Der große schizophrene Selbstbedienungsladen

von Alf Glocker
Mitglied

Wir dummen Schafe sind alle zusammen ein riesiger Selbstbedienungsladen für die Reichen und die Mächtigen, wobei diese zwar sagen, sie seien auch ein Teil des „Wir“, aber „wir“ wissen genau, was „wir“ und wer „wir“ sind. Wir sind nur eine völlig ziellos umherirrende Herde, deren Hirte verrückt geworden ist und die lieber nur nachblökt was man ihr vortrötet, anstatt Tacheles zu brüllen. Übersetzt könnte dieses Brüllen dann vielleicht „Hilfe“ heißen. Nein – wir beißen lieber täglich ins Gras!

Von allen Seiten strömen die Räuber herbei und gehen uns an die Wolle! Wenn es gerade mal nicht die Reichen und die Mächtigen selber sind, dann bekommen wir zu spüren, daß sie unser Fell an Raubtiere verkauft haben, die sich einen Spaß daraus machen uns zu zerreißen. Haben wir nicht lange genug reihenweise ins Gras gebissen? Für jeden Humbug hat man uns geopfert, für alles mussten „wir“ geradestehen – und die Einfälle der „Hirten“, denen wir ausgesetzt waren, waren grenzenlos.

Trotzdem ist etwas zustande gekommen: Die Depots sind voll mit den Ergebnissen unseres Leidens, der Handel blüht. Und viele von uns sind so fett und träge geworden, daß sie es gar nicht mehr merken, wenn der Scherer kommt um uns auszuziehen. „Wir“ lassen alles über uns ergehen! Aber, daß jetzt auch noch die Despoten, die Schlächter und die Peiniger von anderen Weiden bei uns einfallen, um sich an uns gesundzustoßen, das ist der Gipfel.

Bei uns ist ja alles soo nett! Unsere Schäfinnen sind niedlich und ihre weiße Wolle ist begehrt. Jeder möchte ein Stündchen mit ihnen verbringen, vor allem die schwarzen Schafe der Welt. Sie verachten uns zwar, aber wenn es um die Schäfinnen geht, dann sind plötzlich hierzulande nur noch die Böcke überflüssig. Auch was unsere Pferche und Ställe betrifft, herrscht große Nachfrage. Die will auch jeder haben – aber natürlich nicht einfach so ...

Sie müssen schon „aufbereitet“ werden, damit sie für die anderen, die ständig neu hinzugekommenen Räuber, auch passend sind. Und weil uns unsere Hirten praktisch nur als Ware, nicht aber als empfindende Wesen betrachten, bläuen sie uns ein, wir müssen Rücksicht nehmen. „Rückt zusammen!“, gebieten sie uns „und wenn euch einer der Fremden an die Wolle geht, dann ist das auch nicht weiter schlimm!“.

Ist es ein Wunder, daß sich bei uns so langsam Weltuntergangsstimmung ausbreitet?! „Wir“ sterben wie die Fliegen, aber sollte einer von „uns“ Bedenken äußern, dann wird er in die rechte Ecke gestellt und muss den Narrenhut tragen, während der mit dem größten Schafskopf drohend den Zeigefinger hebt. Ist das nicht witzig?? Was sind „wir“ eigentlich? Spielzeug für Vollidioten?

Was „wir“ auch sind oder sein wollen, was wir auch tun, wir machen anscheinend alles falsch, zumindest solange „wir“ noch leben. Wenn „wir“ uns eines Tages auf dem Teller der Geschichte, als Kotelett oder Keule befinden und die letzte Schäfin totgeprügelt wurde, dann haben wir alles richtig gemacht ... wir, die Schafe im Selbstbedienungsladen.

*

Das Lied der Schafe

Was wir wollen, was wir machen,
das ist leider ohne Wert,
weil die andern drüber lachen:
„Seht, die machen was verkehrt!“

Wir sind nichts als eine Herde
dummer Schafe auf dem Pfad,
weg von dieser dunklen Erde –
ja, das bittere Ende naht!

Wenn wir blöken „lasst uns frei“,
dann drischt man nur auf uns ein.
So sind wir erpresst dabei –
und wir fügen uns dem Schein!

Jenem Schein der bösen Mächte,
die uns in den Abgrund treiben!
Als ob das Erlösung brächte ...
lasst dem Teufel uns verschreiben!

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Kommentare

23. Mär 2017

Lieber Alf, ich fühle mich nicht wie ein ausgebeutetes Schaf, wie ein Selbstbedienungsladen für die Reichen und die Mächtigen, ganz und gar nicht, sondern meine, wir leben in einer freien Gesellschaft und haben jede Menge Möglichkeiten, aktiv zu handeln, statt zu jammern - um die Dinge zu verändern.
LG Marie