Rattenkönig

Bild von CruepL
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Ich kam als Reisender nach Karkh und da ich vom Lande war, faszinierte mich die große Stadt und ich entschloss törichterweise, ihre Straßen des Nächtens zu erkunden. Da kam ich an eine Laterne und an dieser hingen drei Ratten und sie waren an den Schwänzen zusammengeknotet. Ich dachte mir nicht viel und kam an eine Ecke und da hingen an einer Ladentür vier Ratten, gleichermaßen verknotet. Meine Neugier war geweckt, als ich an einem Hydrant fünf weitere Ratten fand. Die Spur endete mit sechs Ratten an einem Eingang zur Untergrundbahn. Ich stieg die Treppen hinab und kam an eine Haltestelle, die verlassen war und es brannte kein Licht. Winzige Schritte hörte ich zu abertausenden und ständiges Gepiepse. Da beschloss ich umzukehren, denn ich hatte kein Feuer, doch mich traf ein Schatten, dann ein Stich und ich fiel in tiefen Schlummer.
Als ich aufwachte, strahlte ein dünner Lichtstrahl von weit oben herab auf mich und sechs Weitere. In einem Daumen breit Abwasser lagen wir und es stank gar fürchterlich. Wir lagen dort im Kreis, an den linken Beinen verbunden - verbogen, verdreht, vernäht und verklebt, von Kot und Sekret.
Am ersten Tag starb der Bettler, der da war alt und schwach und trunken und wir stahlen seinen Trunk, um zu heilen unsere Wunden.
Am zweiten Tag starb der Fleischer, er hatte mit dem Beil versucht, sich von seinem Bein zu trennen, doch trennte sich am Ende nur von seinem Leben.
Am dritten Tag starb das Fräulein, denn es war verdurstet und so begannen wir, das Abwasser zu trinken.
Am vierten und fünften Tag starb das Ehepaar, das da wurden zerfressen, von den hungrigen Ratten. Sie hatte Glück, denn sie war schon vorher tot; aber er, der hats gespürt, viele lange Stunden. So nahmen wir des Fleischers Beil, um die Ratten zu erschlagen.
Am sechsten Tag starb der Soldat, denn er war des Wahnsinns und er wollte mich erwürgen doch es war meine Zeit mit dem Beil und ich nahm ihm das Leben.
Am siebten Tag da kamen die Ratten und es waren so viele, dass keine Waffe mir zu helfen imstande war. Sie fraßen um mein Bein herum und vertilgten mein fauliges Fleisch und legten dabei teils die geborstenen Knochen frei. Dann krabbelten die Ratten unter mich und trugen mich behutsam durch ein Labyrinth von Gängen, Tunneln und Schächten.
In einem großen Auffangbecken unter einem Ablaufschacht warfen sie mich nieder. Mondlicht erhellte den Raum nur schlecht, doch nach sieben Tagen unter der Erde, da waren meine Augen gewöhnt an die Finsternis.
Vor mir saß ein Mann auf einem Thron aus altem Mobiliar gezimmert und zu seiner Rechten eine Ratte - ein Tier, größer als ein Jagdhund. Sein Umhang war aus Rattenfell, schlecht vernäht und seine schwarzen Haare hingen, in langen Strähnen. Der Mann erhob sich und trat ins Licht. Seine Beine waren krumm und seine Augen waren trübe. Seine Glieder waren lang, dass zum Grauen mir genügte.
Ich fragte ihn, was dies solle, und warum er tat, was er getan hatte.
Da sprach der Mann:
“Wir sind die, die von eurem Abfall tilgen. Wir sind die, die sich laben an dem, was ihr hasst. Denn was ihr hasst, das werft ihr von euch und es kümmert euch nicht weiter und das macht euch schwach.
Wir zehren von eurem Schmutz und wir leben von eurem Hass und ihr hasst auch uns und damit füttert ihr den Hass mit noch mehr Hass. Doch uns macht es stärker. Uns lässt es wachsen und irgendwann, da kommt der Hass und der ganze Schmutz zu euch zurück, den ihr von euch schobt und dann seid ihr ihm nicht mehr gewachsen.”
Ich spürte einen zweiten Stich und erwachte mittags in einer Gasse. Meine Augen brannten im Sonnenlicht und mein Bein das schmerzte.
Ich war nun zwar ein Krüppel und ging für meinen Lebtag am Stock, doch war ich schlauer. Denn ich wusste nun, dass alles, was ich von mir weise, mich eines Tages einholen wird und ich versuche seither, Gutes in die Welt zu tragen.

HINWEIS! Nicht für Kinder gedacht.

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