Über transsilvanische Erdmännchen

Bild von W.Haller
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Wo Transsilvanien liegt? Mitten im heutigen Rumänien, ganz in der Nähe von Dracula, also hinter den Sieben Bergen (man sagt dort Sieben Bürgen, glaube ich) und gar nicht weit weg von der schönen Blauen Donau (sie ist aber in Wirklichkeit braun). Und dann muss man natürlich sagen, dass es auch transsilvanische Erdmännchenfrauen und -kinder gibt, und zwar viel mehr, als transsilvanische Erdmännchenmännchen.
Erdmännchen leben in Großfamilien, so genannten EM-Clans, die bis zu hundert Individuen stark sein können. Die Familie geht ihnen über alles, und wer da nicht reinpassen oder mitmachen will, sollte sich das lieber noch mal überlegen.
Und noch etwas: sie sehen so possierlich und menschlich aus, wenn sie da auf zwei Beinen stehen und die Gegend inspizieren, aber wir sollten uns nicht täuschen lassen, sie können auch ganz anders. Zum Beispiel können sie ausgesprochen giftig, zänkisch und bissig werden, wenn es nicht nach ihren Vorstellungen geht, vor allem die Erdmännchenfrauen, sagt man. Wer in ihre Nähe kommt, merkt sofort, dass er es mit ausgesprochenen Spezialisten zu tun hat. Sie blicken zwar mit ihren großen schwarzen Augen starr geradeaus, aber einer ist zuständig für rechts, ein anderer für links, einer für hinten, zwei für oben und so weiter. Da hat nämlich jeder seine Aufgabe, und alles ist streng geregelt. Ihre Arme halten sie entweder wie Soldaten beim „Stillgestanden“ oder wie eine Gouvernante früher ihren Häkelrahmen, aber auch das ist nur scheinbar jedem selbst überlassen. Von allein macht keiner was, egal, worum es sich handelt, es fällt auch keinem was ein, und Experimente sind verpönt. Man weiß noch nicht, ob dieses Verhalten angeboren oder anerzogen ist, wir wissen überhaupt so wenig über sie, jedenfalls machen sie alles so, wie sie es erstens in der Erdmännchenschule gelernt haben, zweitens, wie es die anderen machen, und drittens, wie es der Chef fauchend, pfeifend und kreischend anweist.
Sie wissen es nicht, aber ihre ursprüngliche Heimat liegt irgendwo südlich von Baden-Baden und auf jeden Fall nördlich von Freiburg, wo sie vor über achthundert Jahren wegen zu starker Vermehrung alles an Engerlingen, Regenwürmern und Grünzeug bis auf den Feldberg weggemümmelt hatten. Plötzlich war guter Rat teuer, und da nützte auch kein In-die-Ferne-sehen. Nur ein besonders groß gewachsenes Erdmänn-chenmännchen, das natürlich auch besonders großen Hunger hatte, sah irgendwas Verlockendes in östlicher Richtung, aber ob das für die große Sippe reichen würde, wusste es natürlich nicht. In der Not macht man alles Mögliche, und Erdmännchen besonders, und so machten sie sich auf den langen Weg, der nach etwa vierzig Jahren sein Ende in Transsilvanien fand. Größere Wanderungen dauern häufig so lange, und man weiß nicht warum.
Ebenso wissen wir und sie nicht, warum sie nach achthundert Jahren ihre zweite Heimat wieder verließen und sich auf den Weg zurück nach Westen machten. Alle machten das, es war eine Massenbewegung, man nennt es Mainstream. Am Nahrungsmangel lag es diesmal nicht, an Dracula auch nicht, aber man braucht ja immer die Dinge ganz nötig, die man gerade nicht hat, das ist bei Erdmännchen nicht anders, als bei dir und mir.
So kamen sie endlich ganz in der Nähe ihrer Urururururururur….väter und -mütter wieder an, und diesmal dauerte es nicht vierzig Jahre, sondern nur gut zwei.
Es war nicht leicht für sie in ihrer neuen alten Umgebung, denn die eingeborenen Erdmännchen mochten die Neuen aus verschiedenen Gründen nicht. Da war zuerst ihre Fellfarbe, denn die ging ins Schwärzliche, was auf eine evolutionäre Anpassung an die schwarzen Tannenwälder Transsilvaniens, das nahe Schwarze Meer, den Schwarzhandel und manche schwarze Seele in ihrer zweiten Heimat zurückging und wofür sie natürlich gar nichts konnten. Übrigens blieben die Eingeborenen im Fell mittelbraun, wobei sie im Schwarzwald genauso gut ins Schwarze hätten abdriften können wie die Transsilvaner. Außerdem wurden die Neuen allgemein als sogenannte Fressfeinde angesehen, was in Wirklichkeit kaum zutraf, denn sie waren an ganz anderes Futter und dessen Beschaffungsmaßnahmen gewöhnt, aber das wussten die Eingeborenen nicht, und sie hätten es den Neuen auch nicht geglaubt. Diese Aussage ist allerdings differenziert zu betrachten, denn es gibt da ein Problem: Während der Abwesenheit der Transsilvaner hatten sich die wenigen übrig gebliebenen Eingeborenen in den letzten fünfzig Jahren zu richtig verwöhnten Gourmets entwickelt, z.B. hatten sie fast immer Bahlsenkekse mit Milchschokoladefüllung und meistens auch Gummibärchen zur Verfügung, die sie als Begleiter von Schulausflügen entweder freiwillig bekamen oder geschickt aus den Kinderrucksäcken stahlen. Sowas kannten die Schwarzen, wie die Neuen von den Eingeborenen verächtlich genannt werden, zunächst gar nicht, aber sie hatten ganz schnell den Bogen raus, und die Eingeborenen hatten das Nachsehen. Also doch Fressfeinde, wirst du jetzt sagen, aber sie waren das wirklich nicht per se, sondern wurden es erst durch Nachahmung der Eingeborenen, und das kann man niemandem vorwerfen.
Und dann die Sprache! In der langen Zeit der Trennung hatten die Schwarzen die mitgenommene Muttersprache gehütet, wie ihre großen schwarzen Augäpfel, aber bei den Eingeborenen hatte sich alles verändert, ihre Zischlaute klingen anders, und dazu kam eine Menge von unvermeidlichen Anglizismen. Solche und noch einige andere Animositäten führten dazu, dass die Transsilvaner fast ausnahmslos in ihren Familien und Clans unter sich blieben und dadurch an ihrer Sprache, ihren Traditionen und aneinander festhielten. Jede Woche haben sie ein bis zwei größere Feten, Kindergeburtstage, Erwachsenengeburtstage, zehnte Geburtstage (was bei den Menschen hundertsten Geburtstagen entspricht), Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winteranfangsfeste und das Almabtriebsfest (was bei ihnen „Fest der Befreiung“ heißt), um nur einige zu nennen, und da gibt es Asselkuchen an Schafgarbenschaum gelegt, Herbstzeitlosenkompott mit Tausendfüßlern garniert und alle diese traditionellen Leckerbissen der transsilvanischen EM-Küche, aber ein Einwanderungs- bzw. Ankunftsfest feiern sie nicht.
Am liebsten wären sie nämlich daheim bei Dracula geblieben, den sie immer noch für einen Ehrenmann halten und unter sich „Großer Vorsteher“ oder „Größter Zweibeiner“ nennen. Das könnten sie übrigens ganz offen sagen, denn die Eingeborenen wissen nichts von ihm, und wenn sie etwas von ihm wüssten, wäre es ihnen scheißegal, so drastisch muss man diese Eigenschaft der Eingeborenen beschreiben.
Seit über dreißig Jahren überlegen die Schwarzen nun, ob sie nicht aus der dritten Heimat in die zweite, die Heimat ihrer Herzen zurückgehen sollten, nach Transsilvanien, wo sie sich wohlgefühlt hatten, wo es schön warm war, vom strengen Frost und dem hohen Schnee mal abgesehen, und auch von den Wölfen, Adlern, Luchsen, Mardern und Füchsen… Aber sie wollen es nicht wirklich, glaube ich, sie sehnen sich nur nach der guten alten Zeit, die es nirgendwo und niemals gab.
Wie wir alle.
Es ist traurig, wenn man sich heimatlos fühlt, wenn man weite Wege macht und sein Herz nicht dabei hat, wenn man ankommt und nicht willkommen ist, oder wenn man sein Leben lang in seinem Clan bleibt, da wird man einsam zwischen den vielen anderen und hat Angst vor der Welt.
Da ist man wie der, der auszog, das Fürchten zu lernen.

2008

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