Betrachtungen einer behüteten Kindheit

von Alf Glocker
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Meine Eltern waren beide geschlechtslos! Menschen kamen durchaus nicht durch Menschen auf die Welt, sondern durch Gott! Goethe, Schiller, Einstein, der Herr Pfarrer und der Bundeskanzler waren noch nie auf dem Klo! So etwas machten nur ganz primitive Wesen, wie ich zum Beispiel! Wenn man immer brav und fleißig ist, dann bekommt man als erwachsener Mann ganz plötzlich eine Frau, mit der zusammen man den lieben Gott in Gebeten um ein Kind, um ein Kind, um ein Kind usw. bitten darf … so viel man halt möchte. Meine Freunde und ich sagten, wir möchten 3! Eins für mich, eins für die Frau und eins, falls eins kaputtgeht …

Arbeit ist das Allerwichtigste im Leben eines Mannes und Liebe das Allerwichtigste im Leben einer Frau – wobei hiermit allerdings nicht die Liebe zum Mann gemeint ist, sondern die Liebe zu ihren Kindern. Wer am Sonntag in die Kirche geht, der kommt erfrischt zurück! Man muss immer an Gott glauben, denn der kann alles machen was man sich wünscht, außer man war nicht brav. Dann kommt der Pfarrer ins Haus und redet einem ins Gewissen, besonders, wenn man sich nach Mädchen umgedreht hat und womöglich auch noch etwas Unaussprechliches dabei dachte. Dann muss man alles beichten. Aber der Herr Pfarrer darf sich den kleinen Penis ansehen …

Pfarrer, Lehrer, Bürgermeister, Väter, Mütter, vor allem Großväter und Großmütter, sind Respektspersonen, und sie sind alle, samt und sonders, klüger als ich, egal was sie sagen, sogar wenn sie betrunken sind. Sie wissen viel besser was „Moral“ ist, weil sie in der Schule gut waren und gute Noten hatten, was ich ja nicht hatte. Mein Vater hat niemals an eine andere Frau gedacht als an meine Mutter, und meine Mutter nie an einen anderen Mann als meinen Vater, aber, wenn man „gedacht“ sagt, dann meint man nichts Unanständiges – obwohl die Mutter auch einmal einen anderen Mann geküsst hat … bei einer Schummerparty …

Da bin ich zufällig reingeplatzt, weil ich als kleines Kind Angst und viel zu viel Phantasie im dunklen Schlafzimmer hatte, wo die Schatten ebenfalls zu tanzen begannen. Aber weil ich zu viel Phantasie hatte (und habe), habe ich weder das eine noch das andere gesehen, sondern gar nichts, nur schlecht geträumt, denn Küssen tut überhaupt kein Mensch, höchstens Schauspieler, und die machen das für den Film, der ja nichts abbildet, was wirklich passiert. Wer sich aber was Schlechtes dabei denkt, der bekommt keine guten Noten, muss den lieben Gott um Verzeihung bitten und notfalls kommt der Pfarrer ins Haus, damit er mir ins Gewissen reden kann …

Auch die älteste Schwester meines Vaters, wie auch die Verwandten meiner Mutter, waren alle geschlechtslos. Zum Beweis dafür hatten sie alle wohl geratene Kinder – nicht so wie meine Eltern – und sie glaubten alle an Gott. Damit das auch jeder versteht, hatte die älteste Schwester meines Vaters (die schon immer als rechtmäßige Nachfolgerin meines Über-Großvaters galt) ein Verhältnis mit einem Geistlichen Rat, das allerdings rein platonisch war. Aber davon verstand ich damals gar nichts und ich wusste auch nicht, was ein „Verhältnis“ ist. Was „platonisch“ bedeutet natürlich auch nicht …

Unter so vielen tollen Supermenschen fühlte ich mich wie ein gemeiner Verbrecher! Ich hatte mit ihnen rein gar nichts zu tun. Sie waren mir in allen Belangen des richtigen Lebens haushoch überlegen. Sie waren aufrichtig, ich dagegen nur ein kleiner Lügner, mit und von wegen Phantasie und dergleichen. Sie waren immer fleißig gewesen und hatten deshalb auch immer gute Noten bekommen. Sie trieben es mit Pfarrern und Respektspersonen, wenn ich auch nicht wusste was genau. Aber eines wusste ich: Sie beugten sich stets der amtierenden Obrigkeit, egal um welche es sich auch gerade handelte, aber das war ja egal …

Zu meinem Leidwesen konnte ich nie etwas an meiner Natur ändern – ich dachte, was ich denken wollte, ich tat, was ich tun wollte, obwohl mir alles, auch ich selbst, mit der Zeit äußerst peinlich war. Meine Phantasie uferte, wie es die Alten allesamt vorausgesagt hatten, schrecklich aus, und ich wurde auf Gebieten tätig, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen haben sollte, obwohl ich mir das sehnlichst wünschte, damit ich nicht mehr so alleine war. Doch ich blieb mir selbst überlassen – und so kam es, wie es kommen musste: Ich scheiterte kläglich an den Anforderungen eines, durch und durch, über jeden Zweifel erhabenen Alltags …

Aber: Ich rächte mich furchtbar an den guten Menschen, die mich großzügigerweise am Leben und aufwachsen ließen. Ich aß ihre sauer verdienten Vorräte auf, ich bezweifelte ihre Lebensart, ich wollte Mädchen nackt sehen, ich verweigerte mich Amtspersonen, ich führte meine Lehrer an der Nase herum und ich hielt alle für blöd, die mir bei meinen Phantasien nicht folgen konnten. Und ich sagte ihnen mitten ins Gesicht, daß ich ihre Seelen für hässlich hielt! Dem daraufhin einsetzenden Sturm der Empörung hielt ich etwas entgegen, das sie bei mir nicht vermutet hätten – ich trainierte so lange meinen Körper bis sich keiner mehr traute mich zu verprügeln …

Da wandten sich alle ab. Ich konnte mich nirgends mehr blicken lassen. Man rümpfte nur angewidert die Nase, wenn man mich sah. Man versuchte zwar noch gütlich auf mich einzuwirken, indem man mir den Glauben an das Gute vor Augen hielt, aber man nahm Abstand von Konfrontationen aller Art, denn inzwischen hatte ich auch gelernt zu argumentieren. Das machte mich doppelt verdächtig. Zum Glück wussten alle, was mit mir einmal passieren würde – nur ich wusste es, bis vor kurzem, noch nicht. Aber jetzt gestehe ich mir ein, daß sie alle recht hatten, die ganze, in meinen Augen, seltsame Gesellschaft, denn jetzt geht es mir endlich an den Kragen …

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Kommentare

19. Jun 2018

Ein Künstler, der sich auch noch wehrt?!
(So was ist doch unerhört ...)

LG Axel

20. Jun 2018

Und un-erhört muss es auch bleiben -
dann muss der Depp was anderes schreiben

LG Alf