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Der Hoax Tag

Bild von Garfield Mattatuck
Bibliothek

Der Hoax hat eine lange Tradition in unserer Familiengeschichte. Jeweils zum 22.08. eines jeden Jahres müssen die Nachfahren des Hoax-Großmeisters, Remo Wilfred Pomerantz, den immer gleichen Prank mit verschiedenen Teilnehmern durchführen. Ob männlich oder weiblich, alle Mitglieder der Familie Pomerantz führen zu diesem Tag ihren Post-Streich aus. Sofern sie 18 Jahre alt sind.

Warum der 22.08.? Das ist der Geburtstag meines Ur-Ur-Großvaters, Remo Wilfred Pomerantz, der 1897 in Köln den ersten Hoax startete. Damals gab es bereits eine erste Werbeanzeige im örtlichen „Telephon-Teilnehmer-Verzeichnis zu Köln“, meines Wissens hatte die Stadt zu jener Zeit beachtliche rund 324.000 Einwohner. Remo W. Pomerantz hatte diesen Schabernack erfunden. Er wollte mit seinem Streich eine Art Kettenreaktion auslösen und, vor allem, die Leute verunsichern, verwirren und in ein gnadenloses Chaos stürzen. Vielleicht ahnte er bereits, was ein Herr Reis uns mit diesem Telefon eingebrockt hatte. Möglicherweise ahnte er aber auch, dass noch sehr viel mehr an „technischem Firlefanz“ (O-Zitat Remo Pomerantz) auf uns alle zukommen würde.

Man müsse sich dagegen wehren, so Remo. Und das ginge am besten mittels eines Briefes, der gewaltige Verwirrung stifte.

Er nahm sich das Telefonbuch vor und blätterte es blind durch. An einer bestimmten Stelle stoppte er, tippte auf einen Namen und schrieb die Adresse ab. Dann die ganz ähnliche Prozedur für den weiteren Namen. Nun schrieb er Herrn oder Frau A einen äußerst merkwürdigen, bizarren und reichlich verwirrenden Brief, als Adressant war Herr oder Frau B angegeben. Die Imagination der Eigendynamik dieses finsteren Treibens war damals der Lohn all der Mühen. Remo Pomerantz malte sich lustvoll aus, wie der Adressat A dem Adressanten B entweder schrieb oder ihn direkt anrief:

„Können Sie mir mal bitte verraten, was dieser hanebüchene Schwachsinn soll? Ich kenne Sie doch überhaupt nicht! Und dann schreiben Sie mir solch einen Brief? Ich darf wohl vermuten, dass Sie ohne jeden Zweifel eine Schraube im Dachstübchen locker sitzen haben, richtig?“

„Wer sind Sie denn überhaupt? Ich kenne Sie nicht! Und geschrieben habe ich Ihnen im Leben noch keinen Brief. Zeigen Sie mir diesen Brief doch mal...“

Was im 1. Hoax-Brief meines Ur-Ur-Großvaters stand, bleibt für immer das ewige Geheimnis unserer Familie. Der Text wird mündlich weitergegeben. Mit der Zeit hat dieser Brief, seit 1897, einige Modifikationen erfahren. Ich denke nicht, dass meine heutige Fassung von 2020 noch viel vom damaligen Original hat.

Die Tradition unserer Familie fortzuführen, zu bewahren, war mir so wichtig, dass ich mich für den 22.8., einem Samstag, im Arbeitszimmer einschloss und auf gar keinen Fall gestört werden wollte. Ich entnahm dem Telefonbuch (nein, ich verrate nicht, in welcher Stadt ich beheimatet bin) im Blindflug die beiden heutigen Namen, wie jedes Jahr, seitdem ich 18 geworden bin, denn ab dann ist man offiziell „Traditionswahrer“, es waren heuer Günther Resse (A) und Heiner Wilfong (B).

Als Heiner Wilfong schrieb ich an Günther R., natürlich über die Tastatur meines PC:
Lieber Freund, die Angelegenheit gestaltet sich schwieriger als zuvor gedacht, geriert so langsam zum Problemfall. Bastian P. klagte mir gestern sein Leid. Er meinte, und dies durchweg lakonisch, Günther Resse habe seine Reputation restlos verspielt. Ich hatte zwar versucht, Bastian zu beschwichtigen, aber mitnichten gelang mir dies in ausreichendem Maße. Unmut und größtes Misstrauen zeichnete sich im Gesicht des treuen Basti ab. Du kennst P. ja. Er muss immer gleich ein wildes Bohei veranstalten.

Würde dir, glaube ich, gut zu Gesicht stehen, wenn ihr zwei die Geschichte an einem neutralen Ort sachlich ausdiskutiert. Ruf ihn an. Hier ist die Nummer: 0174 1746613. Basti wird sicherlich erfreut sein, in dir einen unaufgeregten und rational denkenden Telefongesprächspartner sehen zu dürfen, der ohne jede Aggression und Vorwürfen aller Art, Ergebnis orientiert, ruhig mit ihm zu diskutieren gewillt ist. Teile ihm deine Bedenken mit, gib auch zu bedenken, dass du arm an Alternativen bist, und letztlich keine Option für einen „dritten Weg“ besitzt. Sag ihm, ich, Heiner Wilfong, könne jede Entscheidung mittragen, sie müsse nur eben bald gefällt werden.

Hier kann ich nicht anders, ich muss dir nunmehr den Ball zuwerfen. Nur du bist in der (prekären) Lage, diese diffizile Geschichte geradezurücken, auszubügeln, oder, sprechen wir es doch offen an, zu entkernen. Dass Basti gesagt haben soll, er wolle „einen schwarzen Kaffee mit Günther R. trinken“, einen Malua Kopi Luwak, ist ja nur ein Gerücht, das sich hartnäckig in der Szene hält. Gib nichts auf dieses Geschwätz.

Bastians Handy ist ein Wegwerf-Telefon. Er wird sich lediglich mit „Ja?“ melden. Du solltest freundlich agieren, ihn nicht provozieren und ihn nicht beschimpfen. So, das war´s für heute. Die Zukunft der gesamten Chose liegt in deiner Hand. Ich vertraue dir und hoffe, du handelst richtig und besonnen. Grüße Katrin von mir. Gruß, Heiner.

Ich druckte den Brief aus, zog Handschuhe an und wischte das Blatt sorgsam ab, beschrieb in Druckbuchstaben, mit links, den Umschlag. Oben links Heiner Wilfong, die Post ging an G. Resse, eine 80er draufgeklebt (selbstklebend!), Umschlag sehr sorgfältig abgewischt, von allen Seiten, krakelig unterschrieben, eingetütet und am nächsten Briefkasten entsorgt. Auch der Umschlag war selbstklebend. Ich hatte an alles gedacht. Und nun?

Der Rest war seliges Schwelgen. Ich sagte ja bereits, das Imaginieren gehört zu den ganz großen Tugenden und Talenten meiner Familie. Zurücklehnen und sich all die herrlichen kunterbunten Geschichten der „Kettenreaktion“ ausmalen. Wie wird denn Günther Resse reagieren? Wird er schreiben oder anrufen? Wird er überhaupt eine Reaktion auf diesen merkwürdigen, bizarren Brief abliefern? Wird er zu H. Wilfong fahren, um ihn zur Rede zu stellen? Wird er angestrengt überlegen, ob er einen B. P. kennt? Einen Heiner? Oder eine Katrin? Er wird seine Frau, falls vorhanden, rufen - und gemeinsam werden sie in ihren Erinnerungen kramen. Es könnte aber auch bei unserem Ehepaar Resse zu Unstimmigkeiten kommen, bezüglich dieser Katrin.

Wenn die Frau mitspielt, könnte sie Günther dazu bringen, wenigstens einen netten Brief an Heiner zu schreiben. Sollte der den Brief von Günther dann öffnen, dann ist die charmante Eigendynamik bereits voll im Gange. Es ist zu schade, dass man die weiteren Begebenheiten und Ereignisse nur erahnen kann. Mehr nicht. Aber Remo hatte das bereits 1897 gewusst: ‘Das Schönste überhaupt ist doch, diesen wirklich bösen Hoax-Brief zu schreiben.’ Mein Ur-Ur-Großvater nannte den Hoax selbst die postalische Phantasmagorie. Ein Gaukelbild im Wandel der Zeit. Ich führe nun diese Tradition mit diesem Schreiben fort. Und ich warf meinen Hoax-Brief mit viel Freude ein. Er würde am Montag zugestellt werden. Vielleicht aber auch erst am Dienstag.

Interne Verweise

Kommentare

21. Aug 2020

Spannende originelle Geschichte, gerne gelesen!

Gruß, Monika

22. Aug 2020

Hallo Monika,

zwischen Wachen und Träumen, in dieser bisweilen
bizarren Zwischenwelt, kommt mir der Name Remo
Pomerantz in den Sinn. Hernach entstand dann die
abstruse Geschichte.

Danke dafür, dass du die Geschichte gelesen und
kommentiert hast. Dass sie dir gefällt, freut mich.

Gruß,

Garfield Mattatuck

22. Aug 2020

Hallo Noé,

vielen Dank für das Lob. Ich habe mich bei der
Recherche zum Thema Telefonbücher in Köln:
"Ab wann und in welchem Umfang" gewundert,
dass es damals schon Telefonbuch-Werbung
gab. 1897. Natürlich sollte keiner diesen Joke
nachmachen. Das nur am Rande. Grüße von

Garfield Mattatuck