Sardiniens Angebot

von Amalia Goldbach
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Sardiniens Angebot

Mehr als zehn Jahre hatten Anton und Elli in dieser alten Jugendstilvilla Tür an Tür gewohnt. In Ellis Mietvertrag stand unter Name des Mieters: Elisabeth, Margarethe von Lauenstein. Über Antons Klingelknopf hatte jemand per Hand „Prof. Dr. Anton Mertens“ geschrieben. Professor der Physik. Das verriet nicht das Schild über dem Klingelknopf, sondern vom Einsturz bedrohte Stapel wissenschaftlicher Werke über Schwerkraft und physikalische Gesetze in Antons Arbeitszimmer, in seinem Wohnzimmer und auch in seinem Schlafzimmer. Doch sie waren schon solange Elli und Anton füreinander, dass sie ihre Nachnamen mit der Zeit wohl vergessen hätten, hätten sie nicht an ihren Türen gestanden. Irgendwann hatte die Villa einmal Ellis Familie gehört. Aber das war lange her. Solange, dass Elli sich nicht mehr erinnern konnte. Obwohl sie mit ihren 78 Jahren bereits anfing die Vergangenheit wichtiger zu finden als die Gegenwart. Ihr Urgroßvater hatte mit dem Vermögen der Familie das gemacht, was unbekümmerte Lebensgeister tun: Er hatte sich ein vergnügliches, unbeschwertes Leben gegönnt. Dabei hatte er sich etwas zu einseitig um die Vergnüglichkeit gekümmert und der Gedanke, Geld zu verdienen, war ihm mehr und mehr abhanden gekommen. Als er von Banken und Geschäftspartnern erfuhr, dass seine Textilfirma inklusive Privathaus veräußert werden muss, setzte er sich an seinen viktorianischen Sekretär, schrieb einen Brief an seine Kinder und schluckte den Valium Vorrat seiner Frau, die im Leben gern auf Nummer sicher gegangen war und trotz ungetrübter Nachtruhe stets große Mengen Schlafmittel griffbereit hatte. Auch wenn Elli es nicht wusste, die Gelassenheit Dingen gegenüber, die nicht zu ändern waren, hatte sie bestimmt von ihrem Urgroßvater geerbt. Eine Eigenschaft, die nicht nur Anton an ihr schätzte, sondern auch Sardinien. Sardinien war, hätte man Anton gefragt, ungewollt, der Dritte im Bunde. Ein vierbeiniger zotteliger Hund unbekannter Abstammung und sein flusiges Äußeres hatte auch professionellen Tierbetrachtern keinen Aufschluss darüber gegeben, welche Rassen einst auf verstaubten italienischen Straßen der Trostlosigkeit dieses Hundelebens etwas Liebe inklusive Nachwuchs hinzugefügt hatte. Und so lebte auch Sardinien Tür an Tür mit Anton. Eine eher leidenschaftslose Nachbarschaft, die nicht so friedlich verlaufen wäre, hätte es Elli nicht gegeben.

Sardinien verdankte seinem Fundort nicht nur seinen Namen, sondern auch sein Temperament. Allerdings hatte er in frühester Kindheit auf staubigen Straßen beschlossen, Menschen gegenüber misstrauisch zu sein. Elli wurde und blieb die einzige Ausnahme. Er mochte die alte Dame mit den spitzen Knien und viel zu großen Füßen, weil sie ihn nie zwang, Dinge zu tun, zu denen er keine Lust hatte. Nie hatte sie versucht ihm Sitz, Platz und Fuß beizubringen oder ihm eine Hundeschule einzureden. Sardinien revanchierte sich mit vertretbaren Manieren und kümmerte sich darum, dass Elli täglich frische Luft und Bekanntschaften bekam. Als Gegenleistung sorgte Elli dafür, dass Sardinien ein warmes Plätzchen und ausreichend Futter hatte. Dafür durfte Elli ihn streicheln, ihm ihre Geschichten erzählen und ab und zu begleitete er sie ohne knurren zu Anton. Alles in allem eine respektvolle Beziehung. Ellis gelassenes Naturell verzieh zerkaute Sofaecken, gestohlene Frikadellen und gebellte Empörung, wenn Sardinien durch heimkehrende Nachbarn bei einem Nickerchen gestört wurde. Der haarige Italiener übte im Gegenzug Toleranz Antons Abneigung gegenüber und verzichtete weitgehend darauf, die Korrektheit des Professors herauszufordern.

Mit den Jahren kannten Anton und Elli die Angewohnheiten und Gepflogenheiten des anderen so gut, dass nur die geringste Abweichung Sorge auslöste. Anton brachte jeden Morgen die Holztreppen zum Knarren, in dem er mit klirrendem Schlüssel durch das Haus zu seinem Briefkasten ging. Er erhielt immer noch erstaunlich viel Post und je nach dem wie sehr es ihn gerade ärgerte, dass Sardinien und Elli sich wie beste Freunde benahmen, wedelte er mit dem Stapel Post vor Ellis Augen herum, um ihr zu zeigen, dass auch er Freunde hatte. Was blieb war der Triumph, dass zottelige Vierbeiner weder reden noch schreiben können.

An jedem Tag, an dem das Klirren der Schlüssel nicht durch ihre Tür drang, klingelte Elli unter einem Vorwand bei Anton, nur um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung sei. Sie wussten viel voneinander, beschenkten sich an Geburtstagen und zu Weihnachten mit Blumen, Selbstgebackenem und einem Buch, doch für eine Freundschaft blieben sie auf altmodische Art und Weise zu diskret. Zwischen Ihnen standen Sardinien und Antons Bedürfnis nach Ruhe. Nach dem seine Tochter mit den beiden Kindern ausgezogen war, wollte Anton vom Leben nichts weiter als Ruhe. Auch wenn ihm immer häufiger die Fantasie fehlte, mit dieser Ruhe etwas anzufangen. Mit der Zeit wurde er ein wenig schrullig, was ihm netterweise manchmal sogar selber auf fiel. Unwichtige Kleinigkeiten ärgerten ihn. Zum Beispiel Sardiniens Angewohnheit seine Schmusedecke auf dem Weg in die Freiheit immer auf seiner Fußmatte abzulegen. Auf dem Rückweg suchte er sie und kratzte aufgeregt an Antons Tür.
Anton hätte die Decke zu gerne einfach in die Mülltonne gestopft und Sardiniens Suche schadenfroh beobachtet. Aber dazu fehlte ihm der Mut. Elli wäre bestimmt furchtbar böse und vielleicht für immer beleidigt gewesen. Und dann hätte Sardinien am Ende doch gewonnen. Wenn sie auch nie über ihre Beziehung sprachen, eines stand fest: Sollte es jemals um die Frage „Anton oder Sardinien“ gehen, Elli würde sich für den Hund mit der traurigen Kindheit entscheiden. Es gab eine Zeit da hatte Anton ernsthaft überlegt sich auch eine traurige Kindheit mit Langzeitfolgen zuzulegen, nur um bei Elli die gleiche Position zu beziehen. Hatte das Ganze dann doch sehr albern und viel zu anstrengend gefunden. Es war leichter sich mit Sardinien zu arrangieren.

Jeden Morgen verließen Elli und Sardinien schon früh das Haus für ihren ersten Spaziergang. Elli liebte die frühe Stunde, weil sich der Tag noch unberührt und voller Möglichkeiten anbot. Sardinien freute sich wild wedelnd jeden Morgen der erste zu sein. Unbehelligt von vierbeiniger Konkurrenz schnupperte er genüsslich an alten und neuen Lieblingsplätzen. Bevor sie das Haus verließen, legte Sardinien seine Schmusedecke wie immer auf Antons Fußmatte ab. So gingen Elli und Sardinien jeder mit seinen Dingen beschäftigt neben-, vor- oder hintereinander her. Während Anton Zuhause seine Ruhe pflegte, führte Elli immer noch ein sehr aktives Leben. Dienstags traf sie sich mit ihren Freundinnen in einem kleinen Lokal ganz in der Nähe der Villa. Sie erzählten sich von den Büchern, die sie zuletzt gelesen hatten, von neuen Bekanntschaften, planten Kinobesuche oder einen Einkaufsbummel. Mittwochs besuchte Elli einen Gymnastikkurs für Senioren. Einmal hatte sie Anton eingeladen mit zugehen. Was darin mündete, dass die Kursleiterin die Stunde statt nach sechzig schon nach fünfundvierzig Minuten beendete, da Anton jede Übung, die ihm mangels Beweglichkeit große Mühe bereitete, in wortreiche Einzelteile zerlegte. An diesem Tag nahmen die Kursteilnehmer keinen Muskelkater mit nach Hause, sondern die Frage: Kann körperliche Folter auch gesund sein? Donnerstags stand Elli vor Antons Tür, um ihn teilhaben zu lassen an ihrer schönen Unruhe. Sie tranken Tee zusammen, plauderten über die Unzulänglichkeiten der anderen Hausbewohner, erinnerten sich an alte Filme und schmiedeten niemals Pläne für den nächsten Donnerstag. Einmal hatte Elli einen Museumsbesuch angekündigt und vorausgesetzt, dass sie dort gemeinsam hingehen würden. Anton hatte die ganze Woche darüber nachgedacht, warum er nicht mitgehen könne, so dass ihm kein Grund mehr eingefallen war, warum er doch mitgehen solle. Am Ende gingen Elli und Sardinien alleine. Fortan nutzte Elli die Überrumpelungstaktik plante sie einen Angriff auf Antons Ruhe.

Und dann kam dieser Morgen, an dem Sardinien die Ruhe des ganzen Hauses störte. Anton wusste es sofort. Das Kläffen bohrte sich in sein Herz, doch er befahl dem Kopf plausible Erklärungen zu finden, um diese drohende Ahnung weg zu denken. Sardiniens Schmusedecke hatte nicht auf seiner Fußmatte gelegen. Und da hatte Anton es begriffen: Etwas war passiert. Etwas das seine Ruhe für immer stören würde. Er hörte Sardinien lange bellen. Es war nicht dieses wollüstige Bellen, dass sich immer noch steigerte, bis sich die Stimme des Hundes fast überschlug. Je nach Lust und Laune reagierte Sardinien auf jedes Geräusch im Haus. An manchen Tagen lag er sozusagen auf der „Geräusche-Lauer“. Dieses Bellen klang anders. Er schien immer wieder vor die Haustür zu laufen und dann wieder in eines der hinteren Zimmer. Er holte kaum Luft und nach einigen Minuten wurde das Bellen leiser als müsste er gleichzeitig etwas anderes erledigen. Dann setzte er erneut an und kläffte direkt hinter der Haustür. Es gab keinen Zweifel mehr: Sardinien rief nach Anton. Nach einer Stunde hielt Anton es nicht mehr aus und wählte die Notruf Nummer. Dreißig Minuten später saß Sardinien in einem Kastenwagen samt Käfig und wurde in das Tierheim am anderen Ende der Stadt gebracht. Elli war eingeschlafen und hatte beschlossen nicht mehr aufzustehen. Anton war erst erschrocken, dann empört und am Ende sehr wütend gewesen. Wie konnte sie sich einfach so ohne Ankündigung aus dem Staub machen und ihn in diesem Haus mit all seiner Ruhe alleine lassen. Er war zurück in seine Wohnung gegangen und hatte tagelang vergessen die Post herein zu holen. Er hatte auch vergessen einzukaufen oder spazieren zugehen. In der Wohnung nebenan war es still, totenstill. Am Tag der Beerdigung schloss Anton seine Haustür zum ersten Mal wieder auf. Er wollte vor den anderen Hausbewohnern bei Elli sein. Er hatte sich immer noch nicht verabschiedet. Wenigstens diesen einen Termin hätte sie ankündigen können. Diesmal hätte er bestimmt nicht nach einer Ausrede gesucht. Und da lag sie direkt vor ihm - mitten auf der Fußmatte. Sardiniens Schmusedecke. Man sah noch die Stelle, an der die Hundeschnauze sich hineingebohrt hatte. Anton nahm die Decke, faltete sie und stopfte sie, so gut es ging in seine Manteltasche, die dadurch unschön ausbeulte.

Die Beerdigung verlief wie Beerdigungen verlaufen: Gottesdienst, Grabrede, traurige schwarzgekleidete Menschen, der Sarg verschwindet und mit ihm die Lebendigkeit des Toten. Anton hielt nicht viel von Gott. Ihm schien es sicherer an das zu glauben, was er sehen konnte. Und Elli konnte er nicht mehr sehen. Etwas Lebendiges war aber noch da: Anton musste an Sardinien denken. Die Schmusedecke beulte immer noch seine rechte Manteltasche aus. Natürlich wäre es unpassend gewesen einen Hund mit zur Beerdigung zu bringen. Vielleicht hätte er ausgerechnet an den Kränzen samt Schleife sein Bein gehoben oder er hätte lauter gejault als der Pfarrer sprechen konnte. Und trotzdem: Sardinien hatte das größte Recht hier zu sein. Als alles vorüber war, verzichtete Anton auf fremde Elli-Geschichten bei Kaffee und Kuchen und nahm die U-Bahn stadtauswärts.

Furchtlos standen sie einander gegenüber und das obwohl der andere mindestens zehn Zentimeter höhere Beine hatte. Sardinien kläffte selbstbewusst und wenig aufgeregt. Es schien als habe er in dieser unfreiwilligen Vierer-WG bereits die Rudelführung übernommen. Wäre da nicht die Beule in seiner Manteltasche gewesen, Anton hätte sich umgedreht und wäre wieder gegangen, überzeugt davon, dass Sardinien ein wahrer Überlebenskünstler ist, der auch künftig sehr gut ohne ihn zurecht kommen würde. Er zögerte bis sich ihre Blicke trafen. Anton hatte nichts von diesen großen braunen Hundeaugen gewusst. Sardinien sah ihm direkt in die Augen bis hinein in diese Seele, die sich so sehr nach Ruhe sehnt. Und da verstand Anton: Er war nicht hier, weil er sich um Sardinien kümmern wollte. Er war hier, um Sardiniens Angebot anzunehmen, sich um Anton zu kümmern.

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