Lissabon 1755

von ulli nass
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in vielen Städten dieser Welt
da bin ich nie gewesen -

doch in Lissabon -
da war ich schon

fuhr auf dem Tejo
fühlte mich so
als hätte ich immer dort gelebt
und mein ganzes Wesen, es strebt . . .

nach Fado,Melancholie und Vinho Verde,
zum Torre de Belem,zu Pesoa und heiliger Erde
Castello St. George,Linie 28,fahle Kneipenlichter
Geruch von Fisch,Abgase,Armut - alte Gesichter

die Stadt sie atmet mit antiken Lungen
noch tief erregt von der Geschichte
von der sie wesenhaft durchdrungen
Legierung auf ewig, mit Mythen eng verwoben
strebt von allen Seiten scheinbar. . .dauerhaft nach oben

- doch plötzlich wie ein Blitzschlag fuhr`s in mich hinein
Gänsehaut,kalte Schauer,jede Faser meines Körpers nur Pein
gerade noch entspanntes Schlendern durch die Alfama
in meinem Geist jetzt Bilder vom schrecklichsten Drama

Gestank von verbranntem Fleisch,Schreie in Todesnot
schien gerade noch die Sonne,
die ganze Welt wie Blut nun so rot-
sechsmal Zehntausend einfach ausradiert
beim Kirchgang tat die Erde sich auf
und ganz Europa voller Panik - konsterniert
war Gott nicht da? nahm er es in Kauf?
am heiligen Sonntag in aller Früh`ein Massen-Autodafé
Leibniz schreibt vergeblich sein Theodizee

der Schock sitzt der Religion tief im morschen Gebein
wie konnte es geschehen? warum ließ Gott es so sein?

. . . ich erlebte in Lissabon am nächsten Tag
einen Sonnenaufgang
er hat mich versöhnt
mir ist nicht länger bang
fasste am jungen Tag
einen hehren Plan
übe mich mit tiefem Ernst
bis heute daran

in stiller Demut
das Herz weit offen
nie will ich aufhören
zu hoffen

Interne Verweise

Kommentare

31. Mär 2017

Hallo, Ulli, ein sehr schönes, interessantes, aber auch trauriges Gedicht. Ich denke, du spielst auf das Erdbeben von 1755 an. Voltaire schrieb ein Gedicht darüber. Der Tajo ist ein Fluss in Lissabon, ich denke, du meinst den Tajo; das habe ich eben gegoogelt, es war mir entfallen; denn es gab eine Zeit, in der ich nach Portugal auswandern wollte; damals habe ich mehrere Reiseführer, die Halbinsel betreffend, gelesen. Eben lese ich noch einmal die Überschrift: Ja, du meinst das schreckliche Erdbeben von 1755.

LG Annelie

31. Mär 2017

Die reale Katastrophe von Lissabon führt im Schlepptau eine Katastrophe des Geistes. Das christliche Europa ist erschüttert - in den Grundfesten seines Denkens und vor allem seines Glaubens. Goethe schreibt in seinen Memoiren:

"Der Knabe war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen."
Ca. 60000 Opfer,Die meisten beim Kirchgang . . .
Der Philosoph O. Marquard ( einer meiner Favoriten)vergleicht die Auswirkungen mit denen von Auschwitz.Die neuzeitliche Theodizee (Leibniz) darf getrost als gescheitert gesehn werden.
Ich fuhr mehrmals auf dem Tejo(port.) ,war 77 schon in Portugal( kurz nach Salazar)iund liebe und kenne das Land durch viele Besuche recht gut.Von Sagres bis Tomar . . .Batalha,Sintra,Coimbra . . .
Auch der Fado ist traurig melancholisch.Die Größe und Bedeutung von Portugal liegt halt über 500 zurück.Das erzeugt Wehmut.
Ich löse mein Gedicht doch optimistisch auf . . .
lG
ulli

31. Mär 2017

Danke, Ulli, dass du dir die Mühe gemacht hast, dein Gedicht näher zu erläutern. Trotz deines Optimismus am Schluss, den ich gut finde, ist man traurig, wenn man an diese furchtbare Katastrophe denkt.

LG Annelie

31. Mär 2017

Wunderschöne Gedichts-Melancholie
in einem solchen Lichte sah ich Lissabon noch nie,
lieber Ulli Dir sei Dank,
dass diesen neuen Blick ich fand.
LG Ekki

31. Mär 2017

es war mir Bedürfnis und Vergnügen Ekki.
Als Verfasser von Gedichten sollten wir immer das ganze Spektrum
menschlicher Empfindungen im Auge haben.
Dann wird es nie langweilig . . .
lG
ulli