Viga

von Freddy Freddy
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Sie hatten ihr gesagt: Achte auf Kräuter, achte auf Knospen, achte auf die sehr feinen Blumen in den Niederungen der Sümpfe. Sie hatte die Aue geliebt. Ein verhangenes, blutrotes Licht zwischen den Flocken der Windsamen. Im Neureich maßen sich die Flüsse das Strömen an, machtvolle Ströme, deren Querungen zu Heldensagen am abendlichen Feuer verkamen.
Die Sklavin hatte ihr das rote Kleid angelegt: Tränen, "Sie spüre große Ehre", und Viga ihr den Kopf getäschelt, danke, danke für alles. Sie hätte es verdient, Deutsche zu sein, dachte sie. Nicht der blöde Ungar Thomas, ein zum Rollifahrer zerschossener Krüppel, der in Sibirien irgendeinen Mist an der irgendeiner Sumpffront getrieben hatte.
Pflicht bleibt Pflicht.
Viga schritt in den Niederungen des Auwaldes, sie sagte sich, dass Kleid sei so rubinrot schön und zwischen den Bäumen sah sie rote Punkte blitzen. Sie huschten schnell, sie tauchten auf und verschwanden, dann: Öffnete sich der Wald zu einer lose gemähten Lichtung und Viga wusste: Das war der Ort. Sie gab Slera ein Zeichen. Slera nickte und lächelte, "warte kurz". Sie näherte sich Viga, umarmte sie, "es wird alles gut und Männer sind Arschlöcher" , sprach sie im Dialekt des Vorurals. Wie toll Slera sei, sie habe die beste Sklavin im ganzen Reich. Slera besaß die rohe Schönheit der slawischen Rasse, man hätte sie als dinarisch aufwerten können, ihr pechschwarzes Haar, das im Licht tollkirschblau schimmerte, die kräftigen Wangenknochen, aber am meisten beeindruckte Viga Sleras Beine. Beine, die Wurzeln in das Erdreich schlugen, Beine, die die Welt trugen und nicht die Welt sie, Beine, die rasant rannten und fein in den Sümpfen die Festigkeit des Auenbodens austarierten.
Slera berührte den Boden, zeigte auf eine Stelle am Lichtungsrand und befahl dem Haussklaven, eine kleine Grube auszuheben. Viga hasste den tauben Haussklaven, der aus Demut auf allen Vieren über den Auenboden kroch, die Stelle der Grube küsste und mit bloßen Hände eine Grube ausformte: Es fiel ihm leicht, zu leicht und Viga wünschte sich, dass er einen russischen Stein fand, sich verletzte und endlich abgeschoben wird. Hinter dem Ural, bitte, dort, wo sie ihren frischen Ehemann zum Krüppel gestalteten. Slera schien denselben Gedanken zu haben, sie mochte diesen slawischen Sklaven nicht, er sei ein Pole, kein Kaschube. Aber er hatte die Arme eines Menschens, der mit Hand und nicht mit Kopf arbeitete. Das Naiv-Gutmütige der dumpfen Slawen. Er kroch auf allen Vieren zurück, zerrte den Lebensbaum zur Grube und wartete.
"Slera. Ich wollte den Thomas nie. Ich wollte einen echten Deutschen."
Slera blickte über die Lichtung zum Waldsaum. "Er hat für dein Volk gekämpft, Viga, es ist deine Pflicht, dein Vater will es so und die SS erlaubt ihm, Deutscher zu werden. Er nimmt sogar deinen Namen an, Viga. Sei froh, du musst nicht ins Altreich." Sie schaute weg und plötzlich spürte Viga eine Scham. Sie hatte sich blamiert, sie hatte eine Arroganz gezeigt, sie wollte ein gute Frau sein und gute Frauen zeigen Pflicht, Ehrlichkeit und Demut.
"Entschuldige, Slera."
"Ist schon gut. Ich hätte auch gerne einen Mann, der laufen kann. Trotzdem: Mann bleibt Arschloch."
"Ich pflanze jetzt den Lebensbaum."
"Natürlich Viga."
Sie packte den Setzling am Wurzelballen, sprach ein kurzes Gebet, Sätze über den Kampf gegen die jüdische Erderwärmung und Zerstörung der Natur. Sie, als frisch verheiratete germano-deutsche Mutter pflanze einen Setzling in die geheilte Erde des Neureiches, im Namen meiner Rasse. Sie hatte die Zeremonie so oft erlebt, wollte sich zu Slera umdrehen, aber Slera stand nah vor ihr, dass sie die Gänsehaut zu spüren glaubte, blickte in ihre kalten Augen, und das Gesicht wirkte grausam weiß blutleer. "Sle-" fragte Viga, als sie plötzlich einen kalten Schmerz zwischen zwei Rippen spürte. Sie spürte Schleim in die Luftröhre strömen, hörte Bläschen aus neuen Öffnungen platzen. "Slera?", aber Slera lächelte nicht, sie öffnete den Mund, Viga starrte in die Mundhöhle und dachte: Totenschatten.
Slera sackte nieder und zwischen den feinen roten Linien vor ihrer Iris sah Viga den Körper des Haussklavens. Verkrampft ragten seine Arme aus einem fremden Körper. Blut tröpfelte aus dem Oberkörper zum Auenboden, bis die rote Linien sich vereinigten, bis sie von Hellrot bis Kaminrot Vigas Sicht auf die Welt schattierten. Sie kippte, fiel auf den weichen Auenboden, roch die frische Erde des Wurzelballens und erkannte eine Frau im rotem Kleid der Neuverheirateten. Sie trat zwischen den Birken hervor. Sie lächelte fahl.

Info:

Das Deutsche Reich hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Bis zum Ural erstreckt sich das Großgermanische Reich Deutscher Nation, deutsche Siedler suchen ein neues Leben östlich der Wolga. Der gesellschaftliche Konflikt in der Frage der "richtigen deutschen Identität" entzündet sich: Zwischen dem Neureich und dem Altreich, zwischen dem Pragmatismus, Wehrbauern zu gewinnen und dem totalitären Ideal der perfekten Rasse.

Selbstverständlich distanziere ich mich ausdrücklich von jeglicher NS-Ideologie. Mir ging es darum: Wie muss sich für eine junge Frau das Leben in dieser totalitären Welt der entmenschlichten Rassen anfühlen? Protagonisten der Alternative History sind oft Militärs, Politiker, die Geschichten spielen in modernisierten War Rooms und das Große, das Prachtvolle wird gezeigt. Mir geht es um die normale Alltagswelt, sofern das normal sein kann, mir geht es um das Leben als frischverheiratete, junge Frau mit eigener slawischen Sklavin in einem Siedlungsgebiet im Vorland des Urals.

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Kommentare

16. Jun 2019

Ohne die Erklärung deiner klugen Absicht wäre ich mir nicht gänzlich sicher gewesen, umso mehr nun.
Besonders und hervorragend!
LG Uwe