Stadtgedichte ✓ Gedichte über die Stadt oder das Leben in ihr

Bild einer Brücke zur Stadt

Schon Theodor Storm schrieb in seinem Gedicht »Die Stadt« (damit gemeint war seine Heimatstadt Husum) von einem Ort, der - trist, grau, ohne Wald - dennoch ein Platz ist, an dem Herzen und Erinnerungen hängen. In diesen Gedichten können Sie „Geschichten" darüber lesen.

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von Kurt Tucholsky

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
Mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer…

von Theodor Storm

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel…

Rezitation:
„Die Stadt", gesprochen von Claudia Salto
von Rainer Maria Rilke

Im alten Hause; vor mir frei
seh ich ganz Prag in weiter Runde;
tief unten geht die Dämmerstunde
mit lautlos leisem Schritt vorbei.

Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.
Nur hoch, wie ein behelmter Hüne,
ragt…

von Monika Jarju

Am frühen Abend wie diesem
schmutzstarr tief überm Eimer gebeugt
die Straße trug er auf seinen Lumpen
grub gierig brabbelnd ein Mensch

im Fauligen stieg Dumpfes auf
blindlings griff sein Hunger hinein
die…

von Monika Jarju

Gegenüber im Abteil sitzt
ein Mann dünn und fahl
er kostet seinen Hunger aus
einer schäbigen Plastiktüte
prall gefüllt mit speckigen Prospekten
fiebrig zieht er sie raus
probiert den Hochglanzgeschmack

von Susanna Ka

Die alte Stadt am Festland,
enge Gassen
und historische Häuserreihen.

Im Sommer ist es dort heiß wie in einem Backofen.
Die Hitze staut sich zwischen den alten Mauern,
das Kopfsteinpflaster glüht.

Im Winter…

von Monika Jarju

Der Turmbau dauerte ewig & drei Tage.
Und Gott sprach am vierten Tag:
Es werde ein Flughafen.
Und Gott machte zwei Dinge:
Ein Rollfeld & eine Abflughalle.
Für den Brandschutz setzte Gott Techniker ein.

von Kurt Tucholsky

Von Theobald Tiger
(Anmerkung Redaktion: Pseudonym von Kurt Tucholsky)

Ich stehe hier am Leipziger Platz
wohl hinter meinem Kasten.
Wer mich in Feldgrau sieht, den hats
bedrückt mir schweren Lasten.
Seht auch…

von Kurt Tucholsky

von Theobald Tiger
(Anmerkung Redaktion: Pseudonym von Kurt Tucholsky)

Steht dir der Sinn nach Liebe in den Orten
Westend bis Cöpenick:
dann senk den Blick
und unterscheide im Objekte die drei Sorten:

Da gibt…

von Monika Jarju

Die hohlen Blicke auf dem Umzugswagen
der Nachbar zieht schon wieder aus
das Haus ist wie ein Transitraum
Namen wechseln schneller
als Jahreszeiten auf Briefkästen
auf die Etagen ziehen andere Sprachen
verlegen…

von Monika Jarju

Ich steige den luftigen Waldkeller hinab
und mein Gedicht läuft mit
das Publikum auf der Terrasse
hält die Gesichter ins Licht
hoch über der Balustrade strahlt Sonne
der Himmel zuckerblau & Robinien, Robinien…

von Monika Jarju

Ein Straßenfest, kirschrot der Juniabend
mit Pailletten gepflastert die Allee
Brombeerblut unter hitziger Haut.
Ein dicker Mann rennt durch das Lied
läuft er falsch herum wirft er die Musik um
Sein Kopf, eine…

von Axel C. Englert

Eine Gegend (sie war ländlich)
Fand jenen Zustand einfach schändlich:
Ich will ENDLICH in die STADT!
Denn DA findet das Leben statt …

Ein Taxi schien ihr viel zu klein:
Das müssten wohl ZWEI Taxis sein …
Drum…

von Monika Jarju

Ich wich einem aus
der qualmte ein stinkendes Kraut
Zugtüren wechselten Straßenzeitungsverkäufer rein&raus

einer erwischte mich zweimal beim Umsteigen
als der CountryWesternSänger mit der großen Klappe
und…

von marie mehrfeld

Neonreklame des Hotels am anderen Mainufer blinkt rhythmisch grellgrün, ein bärtiger Alter mit räudigem leinenlosen Hund hinkt mit abgewandtem Blick über die Straße, der Mercedes bremst quietschend in letzter Sekunde,

einzelne…

von Volker Harmgardt

D u n k e l b l a u e s L i c h t,
starker Wind über bleicher Stadt -
die Krähen schreien.

von Monika Jarju

in die metro stieg sie ein
ihr schwarzer mantel flog auf
die bleichen knie leckten am roten kleidersaum
der zug donnerte durch den tunnelwald
sie parkte ihr handy am vorlauten mund
liebe? schrie sie hinein
komm…

von Kurt Tucholsky

Wenn aus den Löchern und aus den Kaschemmen
Gesichter steigen, die man niemals sah –
wenn Spezialisten ganze Schränke klemmen,
wenn aus dem Skatvereine kommt Papa –
wenn jene Mädchen mit dem falschen Busen
von einem…

von Perdita Klimeck

müde kreist der tag um autolichter
menschen werden aus dem kaufhaus ausgegossen
der verkehr wird langsam etwas dichter
das bürogebäude links wird abgeschlossen

aktentaschen klemmen unter armen
unter stöckelschuhen…

Rezitation:
Sprecher: Walter Zeis
von Soléa P.

Um den Finger wickeln wirst du deine Gäste
das ist, was ich so sehr an dir schätze.

Still und leis` nahm dein Charme mich gefangen
als über den Boulevard mit den alten Fassaden ich bin gegangen.

Deine Cafés sind von…

von Willi Grigor

Es war eine Reise, ein weilendes Schauen,
die Busfahrt durch Buschland und Trockengras ging.
Wir schwebten, begleitet vom Himmel, dem blauen,
am wartenden Ziel uns die Hauptstadt empfing.

Canberra, dich bauten schwer…

von Monika Jarju

Die Straße rauf & runter grauer Stadtwind
Häuserkantenscharf & kalt auf
AnkarasIstanbulerBerliner Nebenstraßen
und manchmal auch nur dunkel
verstand kein Wort
war hier nicht zuhause
hinter Scheiben…

von Johann Wolfgang von Goethe

Donnerstag nach Belvedere,
Freitag gehts nach Jena fort;
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!
Samstag ists, worauf wir zielen,
Sonntag rutscht man auf das Land;
Zwätzen, Burgau,…

von Wolfgang Borchert

Die Göttin Großstadt hat uns ausgespuckt
in dieses wüste Meer von Stein.
Wir haben ihren Atem eingeschluckt,
dann ließ sie uns allein.

Die Hure Großstadt hat uns zugeplinkt –
an ihren weichen und verderbten Armen…

von Edgar Allan Poe

Das ist des Todes Residenz,
Diese seltsame Stadt im fernen Westen.
Hier thront er und erteilt Audienz
Den Bösen und Guten, den Schlimmsten und Besten.
Hier stehen mächtige Säulenhallen
(Zermorschtes Gemäuer, das…

von Friedrich Schrader

Dort bei Kadiköj dicht an der Straße nach Bagdad,
An dem langen, grauen, steinbelegten Pfad,
Liegt ein Bronnen,
In der Sonnen –
Süß zwar ist sein Wasser – doch die ganze Bitterkeit der Welt
Auf die Leute, die hier…

von Perdita Klimeck

die stadt zählt
ihre letzten schatten

noch klopft das leben
im roten wein
betonherzen bröckeln
und faseln von liebe

der clown am nebentisch
verschenkt sein lachen -
nur nicht alleinsein
wenn…

von J.W. Waldeck

dein Liebesfleisch und Herzblut!
der Gondoliere dahingleitet
wo Schauer Mondesdolche kräuseln
im verblich'nen Glimmen der Nebelfeen
mit eiskalten Wimpern
die sehnsüchtige Seelen quälen

elfenbeinerne Palazzos…

von Monika Jarju

Irrer Klang peitscht die Frau, den keiner hört
ihr Lächeln eine ausgebreitete Schwinge
reglos, bereit die Schienen zu streifen
wirbelt sie – ihr Gesicht ein Teller Schnee
Kreide die Augenschlitze

sie kreist dicht am…

von Corinna Herntier

Die schweren Schritte schlurfen langsam
mit Mühe über den Asphalt.
Die Frau - so müde und so schwächlich,
ist ungepflegt und schon sehr alt.

Die weißen Haare stumpf und schütter,
das Angesicht zerfurcht und grau.…

von Soléa P.

Guten Morgen Sonnenschein
der Appetit ist groß
zum Ausflug lädt das Wetter ein
nur`s Breakfast, schmeckt nicht sehr famos.

Die Toastscheibe ist weiß wie ich
Beans in roter Soße schwimmen
der Hunger überwindet…

von Rainer Maria Rilke

Alte Häuser, steilgegiebelt,
hohe Türme voll Gebimmel, –
in die engen Höfe liebelt
nur ein winzig Stückchen Himmel.

Und auf jedem Treppenpflocke
müde lächelnd – Amoretten;
hoch am Dache um barocke
Vasen…

von Perdita Klimeck

kräne säumen den rand
stahlköpfe, die ihr haupt neigen
manchmal, für dich
oder die dirne dort hinten im wagen

container leuchten schmutz
in blau und gelb
wie reifer weizen, denkst du
und erinnerst dich…

von ulli nass

in vielen Städten dieser Welt
da bin ich nie gewesen -

doch in Lissabon -
da war ich schon

fuhr auf dem Tejo
fühlte mich so
als hätte ich immer dort gelebt
und mein ganzes Wesen, es strebt . . .

von Brigitta Wullenweber

geflüsterte schreie
rempeln drängend
gegen längst verplombte herzen

blau gepresste münder
schweigen ohrenbetäubend
in nahezu verlassenen leibern

beine schleichen kopflos
durch ebenfalls resignierte…

Seiten

Die Stadt- selbst ist sie nicht das Leben, allerdings ist sie zentraler Dreh- und Angelpunkt für einen Großteil aller lebendigen Aktivitäten. Hier entsteht Kultur, hier wird Geschichte geschrieben, und hier lebt auch der ganz normale Mensch, seinen ganz normalen Alltag. Die Stadt ist der Schauplatz vieler Stadtgedichte oder Prosatexte, die sich mit dem Thema Stadt und allem was in ihr passiert beschäftigen können.