Die Altenehrung

von Alfred Krieger
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Am Rande des kleinen Dorfes lebte die Waldhoferin, welche ihr Leben lang fleißig ihr kleines bäuerliches Besitztum ganz alleine bewirtschaftet hatte. In ihrer Jugend war sie ausnehmend hübsch gewesen und manch einer hatte ihr den Hof gemacht. Aber was helfen Anständigkeit, ein freundliches, hilfsbereites Wesen und ein beinahe engelsgleiches Äußeres, wenn das Schicksal nicht so recht mitspielen mag … ?

Die Jahre hatten tiefe Furchen in ihr hageres Gesicht gepflügt, welches dennoch die ursprüngliche Freundlichkeit und Güte auszustrahlen vermochte und wenn auch ihre Augen inzwischen einiges an Sehkraft eingebüßt hatten, so verrieten sie immer noch eine Unmenge an Mitgefühl für alles und jeden.

An ihrem 85. Geburtstage hatte sie bereits vormittags eine kleine Brotzeit vorbereitet, wohl wissend, dass des abends ein Gratulationsbesuch des Bürgermeisters, begleitet vom Dorfpfarrer und dem Lehrer zu erwarten war. Obwohl ihre finanziellen Möglichkeiten arg beschnitten waren, wollte sie sich ihren Gästen doch erkenntlich zeigen …

Gerade hatte die Herbstsonne damit angefangen, sich allmählich vom Tage zu verabschieden, da erschienen die hohen Gäste, das heißt, der Lehrer war bei den sogenannten „Dorfheiligen“ nur deshalb dabei, weil er als Fotograf und Berichterstatter die örtliche Presse vertrat.

Nachdem der Jubilarin ein gemeindlicher Geschenkkorb überreicht worden war, bat man sie, sich hinzusetzen und ihr Präsent dekorativ auf dem Schoße zu platzieren. Der Pfarrer und das Gemeindeoberhaupt stellten sich dahinter auf. Es sollte aber noch ein wenig dauern, bis der Pressevertreter seine fotografischen Geräte einsatzbereit hatte …

Der Bürgermeister, der seiner oft derben Ausdrucksweise und seiner kränkenden Späße wegen bei den zartbesaiteteren Gemeindebürgern nicht unbedingt recht beliebt war, nutzte diese „Regiepause“ und fragte mit einem hämischen Grinsen und laut aufdringlicher Stimme: „Na, Waldhoferin, kommen jetzt alle deine ganzen Kinder heut' auch noch zum Gratulier'n?“
Er lachte über seinen eigenen Einfall selbstgefällig und langanhaltend, um dann noch provozierend auffordernd hinzuzufügen: „Jetzt sag' schon!?“

„Weißt du, Bürgermeister,“ gab die Alte mit einem liebevollen, zufriedenen Lächeln zur Antwort, „dazu wäre es jetzt noch ein bisserl zu früh. Aber ich bin mir sicher, dass dann, wenn ich mich einmal von dieser Welt verabschiedet habe, alle die Seelen der Kinder, welche die meinen hätten werden können, sich bei mir bedanken – dafür, dass ich es ihnen ersparte, geboren zu werden.“

entstanden: 23.6.2016

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