabre Zug, den der Krieg diesem Stück Metall aufgeprägt hatte, war nicht wegzuwischen, selbst nicht in seiner Vorstellung; und die Mühe, ihn wenigstens vor seiner Frau abzutöten, indem er es in das Sterilisationsgerät der anderen, besseren Erinnerung legte, blieb erfolglos. Er schob es dann wieder auf den grünen, dünnen Filz auf dem Boden des Schubfaches, schloss die Schreibtischtür und verharrte alleine in der Erinnerung an seine Tat, durch die Olbricht an einem mühevollen Leben geblieben war.
Er hörte diese abstoßende Stimme, mit der dieser Mann unter dem Druck emporgepresster Kohlensäure seinen ersten verständlichen Satz zu ihm gesprochen hatte. Nur der fast urtümliche Lebensmut des Mannes verhinderte, dass er sich nun vor diesem Dank ekelte. Er sah wieder, wie der Mann die Speiseröhre mit dem Mittelfinger zusammengedrückt hatte; er erinnerte sich nun an die vielen leeren Flaschen, aus denen sich Kapitän Olbricht den Druck zugetrunken hatte, mit dem er die Öffnung der Speiseröhre in unregelmäßige, rülpsende Schwingungen versetzte, um sie dann mit Zunge und Lippen zu einem Dank zu verharmlosen.
Und nun erinnerte sich Dr. Chmelius deutlicher als sonst, dass er danach, obwohl er hätte wissen müssen, dass der Mann auch nicht mehr rauchen konnte, wie er gewohnt war, nach seinem Zigarettenetui gegriffen hatte. Olbricht hatte die Zigarette genommen, ganz selbstverständlich, mit einem wissenden Lächeln auf dem Mund, als hätte er in den zerquetschten Stunden des Schmerzes künstlicher, flüssiger Ernährung nur immer wieder durchdacht, wie er denn wieder würde rauchen können. Olbricht hatte die Zigarette zwischen die Lippen geschoben, hatte sich ein Stück dem brennenden Streichholz zugeneigt und den Rauch in den Mund gesaugt, indem er mit den Wangen eine saugende Kraft entwickelte. Auf den eingefallenen Wangen lag der Schimmer von Glück, als ob der Mann, der damit bestrichen war, nichts anderes zu beachten schien, als wieder rauchen zu können. 'Wer wieder rauchen kann, ist gesund', hatte er aus sich herausgepresst.
Dr. Chmelius wunderte sich, dass es ihn damals nicht angekommen war, dem Mann die Zigarette aus dem Mund zu nehmen und in die Öffnung der Luftröhre zu schieben, die zwischen Narben und transplantierter Haut geblieben war, damit er atmen konnte.
'Er hätte nichts geschmeckt, und der Rauch hätte ihm die Bronchien verbrannt. Essen und trinken wie ein Tier - Sprache von dem Druck einiger Flaschen Selterwasser, aber leben, leben.'
Sie waren damals in der vordersten Linie angekommen, hatten mit den Nebelferngläsern gegnerische Schiffe erspäht, und durch den salzigen Dunst war das Dröhnen von Flugzeugmotoren gedrungen. Es geschah ganz plötzlich: Wohlberechnet spuckte der Nebel eiserne Fetzen und Splitter aus, sie zischten waagerecht über die Bordplanke hinweg, und ein Stück bohrte sich in den Hals Kapitän Olbrichts.
Er hatte es in unmittelbarer Nähe mit angesehen als einziger Arzt auf dieser Handvoll Booten; und dass der einzige Schwerverwundete gerade in seiner Anwesenheit zusammensank, hob seinen Beruf aus der Bedeutungslosigkeit empor, in die er nach dem Kriege abgesunken war.
Dort im Krankenhaus war er ersetzbar, ständig vertreten, wenn er nicht anwesend war in den regelmäßig wiederkehrenden Stunden der freien Zeit. Wenn er ging, blieb die in Dienstzeiten eingeteilte Fähigkeit; sie übertrug sich auf einen anderen, der bei der Vielzahl der Fälle das Gleiche vermochte oder nicht vermochte wie er. Bei den wenigen schweren Fällen, so schien es ihm, zerfiel die 'ärztliche Kunst' in dem organisierten Krankenhausbetrieb in Methoden, Therapien, Diagnosen, Vermutungen, und der Patient wurde dazwischen hin- und hergerissen.
Damals auf dem Schiff hatte er sich über den Mann gebeugt, festgestellt, dass die Halsschlagader nicht verletzt war, hatte nach dem Taschenmesser gegriffen, von einem Aspirinröhrchen den Boden abgeschlagen, oberhalb des Brustbeins die Luftröhre geöffnet, das Glasröhrchen hineingeschoben und den Mann beobachtet, ob er wieder atmen würde.
Später hatte Dr. Chmelius erfahren, dass Olbricht seit seiner Genesung Bäume plätzte, in eine kommunistische Partei eingetreten war, spät geheiratet hatte und zwei Kinder aufzog, die ihn nicht anders kannten als mit der kunstvoll wandelbar gemachten Stimme seiner Speiseröhre, in die er Luft zu schlucken gelernt hatte, die die Kohlensäure ersetzte.
Dr. Chmelius bog in die Planckstraße ein draußen in der Vorstadt, hielt vor dem neuen, vor seinem Haus, an, öffnete die Garagentür, verrichtete alle gewohnten Handgriffe und ging, einen schalen, salzigen Geschmack im Mund, in das Haus.
Am Morgen des nächsten Tages, als er tun wollte, was er seit Jahren tat, bemerkte er, dass die Garagentür am Abend vorher offen geblieben war.