EIN SCHAUSPIEL (1)

von Alf Glocker
Mitglied

Prolog

Wer einsam Kreise zieht und glaubt, er müsse das verstehen,
was Welten umtreibt und den alten Kosmos hält,
der soll sich vorseh‘n, daß er nicht im Abseits landet!
Er mag verwunsch’ne Daseinswege gehen,
die ihm gefallen – was keinem Menschenwesen sonst gefällt,
er wird bemerken, daß er mit seinem Schiffchen strandet.

Doch da ist nichts, was seine tiefen Wunden gnädig kühlt,
nur dieses Bohren, das ihn stets im Kern verwirrt,
das mitgegeben, alle Quintessenzen spürt,
wenn er im Schlamm von Zeit und Unzeit herzhaft wühlt
und sich im Niemandsland der Weisheit noch verirrt,
ihn so in grobe, ungeschlachte Logik-Hinterhalte führt.

Die Hinterhalte, die kein Lebender gern mit ihm freudig teilt,
weil sie der Hoffnung nur das grelle Unheil bringen:
hier nichts zu sein – zu werden wie ein Häufchen Asche!
Wer so verstiegen auf der furchtbar platten Erde weilt,
der muss mit bösen Kräften sinnlos um die arme Seele ringen,
doch nie gelangt ein Heller, durch einen Zufall in die Tasche.

Wer bleibt sich treu? Wer geht vertraute Lasterwege –
und sei’n sie nur dem Arrangement, in Trauer, zu verdanken?
Der Irrtum heftet sich fatal an unser aller Sohlen!
Und hörst du tausend Stimmen die dir flüstern „so bewege
nicht nur dein Eigentum“, dann komme schnell ins Wanken,
denn alle höhere Einsicht ist dir hier auf Lebenszeit gestohlen!

1. Akt

Dunkelheit! Die Umrisse des Innenraums einer großen Produktionshalle zeichnen sich ab. Viele Zwischenwände lassen sie wie ein Labyrinth erscheinen. Eine Gestalt taumelt zwischen ihnen herum.

Sie meint: „Hab‘ es schon höllisch hier getrieben und vielerlei erlernt, von dem ich weiß, daß es nichts taugt. Gemeint ist Denken, anstatt Geldverdienen. Ich war ja viel zu stolz, es einzusehen. Nichts ist erreicht! Nun steht der große Kampf noch aus, der mir erklärt, warum ich die Arena hier bestieg. Ich weiß nicht mehr, warum ich etwas tue und mit wem ich was zu schaffen habe."

Ungeist: „`S ist eine Gottesgabe!“

Gestalt: „Wer spricht? Und wer erdreistet sich zu preisen, was mir nicht gottgefällig scheint? Egal, wer es auch sei!“

Ungeist: „Ich bin dabei!“

Gestalt: „Verflixt und zugenäht, was ist das für ein Spiel? Hab‘ ich denn jemals mehr gewusst als eine Küchenschabe? Sei’s drum! Es bleibt mir ja kein Ausweg mehr, als dort hinein zu steigen – in diesen Pfuhl aus dem perversen Sich-Erfahren. Ist Wahrheit wirklich stets pervers? Weil es mich arg bedrängt, so ohne Sinn zu sein, an einem Leben, das für mich scheinbar eine schlimme Absicht hegt!“

Ungeist: „Indem es dich wie eine Made pflegt?“

Gestalt: „Mein Misstrau’n, selbst den Stimmen gegenüber, die aus dem schnöden Inneren dringen, ist mir Gram. Ich möchte dieses Nichts bezwingen, das ich verfolge und das mich verfolgt – mich neckt?“

Ungeist: „… in keinem andern Menschen steckt …“

„Da höhnt es wieder, dieses Flüstern, und ich kenn‘ den Ursprung nicht, den es verlässt, um mich zu äffen! Dabei bin ich am Morgen meines Lebens aufgestanden, aufzufinden, den, der meine Seele heiß umgibt“.

Ungeist: „Du warst wohl in dich selbst verliebt?“

Gestalt: „Genau! Die Stimme hat schon Recht. Das Existieren hat’s mir schändlich angetan. Ich folgte meinen kleinen Gaben und rief ‚Halloo‘. Und ich, ich dachte schon, ich sei wem auf der Spur!“

Ungeist: „Das war dein Schwur!“

Die Gestalt kommt an eine Tür, die aus Rauch besteht. Sie schwitzt vor Angst.

Gestalt: „Jetzt will ich gar nicht weiter fackeln. Ich treibe ihn aus seinem feigen Schneckenhaus, den Schelm, der sich verbirgt um andere zu zwiebeln, wie’s ihm passt! Nicht länger halte ich die Zweifel aus … so komm heraus!“

Die innere Stimme ist vor Schreck verstummt!

Ungeist: „Was weckst du mich, du kleiner Wicht?“
Gestalt: „Schweig! Und sieh mir ins Gesicht!“
Ungeist: „Wie kannst du es nur wagen?!“
Gestalt: „Hör zu, ich muss dich etwas fragen!“
Ungeist: „Dann tu’s wenn du’s nicht lassen kannst –
ich habe keine Zeit für dich!“
Gestalt: „Wenn du mich auf Foltern spannst
und wenn du glaubst ich fürchte mich,
dann irrst du nicht – doch hast du Recht?“
Ungeist: „Wenn ich dir zuhör‘ wird mir schlecht!“

Gestalt: „Gib dich nicht stolz, als wärst du rein!
Du birgst dich hinter all dem Schein,
der Leute an was glauben lässt …“
Ungeist: „Mein Sohn, du gibst mir noch den letzten Rest –
was ich für mich so an Beschlüssen
entworfen hab‘, für euresgleichen …“
Gestalt: „Du gehst dabei doch über Leichen!“

In diesem Moment erscheint ein einzelnes Auge im Rauch!

Gestalt: „Was zwinkert mir verstohlen zu? Mir graust es arg vor der Erscheinung! Was soll das denn? Ich kenne das geheime Wirken. Will es mir sagen es sei nichts gewesen? Bei allem was geschah, sei dieser Ungeist, als Unschuldslamm, nur Helfer derer, die in Not, zu sehen? Das kann und will ich nicht verstehen!“

Ungeist: „Dir steht nicht zu, die beiden Seiten zu begreifen,
die ich erfüllen muss, damit ihr Unsinn treiben könnt.
Du solltest deine Mauern, in stiller Demut, schleunigst schleifen,
die man in deinen Zwergenkreisen nur ‚Vorbehalte‘ nennt!
So gib dich auf und meinen Plänen vorbehaltlos hin,
denn so erfährst du bestens was ich will und wer ich bin!
Ich bin dein Herr und du musst mir gehorchen, ohne Frage …“
Gestalt: „Was ist, wenn ich mich mit Verstand und Umsicht doch beklage?“

Ungeist: „Dann schicke ich dich in den Zustand des Vergessens!
Man wird dich gar kein bisschen mehr als Mensch beachten!
Das liegt ja ganz in den Bereichen des göttlichen Ermessens,
die mir die Lust bedeuten, an dem feinen Selbstgemachten!“
Gestalt: „Du willst dich nun aus allem Guten stehlen,
das uns Verantwortung und Sorgen heißt?“
Ungeist: „Ich hab da wen, fürs Morden und Verfehlen,
der für mich täglich in den sauren Apfel beißt!“
Gestalt: „Du zeigst ihn separat, als eigne Existenz? Ein Wahn!“
Ungeist: „Zwei Silben weist das Wörtchen auf – Sa-tan!“

Das einzelne Auge verschwindet und ein Hologramm tritt an seine Stelle.
Es zeigt eine Bühne, auf der ein Mann gefoltert wird. Man zertrümmert ihm auf einem Rad die Glieder!

Die taumelnde Gestalt hebt abwehrend den Arm um diesen Anblick nicht zu sehen.

Gestalt: „Was zeigst du mir, du Scheusal aller Zeiten?!
Musst du mich damit konfrontieren?“
Ungeist: „Ich zeige es der ganzen, dummgeblieb’nen Welt!“
Gestalt: „Und dies soll nun als Anreiz uns begleiten?
Das ist doch mehr zum Lustverlieren!“
Ungeist: „Verlier‘ sie, aber ziehe deine Lehren!
Ich spende euch in Liebe dies Fanal!“
Gestalt: „Du hast es leicht, wir können uns nicht wehren,
du steckst uns in ein Jammertal!
Das nenn ich ‚Hölle‘, und wie nenne ich dann dich,
der dieses Höllenspiel erfunden hat?“
Ungeist: „Ich bin der liebe Gott an sich! –
Da bist du jetzt von Herzen platt?!“
Gestalt: „Was soll ich denn glauben, daß du bist?
Ich blicke auf die allergrößte Hinterlist,
die nur ein Dämon sich erfinden will.“
Ungeist: „Sei endlich fromm, sei still!
Du bist ein grüner Junge, ohne Kraft,
besinne dich auf deinen Saft,
der Helden in die Schlacht und zu den Frauen treibt
und ihnen wilden Nachwuchs einverleibt!“

Gestalt: „Und dadurch kann das Leben weitergehen?“
Ungeist: „Jetzt fängst du an was zu verstehen!
So schwächle nicht und folge Macht und Liebe.
Ich habe viel davon in Weisheit wachsen lassen!“
Gestalt: „Und wenn ich mich in strikter Abscheu übe?“
Ungeist: Dann stirbst du aus und lässt den Primitiven
den Platz, den ich auch für die Guten werden ließ,
dein Fleisch erliegt der Übermacht der Massen,
die nicht, wie du, verenden im Verlies –
in dem Verlies der Hoffnung auf ein Happy End.“
Gestalt: „Ich wusste, daß man auch so den Blödsinn nennt!

Gestalt (staunend): „Die Folterszene weicht nun einem Liebesnest – ich spür‘ es in den Lenden! Will ich dabei sein, wenn geschieht was unvermeidlich ist, solang’s die Erde geben soll? Auch ich bin wild und liebestoll!“

Der Vorhang fällt!

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Kommentare

18. Mär 2018

Ein starkes Stück ist da zu lesen:
Es zeigt den Menschen - und sein Wesen ...

LG Axel