Loverboy, Fortsetzung vom Freitag, den 13. Januar 2017

von Annelie Kelch
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„Ich gehe jetzt runter und öffne die Haustür,“ sagte ich.
„Nein, Cordula,!“, schrie meine Mutter. „Ich will dich nicht auch noch verlieren. Bitte tu mir das nicht an!“
„Das ist zu gefährlich, Cordula“, mischte sich Georg ein. „Die Polizei wird die Sache schon regeln.“
„Nein, Georg“, widersprach ich entschlossen. „Mir ist soeben ein Gedanke gekommen, der mich nicht mehr loslässt. Wenn ich nicht umgehend die Haustüre öffne, werde ich mir meine Untätigkeit womöglich nie im Leben verzeihen.“

Ich stand auf, raste die Treppe hinunter und riss, ohne auch nur eine Sekunde lang zu zögern, die Haustür auf. - Draußen war es mittlerweile stockdunkel, aus der Ferne drang das Geräusch von Schüssen zu mir herüber. Aber bevor ich die „Lage“ realisieren konnte, so, wie ich sie just in kurzen Worten geschildert habe, fiel mir eine scheinbar wehrlose Gestalt in die Arme. Es ging eben alles sehr schnell. -
Ich schob mit der freien Hand die Haustüre ins Schloss und knipste das Licht im Flur an, um mir das entkräftete Geschöpf, dass offenbar an unserem Hauseingang gelehnt und vorher an die Tür gebullert hatte, genauer an.
Ich konnte vor lauter Glück kaum fassen, wer in meinen Armen lag: Sally, meine Tochter - wie ich bereits vermutet hatte, vor wenigen Sekunden, als ich noch oben in unserem Versteck saß. Sally, die geflüchtet war vor den Verbrechern, die von Segeberg angeheuert hatte.
Sie war verletzt, blutete aus einer Wunde am Rücken unter der linken Schulter. Meine Hände, die sie festgehalten hatten, waren voller Blut.

Ich schleifte mein Kind, die den Arm um meine Taille geschlungen hatte, ins Wohnzimmer, setzte sie auf die Couch, zog ihr die Schuhe aus und bettete ihren Kopf auf ein Kissen.
„Ich bin abgehauen, Mama“, flüsterte Sally und schlug für einen Moment die Augen auf.
„Die waren hinter mir her“, fuhr sie fort, so leise, dass ich sie kaum verstand - „... haben hier auf mich gewartet. Vor Möllers Haus. In einem Auto. Als ich dran vorbeigelaufen bin, hat jemand auf mich geschossen. Ich bin dann quer durch Möllers Garten. Von Segeberg wusste, dass ich versuchen würde, zu dir und Oma nach Hause zu gelangen. E r war es, der die Killer auf mich gehetzt hat; aber dann kam die Polizei, ich …“
Sally verstummte mit einem Mal, ihr Kopf fiel zur Seite. Wie lange mochte sie schon unterwegs sein? Weshalb war sie nicht zur Polizei gegangen?

Ich lief in den Flur und rief einen Krankenwagen. Dann drehte ich Sally auf die Seite und verband die Wunde. Vermutlich steckte die Kugel noch in ihrem Körper, der sehr geschwächt schien. Außerdem hatte sie auffallend stark an Gewicht verloren.

Meine Mutter, Georg und Percy waren inzwischen aus unserem gemeinsamen Versteck gekrochen und nach unten gekommen, hatten Sallys Kopf getätschelt und mich im Nachhinein zu meinem Entschluss, die Haustüre zu öffnen, gratuliert. Meine Mutter war überglücklich, dass ihre Enkelin noch am Leben und wieder bei uns war.

„Sie kommt doch durch“, fragte sie mit ängstlicher Stimme.
„Ich denke schon, Mama“, sagte ich. „Möglicherweise war es nur ein Streifschuss. Ich verstehe nicht viel von solchen Wunden. Sally ist aber im großen und ganzen sehr entkräftet. Wer weiß, wie lange sie schon auf der Flucht vor diesen Gangstern ist.“

Jemand läutete an der Haustür. Meine Mutter lief in den Flur, um zu öffnen und kam mit Herrn Langmer zurück, der große Erleichterung darüber zeigte, dass Sally bei uns im Haus war.
„Ich hatte schon befürchtet, Sie würden es nicht riskieren, die Tür zu öffnen, nachdem Sallys Verfolger auf Ihr Fenster geschossen haben, Frau Volkmann“, sagte er.
„Haben Sie die Kerle geschnappt, die Sally fast erschossen hätten?“, fragte ich aufgeregt. „Meine Tochter ist total entkräftet und hat eine Schußverletzung. Ich habe soeben einen Krankenwagen gerufen. Möglicherweise steckt die Kugel noch in ihrem Körper.“
„Einer der Männer konnte flüchten, den anderen haben wir auf der Autobahn einkassiert“, sagte Herr Langmer. „Ich habe die Ausfahrt sperrren lassen, gleich nachdem Sie mich angerufen haben. Ihre Tochter wird bald vernehmungsfähig sein, dann wissen wir mehr.“
„Und in welche Richtung ist der Kerl, der Ihnen entwischt ist, geflohen?“, fragte meine Mutter.
„Über die Gärten“, sagte Herr Langmer.
„Dann hockt er womöglich irgendwo draußen hinter einem Busch, hach!“, warf Georg ein.
„Ausgeschlossen“, wehrte Herr Langmer ab, "wir haben die gesamte Umgebung akribisch durchsucht."
„Cordula, der Rettungswagen steht vor der Tür!“, rief meine Mutter aus dem Flur.
Ich warf mir eine Jacke über und bat die beiden Rettungsassistenten samt Notärztin ins Haus. Die junge Ärztin sah sich Sallys Wunde an und kontrollierte ihren Blutdruck. Soweit schien meine Tochter stabil zu sein.
Sally hatte inzwischen das Bewusstsein wiedererlangt und schenkte uns ein mattes Lächeln. Meine Mutter hielt ihre Hand - mit einer Vehemenz, als wolle sie das schmale Händchen ihrer Enkelin nie wieder loslassen.

„Es handelt sich bei der Verletzung um einen Steckschuss. Das Projektil ist in den Körper gelangt. Sie muss operiert werden“, erklärte die Ärztin. „Dann wollen wir mal.“
„Ich fahre mit ins Krankenhaus“, sagte meine Mutter. Ihr Ton signalisierte, dass jeder Widerspruch zwecklos war. Es war wohl auch besser, sie nicht allein im Haus zu lassen, solange sich der Gangster, der den Polizisten entwischt war, noch auf freiem Fuß befand.
„Ich komme auch mit ins Krankenhaus“, sagte Georg, zauberte eine kleine Geldbörse unter seiner Strapse hervor und steckte Percy einen größeren Schein zu. „Fahr schnell zurück nach München, Percy-Schatz, damit du ins Bett kommst und ausgeschlafen bist für die weite Fahrt, die dir morgen bevorsteht."

„Ich bringe dich und Cordulas Mutter noch ins Krankenhaus, Georg“, schlug Percy vor. „Dann braucht ihr euch nicht hinten in den Rettungswagen zu zwängen. Das regt die Kranke nur unnötig auf. Es reicht, wenn ihre Mutter mitfährt.“
„Und ich verabschiede mich schon mal. Hab keine Angst, Sally. So eine Schussverletzung ist zwar sehr unangenehm, aber die Operation überlebt fast jeder - und du allemal, bist ja noch jung und soweit gesund. Sobald du übern Berg bist, müssen wir uns dringend über deine Erlebnisse in München unterhalten“, sagte Herr Langmer und nickte meiner Tochter freundlich zu.
Sally nickte zurück und lächelte. Ihr Lächeln geriet ein wenig schief. Es erweckte den Anschein, als wolle sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Vermutlich bereitete ihr die Erinnerung an die vergangenen Wochen in München heftige Schmerzen, und ich fragte mich, ob sie die seelischen Verletzungen, die ihr zugefügt worden waren, jemals würde verkraften können.

Nächste Fortsetzung am Samstag, den 21. Januar 2017

Meine Mutter hielt Sallys Hand - mit einer Vehemenz, als wolle sie diese nie wieder loslassen ...

Interne Verweise

Kommentare

18. Jan 2017

Danke, lieber Axel, bin erst vor kurzem erwacht -
knapp drei Stunden geschlafen und den Rest der Nacht:
notiert, geschrieben und mir Gedanken gemacht.

LG Annelie