Schwarzes Kolorit (Leseprobe: Kapitel 1)

von Thomas Möginger
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Prolog
Trübsal legte sich wie kalter Schnee auf Sophies Gemüt, als ihr der bittere Geschmack von Wahrheit widerfuhr. Ihr ganzes Leben lang wusste sie nicht, dass die Liebe existierte. Doch hatte sie ihr Glück längst bei jemand anderem gefunden und die Erkenntnis darüber trieb Sophie den Schmerz nur noch tiefer in ihre Brust. Dabei hätte sie sich ihr neues Leben in der Stadt so schön vorgestellt. Wollte sie doch all das machen, was sie bei Verliebten immer beobachtete: Schneeschuhwanderungen durch verwaiste Wege am Waldesrand, Schlittschuhfahrten auf dem vereisten See im Park und natürlich das Bummeln über den Christkindlmarkt zur Weihnachtszeit, der sie mit seinen Gerüchen von Zimt und Glühwein bereits seit einigen Tagen auf ihrem Weg zur Arbeit begleitete. Doch all ihre Träume sollten auch in Zukunft nur Träume bleiben. Verwehrt von einer anderen Frau, die das Leben führte, das Sophie so sehnlichst begehrte. Aber nicht nur für Sophie wäre es ein schwarzer Winter geworden.

Erstes Kapitel
1
Bereits vor den ersten Sonnenstrahlen eines Dezembermorgens, riss der Wecker Sophie aus ihrem noch kalten Bett. Wieder eine Nacht verging und ehe sie zu Träumen begann, endete ihr Versuch einzuschlafen abrupt. Gedanken verwehrten ihr die erholsame Ruhe, die sie seit einigen Tagen dringend nötig gehabt hätte. So zog das Wochenende an Sophie vorüber und nur langsam begriff sie, dass der triste Alltag sie nun wieder einholte. Doch die neue Woche hatte auch ihr Gutes, denn die Arbeit konnte Sophie zumindest von der Einsamkeit ablenken, die sie in trostlosen Stunden ihrer Freizeit zu überstehen hatte. Ihr Beruf als Zahnarzthelferin bedingte nämlich den ständigen Kontakt zu Patienten oder Personal und schließlich habe sie sich auch freiwillig für diese Ausbildung entschieden. Sophies Eltern hatten damit auch keine Probleme, ihr Kind in eine neue Stadt, weit weg von zuhause, ziehen zu lassen. Doch seitdem sie in Vollzeit arbeitete, besaß ihr Alltag oft die Fähigkeit, sich beliebig in die Länge ziehen zu können. Je nachdem ob ihr Arbeitgeber Dr. Robert Kollwitz, ein pummeliger und für seine Körperfülle viel zu klein geratener Mann, die Notwendigkeit darin betrachtete, ihre Anwesenheit länger in Besitz zu nehmen. Kurz vor den Feiertagen war dies auch des Öfteren der Fall. Als Sophie eines Morgens auf Weg in die Praxis war, breiteten sich in ihr wieder einmal Gefühlsverwirrungen aus. Es machte ihr Angst, oft die Emotionen nicht kontrollieren zu können, denn wollte sie weder alleine zuhause vor Einsamkeit in Kummer zerfließen, noch auf der Arbeit täglich an ihre Grenzen gebracht werden. Sophie fühlte sich nämlich ununterbrochen müde und sehnte sich oft nach Erholung. Jedoch wusste sie, dass ihre freien Stunden alles andere als erholsam für sie waren. Auf der Arbeit angekommen, wurde sie gleich von Katherine Heine begrüßt:
„Du siehst müde aus, Kleine. Ist Alles in Ordnung mit dir?",
Katherine war mit 61 Jahren die Älteste der insgesamt drei Zahnarzthelferinnen. Für Sophie war sie der einzige Kontakt, den sie auch außerhalb der Arbeit hatte. Neben Katherine gab es noch Simone Rees-Lohr, die gerade aufgrund der Geburt ihres Sohnes im Mutterschaftsurlaub war. Zugegebenermaßen war Sophie darüber nicht besonders traurig, denn mit Simone hatte sie hin und wieder heftige Meinungsverschiedenheiten, die nur allzu oft in stillschweigender Verachtung und tödlichen Blicken ausgeartet sind. Katherine hingegen war diejenige, die Sophie auch schon während ihrer Ausbildungszeit stets mit Rat und Tat zur Seite stand. Egal welche Probleme oder Fragen Sophie hatte, Katherine war sich keiner Hilfe zu schade. So auch nicht, als Sophie eines morgens den Schlüssel vergessen hatte, obwohl sie für die ersten Patienten bereits die Praxis aufschließen musste. Da Dr. Kollwitz erst einige Zeit nach den Arzthelferinnen zur Arbeit kam und deshalb keinen Schlüssel dabei hatte, brachte Katherine extra an ihrem Urlaubstag einen Ersatzschlüssel vorbei. So mussten sowohl Patienten, als auch Dr. Kollwitz nicht bei Eiseskälte vor verschlossenen Türen warten. Katherine rettete Sophie somit nicht nur vor einer Blamage, sondern ersparte ihr auch den drohenden Ärger durch Dr. Kollwitz. Auch die kleinen Sticheleien, die sicher von Simone zu erwarten gewesen wären, konnten verhindert werden. Da Sophie sich immer auf Katherine verlassen konnte, störte es sie umso mehr, als sie mit den Worten:
„Alles in Ordnung, danke!",
auf ihre Frage eigentlich mit einer Lüge geantwortet hatte.
„Dann bist du heute also fit für unsere Weihnachtsfeier?",
fragte Katherine sie hoffnungsvoll anblickend, da sie nämlich befürchtete, noch alleine mit Simone den Abend verbringen zu müssen. Auch Katherine fiel es oft nicht leicht, die Launen von Simone zu ertragen, obwohl man vielleicht ihre Hormonschwankungen aufgrund der Schwangerschaft als Entschuldigung hätte gelten lassen können. Aber selbst davor war Simone immer schon ein etwas „schwierig zu handhabender Mensch", wie Sophie gerne sagte, die noch in Gedanken damit beschäftigt war, sich für die Weihnachtsfeier eine Entschuldigung auszudenken. Sie fühlte sich zwar müde und nicht in Feierlaune, doch wollte sie Katherine auch nicht im Stich lassen.
„Natürlich!"
antwortete Sophie und überspielte dabei ihre wahren Empfindungen, indem sie noch hinzufügte:
„Ich freu' mich schon darauf!"
„Prima",
jauchzte Katherine und ergänzte mit erleichterter Miene:
„Dann werden wir heute auch mal Simones Mann kennenlernen. Ich bin schon gespannt, wie der Ärmste aussieht. Wenn er es tatsächlich mit ihr aushalten kann, dann muss er schon etwas ganz Besonderes sein."
Doch es war schon dreist genug, dachte sich Sophie, zur Weihnachtsfeier jemand Außenstehenden mitzunehmen. Schließlich wäre so eine Feier eine intime und praxisinterne Angelegenheit, die nur für das Personal bestimmt wäre. Da Dr. Kollwitz jedoch über den zusätzlichen Gast Bescheid wusste, wollte sich Sophie nicht länger darüber aufregen. Wahrscheinlich war sie einfach nur neidisch auf Simone, denn zu gerne wäre sie es gewesen, die den Vater ihres Kindes vorzeigen hätte können.
„Das wird sicher interessant werden",
antwortete Sophie mit leicht sarkastisch klingendem Unterton und wendete sich anschließend dem gerade eintreffenden Patienten zu.
2
Am frühen Nachmittag konnte Sophie bereits Feierabend machen. Aufgrund der Weihnachtsfeier hatte Dr. Kollwitz beschlossen, die Praxis an diesem Tag bereits drei Stunden früher als üblich zu schließen. So hatte Sophie bis zum Beginn des Essens noch Gelegenheit, ein kleines Nickerchen zu machen. Sie hoffte dadurch die Müdigkeit aus ihrem Gesicht vertreiben zu können, auf die sie selbst die Patienten tagsüber schon angesprochen hatten. Doch kaum, dass sie die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss und über die

Leseprobe aus: Schwarzes Kolorit

Graphics: Thomas Möginger

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