Zwei Liebesgedichte an eine liebenswerte Stadt

von Willi Grigor
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Ich bin ein armer Wand'rer
und zieh von Stadt zu Stadt.
Die alte mit der Mauer
mein Herz gefangen hat.

Im Frühling, wenn die Sonne
die Winde wieder wärmt,
dann muss ich zu dem Städtchen,
von dem mein Herz so schwärmt.

Ich geh durchs "Tor der Tore"
und seh ihn stehen dort,
den "Brunnen vor dem Tore",
den magisch schönen Ort.

Aus diesem "Löwenbrunnen"
ich oft getrunken hab,
der Turm des Wörnitztores
mir seinen Schatten gab.

Hier sah ich einst ein Mädchen -
zwei Blicke trafen sich.
Nun, wenn ich wiederkomme,
auf sie hier warte ich.

Bis nach des Herbstes Ernte
man Feldarbeit mir gibt.
Wenn alle Blätter bunt sind
und fielen sacht hinab,

dann drücke ich mein Mädchen
mir wünsch', dass es mich liebt
und nächstes Jahr doch wieder
mit mir am Brunnen steht.

Wenn blüht im Lenz der Flieder,
zum Brunnen vor dem Tore,
nach Dinkelsbühl, zur Schönen
der Frühjahrswind mich weht.

Tor der Tore = Wörnitztor
Brunnen vor dem Tore = Löwenbrunnen

*******

Ich kenne Städte auf der Erde,
die niemals ich vergessen werde.
So eine ist, sagt mein Gefühl,
die Kleinstadt in Bayern, mein Dinkelsbühl.

Sie ist die Stadt, an die ich stets denke,
zu ihr ich meine Erinnerung lenke.
Hier die Familie und die Verwandten
in Segringen ein Zuhause fanden.

Dies ist jetzt alles gut siebzig Jahr' her,
man wurde älter, manche leben nicht mehr,
die Geschwister wohnen an verschiedenen Orten -
eine Kurzbiographie in wenigen Worten.

Nur Onkel Jakob blieb in Dinkelsbühl wohnen,
und dies sollte sich für uns andere lohnen.
Sein Haus wurde Treffpunkt für Neffen, Geschwister -
und er auf die Weise "Familienminister".

Familien werden größer, das lässt sich nicht ändern,
nun kommen Verwandte auch aus fernen Ländern.
Der Hauptanlass ist, und das ganz primär:
Die Großfamilie Schulz, sie ist populär.

Wir mögen die Stadt mit den Mauern und Türmen,
die einstmals die Schweden wollten erstürmen.
Doch friedlich sie zogen durch Dinkelsbühls Tore,
weil Kinder d'rum baten, sowie ihre Lore.

Nur hier - auf der Erde riesigen Fläche -
man feiert das Schwedenfest "Kinderzeche".
Aus Dinkelsbühl stammt auch die stets aktuelle
und unübertroffene Knabenkapelle.

Gründe gibt's viele, die Stadt zu besuchen,
sei's nur für 'nen Kaffee mit Sahne und Kuchen.
Sie alle mir taugen als Bindung und Kitt
zu Dinkelsbühl, meinem Stadtfavorit.

Lore = das Mädchen, das mit den Kindern der Stadt den schwedischen Heerführer erfolgreich um Milde bat.

© Willi Grigor, 2017

Dinkelsbühl in Mittelfranken, Bayern ist ein gut erhaltene mittelalterliche Stadt, die bekannt ist hauptsächlich durch die Kinderzeche, ein historisches Kinder- und Heimatfest zum Gedenken ihrer Verschonung im 30-jährigen Krieg.
Im benachbarten Bauerndorf Segringen bekam nach Ende des Krieges 1945 unsere Familie ein 6 Jahre dauerndes provisorisches Zuhause.

Oben: Wörnitztor, mit Löwenbrunnen am Altrathausplatz Unten: Blick vom Segringer Tor zur St.-Georgs-Kirche - Foto W. Grigor
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Interne Verweise

Kommentare

13. Nov 2019

Lesens- und auch sehenswert -
Wenn man Geschichte so erfährt!
(Die Schweden würden mich VERSchonen -
Doch bleibt Frau Krause bei mir wohnen ...)

LG Axel

13. Nov 2019

Geschichte und Gedichte
sind irgendwie verwandt.
Drum schreib ich und berichte
von dem, was gut ich fand.

LG
Willi

14. Nov 2019

Sehr gerne gelesen. Dem Mädel wäre ich auch sehr gern begegnet.
HG Olaf

15. Nov 2019

Danke Dir, Olaf.
Solche Mädels begegnet man leicht mit Fantasie, so wie ich es tat.

LG
Willi