Es gibt keine Wahrheit??

von Alf Glocker
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Hurra, wir brauchen keine Gerichte mehr! Wozu die „Wahrheit“ herauszufinden, wenn es gar keine gibt?! Jedermanns Wahrheit ist individuell, religiös fundamenatlisiert, national gefärbt, oder durch einen, mehr oder minder stark ausgebildeten Verstand geprägt! Das ist einfach so und deshalb kann die Wahrheit auch ganz unterschiedlich interpretiert werden!

„Herr Richter, ich habe wirklich niemanden umgebracht – er hat eben nur das Falsche geglaubt, etwas gemacht das ich nicht wollte, nein, er hat mir einfach nicht gefallen! Wozu also sollte ich ihn leben lassen?!“ Oder „Das Kind hat es doch auch gewollt, außerdem steht in meinem schlauen Religionsbuch, daß es erlaubt ist." Oder: „Das haben wir bei uns doch immer schon so gemacht!“

Dazu wäre noch anzumerken, daß sowohl die Sonne um die Erde, wie auch die Erde um die Sonne kreist. Wir brauchen weder Radioteleskope noch Elektronenmikroskope, um etwas herauszufinden. Wir benötigen nur unsere ganz speziellen Ansichten, einen bestimmten Geschmack (worüber sich ja auch streiten lässt) und nichts weiter. Wahrheit ergibt sich von selbst!

Und Gesetze resultieren aus speziellen Wahrheiten. Eine davon ist, daß der Sonnengott die noch frisch schlagenden Herzen, aus dem soeben geöffneten Brustkorb eines Opfers, braucht, damit die nächste Ernte gut wird. Zuwiderhandlungen werden mit dem Tode betraft! Das ist so wahr, wie das Wasser grundsätzlich bergabwärts fließt – man muss halt eben nur die richtigen Leute fragen!

Anders ausgedrückt: Wenn eine Mehrheit behauptet, dies oder jenes sei wahr, dann ist das so! Wenn diese Mehrheit aus Idioten besteht, dann hat dieser Umstand irrelevant zu sein, denn alle Menschen sind gleich! Deshalb sind ja auch alle Wahrheiten gleichbedeutend und bedürfen keines „Evolutionsausweises“, der eventuell einen kulturell höheren Stand aufzeigen könnte.

Im Gegenteil! Genau genommen ist es immer das Gegenteil von „vernünftig“, von „weise“, von „höherstehend“, worauf’s ankommt. Denn wenn 2 das Gleiche tun, ist es plötzlich wieder nicht das Gleiche! Dann gibt es Unterschiede im Wahrheitsgrad, die von der jeweiligen politischen Einstellung abhängig sind, sein müssen und ewig zu bleiben haben … zumindest in dieser Epoche!

Andere Epochen, andere Wahrheiten! Das ist doch leicht nachvollziehbar! „Damals hat man eben so gedacht! Heute denkt man ganz anders." Die Wahrheit ist also demnach immer, wie man übermorgen oder am Ende aller Tage denkt? Tja, wenn das sooo schwierig wäre … Komisch nur, daß Menschen mit akzeptablem Intelligenzgrad stets auf ähnlich Ergebnisse kommen.

Sie nennen Kannibalismus frech „Verbrechen“ und nicht „Tradition“. Sie haben etwas gegen Kindesmissbrauch, sie wollen wissen, ob die Sonne tatsächlich um die Erde kreist, oder ob das nur die Wahrheit anderer Menschen ist … eine andere Wahrheit also. Wer die Wahrheit sucht, der möchte sich nicht gern täuschen lassen, obwohl Täuschungen doch so wichtig sind.

Wenn ein Bürger z. B. ein Leben lang für seine spätere Rente arbeitet, der Staat aber die Gelder anderweitig verwendet, dann ist das zwar eine bewusste Täuschung, die Wahrheit aber ist, daß er systematisch betrügt, damit eine, von ihm ausgewählte Schicht, oder von ihm bevorzugte Leute erhalten, was er für angemessen findet – denn in seinem Ermessen liegt die „Wahrheit“.

Dagegen kann man nichts machen. Hungersnöte „kommen“ ganz einfach, ebenso wie Kriege oder Naturkatastrophen. Das muss man nur einsehen, denn es sind Wahrheiten! Ja, wirklich – wenn ein Krieg oder ein Erdbeben da ist, dann ist es da und kann nicht mehr wegdiskutiert werden. Sagen kann man aber, daß er oder es notwendig und daher gut war, ist, sein wird.

Da fallen mir nur noch die weißen Mäuse ein, die der Alkoholiker im Endstadium seiner „Krankheit“ sieht. Sie sind wirklich da! Sie sind eine unbestreitbare Wahrheit, genau wie die Unausweichlichkeit des Trinkens, das absolviert werden muss, weil einer vielleicht die Wahrheit nicht mehr ertragen kann. Wie gut, daß es so viele Wahrheiten gibt – man kann also trinken was man will!

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Kommentare

14. Nov 2019

Zum Inhalt des Textes passt besonders gut das verfärbte Gewässer auf dem Bild, jede Welle wahr.
So gar nicht farbenblind grüßt, Monika