Zwillingssaiten

von Amalia Goldbach
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Ich wünschte du wärst hier. Es würde dir gefallen, so sehr wie es mir gefällt. Was macht dich da so sicher? Stell´ die Frage ruhig. Sei auf der Hut vor dir und vor mir und gehe einen Schritt zurück. Ich komme nicht hinterher. Wenn du den Abstand benötigst, um bleiben zu können, werde ich nichts versuchen. Es würde dir gefallen, weil du den rosa Streifen zwischen Meer und Himmel sehen würdest und weil du wüsstest, dass die Unendlichkeit des Himmels und die des Meeres einander nicht berühren dürfen. Weil sie sich sonst aufgeben würden und nur noch ein kleiner Punkt wären. Es würde dir gefallen, weil du die Spatzenfamilie sehen würdest, die hoch oben in dem abgeplatzten Holz am Stamm der Palme direkt neben unserer Terrasse ihr Nest hat. Sie sind so laut, dass es schwer fällt ihm zuzuhören und ich verliere seine Gedanken. Manchmal möchte ich Lachen und tue es nicht. Aufgeregt zwitschern und schwatzen sie und tun so, als wären wir nicht da. Sie fühlt sich da oben so sicher, diese kleine Vogelfamilie. Flink und unbeschwert genießen die kleinen Spatzen ihr Vogelleben, halten sich da oben aus allem raus. Sie sind frei und können tun und lassen was sie wollen. Wenn er mein Lächeln bemerkt, weiß er, dass es einem unbekannten Punkt in der Ferne gilt und ist beleidigt. Ich spiele mit und versichere mit einem wohligen Seufzer, wie froh ich bin, hier zu sein. Mit ihm. Und dass ich unsere Unterhaltung genieße. Was für ein sperriges Wort. Niemals würden wir eines unserer Gespräche als Unterhaltung bezeichnen. Wir würden da sitzen und dieselben Bilder entdecken. Und ich müsste mich nicht erklären, weil du sehen kannst, was ich sehe. Gemeinsam würden wir in diesen Bildern spazieren gehen.

„Was machst du hier? Ich habe dich gesucht. Lass uns essen gehen. Ich habe Hunger.“ Kerem war sichtlich ungehalten über die Tatsache, dass Emmi sich nicht ordnungsgemäß mit Zeit und Ortsangabe abgemeldet hatte. Sie war alleine zum Strand hinunter gegangen, um nachzudenken und um sich für dieses stille Nachdenken nicht rechtfertigen zu müssen. Kerem strengten Emmis spontanen Entscheidungen und ihr unberechenbares Verhalten an. Er hatte das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen. Jederzeit konnte es sein, dass er sich umdrehte und Emmi war weg. Sie schloss ihn aus ihren Gedanken und Gefühlen aus. Normalerweise machte es ihm nichts aus. Emmi brauchte eben ihren Freiraum. Solange dieser nicht ihr gemeinsames Leben zerquetschte, hatte er kein Problem damit. Leise hatte er sich neben Emmi gestellt. Nicht mit der Absicht ein Teil dieser Zweisamkeit zwischen Mensch und Meer zu werden, sondern um diese stille Zweisamkeit zu beenden. Emmi hatte gespürt, dass er gekommen war, noch bevor er seinen Unmut über ihr Verschwinden und seinen Hunger geäußert hatte. Die Farben waren dunkler geworden und es fiel ihr schwer, ganz da zu bleiben. Sie versuchte eine Brücke zu bauen, damit das Meer und ihre Gedanken sie nicht mehr voneinander trennten. Sie machte das immer, wenn dieser Spalt zwischen ihnen entstand und der Moment darin abzustürzen drohte. „Was für ein schöner Anblick. Ich liebe das Meer.“ „Und ich verspreche dir, es ist morgen noch genau an derselben Stelle wie heute.“ Eine Brücke aus Wohlwollen. Er legte den Arm um ihre Schultern, drehte sie um und zog sie mit, den Strand hinauf zu den Dünen. Um diese Uhrzeit waren nur noch wenige Menschen hier unten. Es war genau dieser Spalt zwischen Tag und Abend, der groß genug war für eine persönliche Zeitfinsternis. Ein Moment, der sich in einem verschließt und den man für immer mit sich herumträgt. Emmi sagte nichts. Kerem hätte sie für exzentrisch erklärt und die Zeitfinsternis mit Ironie und einem künstlichen Lachen beendet. Er hatte Hunger. Hunger war eines der Dinge, die er nicht ertragen konnte, weil er sie nicht ertragen musste. „Wer Hunger hat, ist arm oder dumm.“ Emmi hasste diesen Satz, obwohl sie genau wusste, dass er es nicht so meinte, wie sie es verstand. Hunger bedeutete, der Teil der Welt, der Essbares zur Verfügung stellt und sein Körper übernahmen die Kontrolle. Hunger versetzte ihn in Panik, als hätte er Angst, sofort auseinanderzufallen. Wenn sich nicht alles in gewohnten Bahnen und Gefühlen abspielte, verlor Kerem das Gleichgewicht. Emmi ließ sich zu ihrem Mietwagen schieben und dachte, wie unsinnig es doch sei, an so einem schönen Ort mit dem Auto zu fahren. Doch auch das behielt sie für sich. Seit drei Tagen waren sie auf dieser Insel und kannten mittlerweile schon das beste Fischrestaurant, die beste Pizzeria und die beste Eisdiele. Es war ihr egal, wo sie hingingen, solange es nicht immer dasselbe Lokal war. Emmi aß, wie sie atmete und das Meer betrachtete. Kleine Portionen, ganz langsam, ganz im Reinen. Sobald das Essen vor ihr stand, schenkte sie ihm ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie kostete diesen Moment der ersten Geschmacksbegegnung so lange wie möglich aus. Essen war nichts, was man nebenbei tat, um satt zu werden. Essen erforderte Hingabe. Wie die Liebe und das Leben. Emmi wollte bei allem was sie tat, vollständig da sein. Von Kopf bis Fuß alles erleben und fühlen. „Ich will alles und sofort.“ hatte sie einmal lachend zu Kerem gesagt, als er ihr erklärte, was ein Kompromiss ist. „Das ist eine eher kindliche Haltung.“ hatte er sie zurechtgewiesen und versöhnlich hinzugefügt „Wie gut, das ich weiß, dass du schon eine erwachsene Frau bist.“ Es sollte eine laszive Anspielung auf Emmis durchaus erwachsene Lust auf körperliche Zweisamkeit sein, doch sie verfehlte ihr Ziel und schlug irgendwo zwischen Kerem und Emmi plump auf. Keiner von ihnen hatte sich die Mühe gemacht, sie aufzuheben und etwas daraus entstehen zu lassen. Kerem aß, um satt zu werden, um sich und seinen Körper wieder im Griff zu haben. Heute störte Emmi Kerems Art, zielstrebig und sorgfältig die Dorade samt Schaumkartoffeln und Spinatpastete beinahe exakt und ohne Pause in sich hinein zu schieben. Er war sichtlich zufrieden. Er hatte die Wirklichkeit wieder im Griff. Gefühle und Träume waren Nachtgestalten. Am Tage waren sie zu schwach und durchsichtig. Tatsachen brauchten starke Farben. An Kerems

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