Fünfundzwanzig

von Peter Altenberg
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Jeden Nachmittag um Uhr erschien sie auf der Esplanade.
Die Musik spielte in einem gelben Holz-Pavillon und die Damen trugen wunderschöne Kleider und Hüte.
An den meisten Tischen auf dem in den See rund vorspringenden Plateau schimmerte es weiss und lila oder weiss und grün. Das waren die Modefarben. Aber es gab auf dieser weiten Fläche von feinen Stoffen, gelbem Stroh, französischen Blumen, Eulen- und Straussfedern, auch rostrothe und stahlblaue seidene Flecken und ganz hellbraune aus Rohseide wie Milchkaffee, mit matten schottischen Bändern – – –.
Die junge Frau, die täglich um fünf Uhr auf der Esplanade erschien, war wunderbar schön und trug wunderbare Kleider. Zum Beispiel eines aus braunrosa Seide mit weisser und hellgrüner Stickerei.
Aber ihr schönster Schmuck war das Kind, das mit der Bonne an ihrer Seite ging.
L'enfant russe, Katja.
Das ist Schönheit, Gracie, süsse Heiterkeit und weisses leuchtendes bezauberndes Licht. Das ist der Mensch, wie ihn die Ideale träumende Natur ersehnt. Das ist die Dichtung der alten Mutter Erde – – –.
Reiche elegante Herren sassen bei der jungen Dame – – –, aber nie zusammen. Zum Beispiel der Herr Graf T. und dann später der Herr von A. und dann der Rittmeister Baron; – – oder auch umgekehrt. Die Reihenfolge wurde nicht eingehalten.
Manche blickten auch nur hin, ohne zu grüssen und lächelten. Andere grüssten, wie wenn sie sagen würden: »Ich grüsse Dich! Ho! Warum denn nicht?! Es ist ja ein Kur-Ort, ein Rendez-vous der Welt!«
Katja sass da, mit ihren goldenen Haaren und den wunderbaren sanften Augen – – – – –.
Niemand kümmerte sich um sie.
Die Frau Mama, die schöne Frau Mama, stützte die Ellbogen auf den Tisch und schaute auf die Bäume mit den breiten Blättern, auf den schimmernden See, in die Augen des Herrn von – – –.
Um sieben Uhr schickte man Katja schlafen.
Sie sagte sanft: »adieu Mami – – –.«
Die junge Dame antwortete nicht – – –. Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und schaute auf die Bäume mit den breiten Blättern, auf den schimmernden See, in die Augen des Herrn von – – –.
Die Esplanade wurde dunkel.
Die wunderschöne junge Dame ging langsam die Allee entlang – – –.
Niemand kümmerte sich um sie. Bis dahin Prinzessin des Lebens und jetzt, wenn der Abend kommt, einsam – – –! Und in der Nacht vielleicht wieder Prinzessin, Königin, Göttin – – –.
Abenddämmerung, Frieden – – –.
Eltern sitzen auf den Bänken, ein wenig ermüdet von den Landparthieen; Kinder denken ernst an das Souper und junge Menschen, die sich lieb haben, führen leise Gespräche und fühlen sich riesig glücklich – – –. Sie haben die Empfindung: »Es ist eine unvergessliche Stunde in meinem Leben – – –.«
Immer haben sie solche unvergessliche Stunden, diese jungen Leute, die sich lieb haben.
Die jungen Mädchen denken: »Vielleicht wird es so sein – – –. Ich werde einst sagen: »Weisst Du noch, wie wir damals Abend's auf der Esplanade sassen?! Da sagte ich: ›Wie der See im Dunkel verschwimmt und dennoch leuchtet – –!‹ Und Du sagtest: ›Wie Du – – –!‹ Damals warst Du wie ein Dichter!«
Und dann kommt die Mutter, dieses unseelige Geschöpf, das vor der Seele Schildwache steht und sagt: »Ellie« oder »Marion« oder »Riquetta«, »ich glaube, es wird kühl«, oder »es ist spät, ich glaube, wir gehen nach Hause – – –.«
Und die jungen Männer sagen: »auf Wiedersehen Fräulein, kommen Sie morgen Früh auf die Esplanade?!«
Und die Fräulein sagen »vielleicht – – –.«
Die Fräulein sagen immer »vielleicht«, aber sie meinen »bestimmt!« – – –
Die Esplanade wurde leer.
Eine junge wunderschöne Dame setzte sich auf eine Bank.
Der See sang ein sanftes Lied – – –.
Da sang ihre müde stolze Seele mit, den einzigen Laut der Liebe, den sie hatte: »adieu Mami – –.«

Veröffentlicht / Quelle: 
Wie ich es sehe 1896 / 1904; See-Ufer (Studien-Reihe)

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