Im Zeichen des Vollmondes

Bild von Nicole Schrake
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Samstagnacht, 0.20 Uhr. Ich hatte meine Balkontür weit geöffnet, um zumindest einen Hauch Kühle in meine große Wohnung zu bekommen. Der Vollmond hing am Firmament, buttergelb, sahnig und fast zum Greifen nahe. Die Hitze des Tages wurde von den Asphaltstraßen reflektiert. Diese heiße Augustnacht hielt wieder einmal den Schlaf von mir fern, der sowieso nur bleiern und schweißgebadet gewesen wäre. Ich war unruhig, wie eine Katze, die auf der Lauer lag und etwas jagte, was ihr noch nicht in das Blickfeld geraten war. Ungeduldig strich ich mir mein langes, rotes Haar aus meinem schweißüberströmten Gesicht. Wie sehr sehnte ich mich nach einem kühlen Bad in unserem nahen See. Wie herrlich musste es sein, jetzt nackt in das tiefe, blaue, kalte Wasser hinein zu tauchen. Einen Moment lang könnte ich so dem Alltag entrinnen, bis mich meine Lungen verraten würden.

Gedankenverloren sah ich in den Nachthimmel, an dem die fernen Sterne von der Kälte des Universums kündeten. Gab es jemanden, der genau so alleine wie ich war, in diesem Augenblick? Die späte Stunde nahm dem Alltag seine spitzen Krallen und ich merkte, wie der Stress, den ich wieder einmal im Büro über mich hatte ergehen lassen müssen, von mir glitt, wie ein bleierner Mantel, der mir manches Mal das Atmen schwer machte. Ich wollte einfach nur raus, ausbrechen, alle Schranken durchbrechen.

Und in einer solchen Nacht war meine Sehnsucht besonders groß. Ich war schon zu lange Single, seit mich Stefan wegen dieser kleinen, blonden Schlampe abservierte. Neulich habe ich sie gesehen; in seinem Cabriolet, innig küssend an einer Ampel. Eine Woge der Übelkeit überschwemmte mich überschwemmte mich und für einen Moment war mir schwarz vor Augen geworden. Die Eifersucht fuhr wie ein Stachel in mein Herz und mein Ego lag vor mir, ein kleiner, kümmerlicher Haufen. Wie konnte er mir das antun? Ich fühlte mich so gedemütigt und versteckte meinen Schmerz tief in mir. Im Büro versuchte ich alle, wie immer, mit Klatsch und Tratsch auf dem Laufenden zu halten, laut lachend, fröhlich, doch wenn abends die Wohnungstür hinter mit laut, mit metallischem Klang, in das Türschloss schnappte, war ich einfach nur einsam. Es war niemand da, der mich fragte, wie mein Tag gewesen sei oder mir behutsam die schmerzenden Füße massierte, so wie Stefan es beherrschte. Ich musste mich aus den Erinnerungen lösen; sah ihn aber immer noch vor mir, wie er meine hochhackigen Schuhe von den Füßen löste, zärtlich mit seinen langen, sensiblen Finger über die Ferse und die Wade strich. Alleine diese Berührung fachte seinerzeit Verlangen des Verlangens an, wie ein heißer Wind einen trockenen Waldbestand. Er war ein Meister der Verführung und die Jahre mit ihm waren für mich die Erfülltesten gewesen. Jetzt, da er nicht mehr bei mir war, schrie mein Körper nach Zärtlichkeit. Ich wälzte mich nachts in meiner rubinroten Satinbettwäsche, wandelte durch verworrene, erotische Träume und wenn ich verlangend aufwachte, war da nur die leere, kalte Seite neben mir. Ich warf mich dann schluchzend auf die kühle Bettseite und meine heißen Tränen benetzten das leere Laken. Danach konnte ich nur noch schlecht schlafen, schlummerte unruhig und war am nächsten Tag so gerädert, dass meine Kolleginnen meinten, ich hätte die After-Work-Party am vorangegangenen Abend etwas übertrieben. Ich saß dann mit roten Augen, schmerzendem Schädel und sehnsuchtsvoll klopfendem Herz vor meinen Bildschirm und die Zahlen und Diagramme tanzten vor meinen Augen und schienen mich zu verhöhnen....

Ich sah aus dem Fenster. Vor dem Nachbarhaus stand ein Umzugswagen. Ein neuer Nachbar; na, vielleicht würde ich ihn bald sehen. Und ich sah ihn: Es war ein Mitarbeiter aus meinem Büro, Paul Scheermann. Ich rümpfte verächtlich die Nase. Dieser Spießer, hoffentlich hatte er auch seine blöden Bonsaibäumchen mitgenommen. Sein Büro war voll mit diesen Qualzüchtungen.

An jenem Samstag saß ich also wieder einmal auf meinen Balkon, ließ meinen Blick in die Ferner schweifen und plötzlich hatte ich das beängstigende Gefühl, beobachtet zu werden. Und dann sah ich ihn, meinen Nachbarn Paul. Er stand auf seiner Terrasse und blickte zu mir hoch. Dieser Blick hielt mich gefesselt und gefangen und ich fühlte, wie eine seltsame Schwäche sich in mir ausbreitete. Paul hatte nichts mehr von einem spröden Büroangestellten an sich. Ich sah seinen muskulösen, gebräunten Oberkörper und seine langen, schlanken Beine steckten in abgewetzten Jeans. Ich meinte, die Schweißtropfen auf seiner Brust sehen zu können, wie sie langsam nach unten rannen und sich in seinem Bauchnabel sammelten. Wie gerne hätte ich diese Tropfen mit meiner zitternden, lebendigen Zunge aufgefangen und getrunken, diesen ganz besonderen Saft. Paul starrte mich immer noch an, dann hob er wie in Zeitlupe seine linke Hand und winkte mir zu. Hypnotisiert von dem nächtlichen Treffen zweier einsamer Herzen winkte ich zurück. Dann gab er mir zu verstehen, ich solle herüber kommen. Ich bestand plötzlich nur aus Eis, nur mein Herz schien zu glühen und war dabei den Panzer der Einsamkeit zum Schmelzen zu bringen. Ich fühlte mich plötzlich schwerelos und eine jäh aufkommende laue Brise trocknete den Schweiß auf meinem Gesicht, küsste mich und ließ meine Seele schwerelos in den Nachthimmel schweben. Ich bestand nur noch aus Verlangen, ja Gier.

Ich ging, wie eine Schlafwandlerin zu Scheermann hinüber, getrieben von einer geheimnisvollen Macht. Unter meinem roten Jeanskleid trug ich nur einen schmalen Tanga und einen Hauch Chanel No. 5 zwischen meinen Brüsten. Meine Haare, die ich nachmittags noch gewaschen hatte, flossen wie ein tizianroter Schleier um mein Gesicht und jetzt fühlte ich mich, wie die Katze auf der Jagd, die lauernden Schrittes auf ihr Opfer zuging. Aber wer war hier das Opfer? Ich war ein Opfer des Verlangens, das in mir pulsierte und meine Schamlippen hoffnungsvoll pochen ließen. In meinen Ohren rauschte es und in mir war ein Singen und Klingen, so dass ich gleichzeitig lachen und weinen wollte. Ich wurde neu geboren. Ich war frei, frei von Stefan, frei von meiner ungelebten Sexualität. Ich war nur noch Lust.

Wie in Zeitlupe sank mein rot lackierter Zeigefingernagel auf den Klingelknopf, daneben stand: Paul Scheermann. Träumte ich oder war ich wirklich dabei, mit meinem spießigen Kollegen, der jeden Tag

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Kommentare

19. Jan 2017

Warum das jetzt hier doppelt steht, weiß ich nicht. :-( Vielleicht kann man es 1 x löschen ... :-)

19. Jan 2017

Hallo Nicole, Du schreibst gute Kurzgeschichten! Es steht doppelt drinnen, weil Du nicht gewartet hast, bis die Seite fertig geladen hat, nach dem "Speichern" klicken, sondern ein 2. mal "Speichern" geklickt hast. Um einen Beitrag zu löschen, klicke bitte unter dem Titel auf "Bearbeiten", scrolle ganz nach unten und klicke auf "Löschen". Bei Fragen am besten direkt an uns schreiben, dann kommt es auch sicher an! LG

19. Jan 2017

Hallo,
doppelt hält besser !!!
Trotzdem ein inhaltlich guter Text !
Bravo und liebe Grüße,
Volker

19. Jan 2017

Vielen Dank fürs Lesen, die Kommentare und für den Speichertipp ... Werde es beherzigen :-D.

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