Auf den Hund gekommen ...

von Alfred Plischka
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Wie viele Jahre hatten sie Tisch und Bett miteinander geteilt, wie lange waren sie gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen. Es waren nicht immer nur angenehme Zeiten, die sie durchstehen mussten. Die Kinder hatten oft nicht den Weg eingeschlagen, den die Eltern sich vorgestellt hatten. Und als sie dann das Haus verließen und eher ihr eigenes Leben lebten, waren Walter und Else auf einmal mehr oder weniger für sich allein. Ein neuer Lebensabschnitt begann für die beiden, in dem sie sich neu finden mussten. Aber es war auch eine Zeit, in der sie sich eine andere Form der Aufmerksamkeit geben konnten. Es war geschenkte Zeit, die sie durch Kindererziehung und die sonstigen Verpflichtungen des Alltags vorher in dem Maße nicht füreinander besessen hatten.
Bis Else eines Morgens neben Walter nicht mehr aufwachte. Der Tod kennt für die Betroffenen weder Zeit noch Stunde.

Der Verlust seiner Else traf Walter tief. Die Erinnerung insbesondere an die gemeinsamen letzten Jahre, in der sie einander mit viel Einfühlsamkeit und Liebe begegnet waren, hinterlieẞ in Walter eine schmerzliche Wunde, die einfach nicht heilen wollte. Der tägliche Gang zum Friedhof, auf dem Walter das Zwiegespräch mit seiner Else suchte, trug auch nicht unbedingt dazu bei. Der Schmerz über den Verlust seiner Frau ließ Walter einfach nicht los, machte ihn nicht frei für Ablenkung.
So erging es ihm denn tagaus, tagein. Über ein Jahr war mittlerweile ins Land gegangen - Walter blieb ein Gefangener seiner Trauer.

An einem sonnigen Frühlingstag hatte sich Walter wieder einmal auf den Weg zum Friedhof begeben, um seine Else zu besuchen. Die wärmende Sonne, das Frühlingserwachen der zwitschernden Vögel und die mit Macht aufbegehrende Flora und Fauna - das alles nahm Walter wie im Trance und nur schemenhaft wahr. Ihm war nicht der Sinn danach.

Plötzlich hörte Walter auf dem Wege aus dem angrenzenden Gebüsch ein jammerndes Jaulen, das er nicht ganz genau lokalisieren konnte.
Mit seinen Händen bog er das Strauchwerk auseinander und erblickte nach einiger Zeit einen kleinen Hundewelpen, einen Mischling, dessen Schnauze mit Isolierband umwickelt, verklebt und der an einen Baum mittlerer Größe angebunden worden war - ein schreckliches Szenario für menschliche Grausamkeit und Tierquälerei.
Mit seinem Taschenmesser, das Walter, Gott sei Dank, immer bei sich trug, befreite er den Hund aus seiner misslichen Lage und löste vorsichtig Stück für Stück das Isolierband, das um die Schnauze des kleinen Hundewelpen gewickelt worden war.
Zitternd und geradezu dankbar blickend schmiegte sich das kleine völlig entkräftete Hundebaby an seinen Retter. Wenn Hundeblicke sprechen könnten, hätten sie in diesem Moment ihre Sprache gefunden.
Walter nahm den kleinen Hund in seine Arme und drückte ihn sanft an seine Brust, um dem armen Tier durch seine Körperwärme Erleichterung und Schutz zu geben.
Zu Hause angekommen gab Walter dem Hund erst einmal etwas zu trinken, zerkleinerte ein Paar Wiener Würstchen, die er noch im Kühlschrank auftreiben konnte und gab sie dem kleinen Kerl zu fressen. Begierig und dankbar nahm dieser das Futter zu sich.
Danach wickelte Walter den kleinen Hund in eine Decke und legte ihn in den Weidenkorb, den Else früher immer für den wöchentlichen Einkauf auf den Wochenmarkt mitgenommen hatte. Bald darauf schon schlief der erschöpfte, aber nun doch gut versorgte kleine Hundewelpe selig ein und an seinem manchmal im Schlaf zu vernehmenden Grunzen konnte man erahnen, dass er sich im Hause seines Retters inzwischen wohl aufgehoben wusste. Walter spürte auf einmal, wie ihn ein warmes Glücksgefühl durchströmte. Sein Leben hatte wieder einen Sinn bekommen und machte ihn bereit für die neue Aufgabe, die ihm so unverhofft zugefallen war.

Morgen wollte er wieder Else besuchen. Aber er würde einen Begleiter mitbringen, Otto. So hatte er nämlich vor, ihn zu nennen. Und vielleicht würde Otto Else sogar mit einem "Wau-wau" begrüßen. Das war sein inniger Wunsch.

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