Sie - Ich

von Asja Aditi
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Sucht. Sie ist süchtig. Ihre Finger zittern unkontrollierbar. Ihre Augen wandern ziellos. Sie ist süchtig. Ich nicht. Ihr schwarzes, langes, verschwitztes Haar klebt an ihrem Gesicht. Ihre Augen sind groß und blau. Sie könnte schön sein. Wäre da nicht die Sucht. Diese steht ihr im Weg. Wenn jemand uns sehen könnte, würde diese Person ein seltsames Bild vor sich sehen. Eine Irre und eine junge Frau mit bis zu den Schultern reichendes aschblondes Haar, mit grau-blauen Augen und einer wohlgeformten Figur. Keineswegs eine große Schönheit, nichts hervorstechendes war an ihrem Aussehen. Die Irre dagegen, wenn sie keine Irre wäre, wäre wunderschön. Eine Schönheit. Die Situation ist vollkommen Abstrakt. Sie scheint vollkommen verrückt. Ich lächle sie trotzdem an. Sachlich, freundlich. Ich kenne sie nicht. Nicht mehr. Sie ist zu Grunde gegangen. Doch ich erlitt die Schmerzen. Nicht sie. Ich verlor alles. Durch ihre Hand. Sie war es. Sie allein. Sie wollte Ich sein, dabei war sie immer die Schönere gewesen, sie war immer die gewesen, die alles bekam. Es war ihr nicht genug. Ich weiß nicht wieso. Ich hatte nie wirklich etwas mit ihr zu tun. Habe mich zurückgehalten. Ja, ich hatte letztendlich ihn, aber was sagt das schon aus? Er wollte mit mir zusammen sein, sie war mit Jemand anderem zusammen. Warum also musste sie ihn haben? Sie konnte ihn nicht haben. Er ist kein Ding über was man verhandeln kann. Er ist ein Mensch. Er hat seinen eigenen Willen. Und jetzt? Jetzt ist er unter der Erde. Jedenfalls behauptet sie das. Ich höre zu. Aber mir ist eigentlich egal was sie sagt. Ich komme nur hierher um mich zu vergewissern, dass sie wirklich hier bleibt. Vielleicht bin ich ein schlechter Mensch, weil ich mir das Wünsche. Aber wäre ich so schlecht, würde ich gar nicht kommen. Ich sollte eigentlich die sein, die weint und sie vorwurfsvoll anschreit. Doch wozu? Um selbst verrückt zu werden? Nein. Ich nehme es gelassen. Der Schmerz lässt jedoch nicht nach. Narben verschwinden nicht, sie können nur heilen. Meine Narben werden heilen. Ihre nicht. Deswegen die Sucht. Sie nimmt diese Flüssigkeit ein. Niemand kann sie hindern. Niemand wird eingreifen. Sie muss ihre Entscheidungen selbst fällen. Sie ist krank. Ich nicht. Manchmal frage ich mich, warum ich für sie Buße leiste.? Ich komme heute zum letztem Mal, sage ich. Sie schreckt auf, schaut mich an und fragt: „Wieso? Du kannst mich nicht einfach hierlassen ohne alles über die Beziehung zu Ihm zu erfahren!“ „Ich kann und Ich werde. Ich habe ihn hinter mir gelassen. Es ist Jemand neues in meinem Leben.“, sage ich kühl ohne jegliche Emotionen. Sie schreit. Ich drehe mich um und gehe die Treppe zu meinem Auto runter. Ich steige ein und schließe kurz die Augen. Einige Sekunden später bin ich wieder gefasst. So wie immer. Ich fahre in ein neues Leben. Eine Person würde all das Oberflächliche sehen, aber ich sehe mein ganzes Leben vorbeirauschen. Es tut nicht weh. Vergangenes bleibt vergangen. Ich starte den Motor und fahre fort. Dieser Ort ist tabu. Jedenfalls für mich. Mein Handy klingelt, und ich nehme ab: „Ja Schatz? Natürlich Darling. Ich hol die Kinder vom Kindergarten ab und dann gehen wir alle zusammen Essen.“ Ich habe 5 Jahre gebraucht um von hier loszukommen. 5 Jahre um zu verstehen, dass die (neue) Liebe meines Lebens zu Hause auf mich wartet. Dass das Leben auch ohne diese Buße weiter läuft. Ich habe es verstanden. Ich hoffe für sie, dass sie das auch irgendwann merkt.

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