Perlen regnen vom Himmel - Auszug aus Kapitel 8

Bild von Esteva Hara
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Ein kurzer Flug und Zoe steht wieder vor dem Fahrkorb im Singletower von Tom. Diesmal kann sie ihn bedienen, fährt nach oben und steigt aus. Sie klopft an die Tür des Apartments. Die Tür geht auf.
»Treten Sie ein!«, hört sie eine mechanische Stimme sagen.
Plötzlich kommen mit rasender Geschwindigkeit zwei kleinhundgroße Wesen auf sie zu. Zoe weicht zurück. Es sind zwei Libellen. Ihre Facettenaugen spiegeln unruhig hin und her.
»Nun bringt mich schon zu Tom!«, ruft sie den beiden zu. Die Wesen drehen um, Zoe läuft hinterher. Die letzte Tür im Flur steht auf.
»Komm rein!«, sagt Tom. »Meine beiden Libis tun dir nichts.«
»Hallo, Tom!« Zoe betritt nach den Libis den Raum.
Er kommt auf sie zu, umarmt sie und küsst sie auf beide Wangen. »Ich bin erstaunt, dich so schnell bei mir zu sehen«, haucht er in ihr Ohr und beißt kurz in ihr Ohrläppchen.
»Lass das!«, ruft Zoe aufgebracht.
Tom lässt sie los. »Ich habe deine Datenmembran hier«, sagt er und reicht ihr die Titanschatulle. »Du hast es eilig?«, fragt Tom und zieht sie an sich.
»Ach, Tom, du kannst es einfach nicht lassen! Ja, ich habe es eilig.« In kurzen Worten berichtet Zoe über die letzten turbulenten Stunden.
Tom schüttelt den Kopf. »Da muss irgendjemand etwas ganz Bestimmtes bei dir suchen.«
»Ja, aber wer hat die Töpfe mit den Perlen aus dem Gang entfernt? Ich verstehe nichts mehr, und außerdem stehe ich völlig unter Stress. Jederzeit kann der azurblaue Mond erscheinen, und dann muss ich sofort in den Kristallkatakomben antreten.« Bisher hat Zoe vermieden, über Herrn Scharen zu sprechen. Sie wartet gespannt, was Tom zu ihren Ausführungen sagt.
»Willst du etwas trinken?«, fragt er stattdessen. Zoe schüttelt den Kopf. »Kannst du mir ein Filtersystem bauen?«, fragt sie zurück.

»Das geht so schnell nicht«, erwidert er und gießt sich in ein Glas sprudelnde, goldene Flüssigkeit.
»Das sieht ja aus wie Orchideengold!«, ruft Zoe erstaunt.
»Woher kennst du Orchideengold?« Jetzt sprudelt es aus ihr heraus: die Begegnung mit Herrn Scharen, seine Übergriffe, alles.
»Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ihn kennst?«, fährt sie Tom an.
Er steht still und scheint krampfhaft zu überlegen, wie er sich aus dieser Situation heraus retten kann. »Es ging so schnell am Telefon, du hast sofort aufgelegt.«
»Das stimmt. Ich habe heimlich von Herrn Scharens Telefon angerufen. Plötzlich kam er herein. Da musste ich unser Gespräch beenden. Was hast du mit ihm zu schaffen? Warum bezahlt er mir die Kosten der Deinstallation der Kameras?«
»Auf deine zweite Frage kann ich nicht antworten.« Tom setzt sich. Er klopft mit einer Hand neben sich auf die Couch, um Zoe zu signalisieren, dass sie sich dort niederlassen soll.
Die Libellen sitzen nebeneinander vor dem Türeingang. Ihre Flügel schimmern im künstlichen Licht wie Regenbogen.
Zoe löst den Blick von diesem Farbenspiel und setzt sich neben Tom.
»Ich habe wirklich nicht viel Zeit, aber ich will es jetzt wissen. Ich befürchte, dass du in der Verschwörung gegen mich eine Rolle spielst.« Tom schüttelt den Kopf.
»Wenn, dann unbewusst«, sagt er kleinlaut.

»Herrn Scharen kenne ich schon sehr lange. Wir experimentieren zusammen. Ich habe dir verschwiegen, dass ich an den Klonexperimenten beteiligt war. Herr Scharen hat auch Selbstversuche gemacht. Die Klonforschung ist sein Hobby, sein zweites Leben. Durch ihn habe ich auch den lukrativen Auftrag zur Erschaffung der synthetischen Trägermasse für die Datenspeicher bekommen. Er hat irgendwann selbst bemerkt, dass ein Teil seiner Versuche aus dem Ruder laufen. Einige seiner Klone haben richtig Probleme. Er hat sie alle unter seinen Fittichen, damit er sie beobachten und medizinisch sofort eingreifen kann, wenn es notwendig wird. Sie wohnen in den Kellerräumen des Chirurgietowers. Der Tower gehört ihm. Er ist nicht nur Sicherheitschef, sondern Eigentümer und bestimmt über alles, was dort vorgeht. Er ist ein hochintelligenter Mann mit unglaublich tiefgründigem medizinischem und biologischem Wissen. Problematisch ist, dass er alles und jeden besitzen will. Er tankt für sich Energie aus Menschen. Ich habe mich in einer schwachen Stunde unter Einfluss von viel Perlenwasser und seinen Drogen hinreißen lassen. Ich habe ihn zu dicht an mich herangelassen.« Tom blickt verlegen nach unten und nippt am Glas. »Wir arbeiten sehr eng zusammen. Außerdem stehe ich ab und zu körperlich für ihn zur Verfügung. Dafür unterstützt er mich großzügig in meinen Forschungen. Es ist absolut befruchtend«, versucht er, seine Worte schön zu färben.
»Ich habe verstanden«, sagt Zoe. »Mir ist völlig egal, mit wem du es weswegen treibst. Ich habe nur Bedenken, dass diese Versuche, die er betreibt, ethisch und moralisch überhaupt nicht mehr vertret-bar sind.«
»Das sind sie schon lange nicht mehr«, seufzt Tom. Er gießt sich mit einem Mal das Orchideenwasser in den Hals.
»Selbst Herr Scharen, von dem ich immer dachte, er handelt und forscht nur aus eigenem Antrieb, nur für sich selbst, ist abhängig und bestimmt von noch extremeren Typen. Die stehen mit der Weltregierung im Geschäft. Ich weiß nicht jedes Detail, aber manchmal wünschte ich mir, ich würde gar nichts wissen. Doch dazu ist es zu spät. Ich stecke viel zu tief mit drin.«
»Herr Scharen war heute bei dir. Ist er an meine Datenmembran herangekommen?«
»Woher weißt du?«
»Ich habe euch im Eingangsbereich zusammen gesehen.« Tom schaut verlegen.
»Es könnte schon sein, dass er an deine Datenmembran herangekommen ist, aber warum sollte er das tun?«
»Vielleicht ist einer der über ihm stehenden Drahtzieher Jonas.«
»Du meinst deinen Jonas, mit dem du …«
»Es ist nicht mein Jonas!« Zoe schreit Tom an, dass dieser zurückweicht.
»Ich meine doch nur.«

»Entschuldige! Ja, ich weiß schon, was du meinst. Ich habe die Befürchtung, dass Herr Scharen mit drin steckt. Ob bewusst oder unbewusst, kann ich nicht sagen. Obwohl du mir versicherst, dass du keine weiteren Zusammenhänge kennst, die mich und mein Dilemma betreffen, könnte es sein, dass er dich benutzt, dass er für Jonas agiert, aus welchen Gründen auch immer.« Tom wiegt den Kopf. »Nein, ehrlich, ich habe nichts damit zu tun. Ich mache einfach nur meine Arbeit.«
»Ich glaube dir«, sagt Zoe und küsst ihn auf die Wange. »Ich muss jetzt los.« Zoe erhebt sich. »Was ist denn nun eigentlich Orchideengold?«
»Ein Patent von Herrn Scharen«, erwidert Tom. »Er hat aus der Orchidee, seiner Lieblingsblume, ein ganz bestimmtes Molekül gewonnen und daraus eine Droge entwickelt. Diese kann regelrecht Superkräfte verleihen.«
»Das hat er mir schon sehr intensiv demonstriert«, entgegnet Zoe mit Groll in der Stimme.
»Da die Dosierung sehr schwierig ist, gibt es das köstliche Getränk nicht auf dem freien Markt. Zu viel davon ist lebensgefährlich. Er verkauft es nur an Freunde und Bekannte.«
Die beiden Libellen wuseln Zoe um die Füße herum, als sie durch den Flur zum Ausgang geht.

»Habt ihr mit denen auch Experimente gemacht?« »Nein«, antwortet Tom. »Sie sind durch die intergalaktischen Strahlungen so geworden. Sie sind doch herrlich, oder?« Ein entspanntes Strahlen fließt aus Toms Augen auf die zwei Insekten.
»Sie sind wunderschön und sehr gelehrig.«
»Ach, da fällt mir ein, kannst du mir die Adresse von deiner Bekannten mit dem Hund geben? Ich brauche jemanden, der auf meinen Flavio aufpasst, wenn ich in die Katakomben muss.«
»Sofort!« Tom eilt zurück.
»Du musst mir noch den Hermetikkoffer geben!«, ruft Zoe ihm nach. Tom kommt, gibt ihr den Koffer. »Die Info mit der Adresse habe ich dir in den Koffer gelegt.« Zoe legt den Datenleser dazu.
»Wie kann ich dich erreichen, ohne immer zu dir kommen zu müssen?« In Zoes Stimme schwingt die Hoffnung, dass es viel-leicht doch noch eine andere Möglichkeit gibt, schneller in Kontakt zueinander zu kommen.

»Du kannst mich nicht erreichen, aber ich dich. Da du Herrn Scharen kennst und er augenscheinlich Interesse an dir hat, werde ich ihn fragen, ob ich über seinen Kommunikationskanal im Notfall eine private Nachricht absetzen kann.«
Zoe steht in der Tür. »Danke, Tom!« »Wofür?«
»Ach, einfach nur so.« Sie umarmt ihn.
Er nutzt die Gelegenheit, sie noch einmal fest zu umfassen und an sich zu ziehen.
»Eine letzte Frage habe ich noch.« Zoe löst sich aus seiner Umarmung.
»Ja?«
»Du weißt wirklich nicht, was es mit den Perlen aus den Niederschlägen unter der rosa Sonne auf sich hat?«
Tom schüttelt den Kopf. Zoe bemerkt, wie er dabei seine Augen senkt, damit sie nicht hineinschauen kann. Er lügt! Doch es hat jetzt keinen Zweck, noch einmal nachzuhaken.
»Tom, bitte vergiss nicht, mir so schnell wie möglich Informationen zu den Kristallkatakomben zu-kommen zu lassen! Es kann jederzeit so weit sein, dass ich sofort dorthin muss.«
Tom schlägt sich an die Stirn. Das Klatschen erschreckt die Libellen, die nervös davonlaufen.
»Das hätte ich fast vergessen. Ich werde mich so-fort damit beschäftigen.« Zoe dreht sich um, winkt und geht zum Fahrkorb, der sie nach unten bringt.

Im Schweber angekommen nimmt Zoe die Adresse von Erika heraus und gibt sie als Anflugpunkt ein. Jetzt hat es so lange gedauert, da kann der Sicherheitsmann auch noch eine Stunde länger warten. Flavio kuschelt sich an ihre Füße, nachdem sie ihm etwas zu trinken gegeben hat.
Erika wohnt in einem sehr alten Stadtteil. Die Häuser sind völlig ungeschützt. Ein Blick auf das Wetterholo entspannt Zoe. Erstaunlich lange Phasen gibt es im Moment. Die orange Sonne bleibt noch. So landet ihr Schweber vor einem alten Haus.
Vier Namen stehen an den Scanpoints. Tom hat vergessen, den Nachnamen von Erika aufzuschreiben. Zoe drückt den ersten Point, die Tür geht automatisch auf. Sie tritt in einen sehr dunklen, muffigen Flur. Von oben ruft eine männliche Stimme:
»Wer ist da?«
»Ich suche Frau Erika, die mit dem Hund.«
»Unten links!«, schreit der Mann.
Eine Tür fällt mit Krach zu.

Die Erde ist öd. Tödliche Strahlen verschiedenfarbiger Sonnen und Monde machen das Überleben der noch existierenden Menschen zum täglichen Kampf. Zoe hat gerade ihr Dasein als Schriftstellerin neu organisiert, da wird sie in die menschenmanipulieren Machenschaften ihres ehemaligen Zwangspartners verstrickt. Dieser ist Mitglied der diktatorischen Weltregierung und will Zoe wieder als Sexobjekt an sich binden. Ein klonforschender sexistischer Wissenschaftler und ihr genialer ehemaliger Schulfreund scheinen auf ihrer Seite zu sein. Unter Lebensgefahr und mittels abenteuerlicher eigensinniger Aktionen versucht sie, das Perlengeheimnis zu lüften und einer erneuten Zwangspartnerschaft zu entgehen. Da tritt unverhofft ein geheimnisvoller Mann in ihr Leben.
256 Seiten
net-Verlag; Auflage: 1 (17. Oktober 2017)
© Esteva Hara

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Weiterer Ausschnitt zu Perlen regnen vom Himmel von und mit Esteva Hara
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Kommentare

17. Apr 2020

ein interessanter text
die sprache ist blumig - phantasievoll
und die geschichte spannend!

liebe grüße
alf