Der letzte Sonnenuntergang

von René Oberholzer
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Wir liegen an einem kleinen Sandstrand. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. "Ich freue mich auf dich", sagt sie. "Ich freue mich auf dich", sage ich. Die Sonne steht schon tief. Da ertönen Stimmen. Ein Mann und eine Frau nähern sich uns. Die Sonne ist noch angenehm warm. Plötzlich fragt eine Frauenstimme: "Ist hier noch frei?" Ich sage: "Nein, hier ist nicht mehr frei. Aber 100 Meter weiter, um den Felsen herum, da ist es noch frei." "Aber dann wird die Sonne fast untergegangen sein", sagt die fremde Frau. "Das ist mir egal, Sie hätten ja früher kommen können." "Das stimmt, aber heute ist unser letzter Abend." "Für meine Frau und mich ist es auch der letzte Abend. Dumm gelaufen. Wir waren zuerst hier." "Aber die Sonne und der Strand sind doch für alle da." "Im Prinzip stimmt das ja, aber nicht heute und nicht jetzt. Schauen Sie, dass Sie einen schnellen Abgang machen." "Aber, aber, wie reden Sie denn mit uns? Das müssen wir uns nicht gefallen lassen. Ach, Robert, sag doch auch einmal etwas." Robert schweigt. "Ach, lassen Sie mich und meine Frau in Ruhe", sage ich. Die Sonne ist bereits feuerrot, verschwindet langsam am Horizont. "Sie haben uns unseren letzten Sonnenuntergang verdorben", sagt die fremde Frau. "Gleichfalls", sage ich. Das andere Paar kehrt um und marschiert den Weg zurück. Ich hole die Decke aus meiner Strandtasche hervor und lege sie liebevoll über meine Frau und mich.

© René Oberholzer

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