Die Geschichte von der unbekannten Stadt

von Volker Schlepütz
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Auf den Dächern der Stadt wird wieder getanzt. Früher wurde hier nie getanzt, weder in den Bars, noch auf privaten Parties. Die Einwohner saßen den ganzen Tag entweder auf Lehnstühlen auf ihrer Veranda oder schauten auf einem Kissen abgestützt stumm aus dem Fenster. Einige hatten sogar ihre Fenster mit Brettern verschlagen. Es gab keine Arbeit. Die ganze Stadt war arbeitslos. Einmal pro Woche rollte ein Lastwagen auf den Platz vor dem Rathaus, und die Fahrer stellten Paletten heraus. Die Dorfältesten hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensmittel an die Bewohner zu verteilen. Es gab keine Aufstände, kein Gedränge, keine Schlägereien. Es schien sogar so, als sei es den Bewohnern egal, ob sie Brot und Wasser bekamen, Schinken, Milch und Obst. Eines Tages kam anstelle des Lastwagens ein siebentüriger Mercedes. Männer in dunklen Anzügen stiegen aus und gingen ins Rathaus. Nach einer Weile kamen sie wieder heraus und fuhren weg. Seit diesem Tag kam auch der wöchentliche Lastwagen nicht mehr. Es gab wohl heftige Diskussionen im Rathaus zwischen den Altern und den Männern mit den Anzügen. Aber offensichtlich war der Beschluss nur eine Frage der Formalität. Es war beschlossene Sache: Die Stadt sollte einfach verschwinden mit ihren Menschen, und zurückbleiben sollte eine Ruine. Was blieb den Bewohnern übrig? Sie zogen weg und hinterlegten im Rathaus ihre neue Adresse. Es dauerte einige Monate, bis ein Wanderer mit langem Lodenmantel in den Ort einkehrte. Vermutlich hatte er die Stadt auf seiner Karte entdeckt und sich erhofft, seine Wassertaschen aufzufüllen und frisches Brot zu kaufen. Als er sah, dass die Stadt einsam verdorrt war und die Hecken lang geworden waren, so dass sie sich schon zu den Straßen beugten, ging auch er ins Rathaus. Er kramte in seiner Manteltasche herum und zog einen Fetzen Papier hervor. Dort hatte er eine Telefonnummer notiert, die ihm in der Not helfen sollte. So ging er in die einzige Telefonzelle vor dem Rathaus und wählte die Nummer, während er Münze für Münze in den Automaten einwarf. Das Gespräch dauerte sehr lange, so dass bereits die Dämmerung einsetzte, als er endlich den Hörer auflegte. Dann ging er ins Rathaus zurück und legte sich auf seine Schlafmatte. Als er am Morgen aufwachte, ging er durch alle Gänge, Zimmer und Säle des Rathauses, in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, was ihm Hinweise darauf gab, was geschehen sein könnte. Dann fand er im Zimmer des Bürgermeisters auf dem schon vollkommen eingestaubten Schreibtisch eine kleine Kiste. Dort befanden sich die Adressen der Menschen, die von hier ausgewandert waren. Das brachte ihn auf eine Idee. Wieder telefonierte er lange und brauste dabei manchmal auf wie ein wildes Tier. Dann aber beruhigte er sich wieder und legte den Hörer auf, so als ob er mit dem Gespräch zufrieden sei. Auch in dieser Nacht schlief er im Rathaus. Er blieb eine Woche in diesem einsamen und stummen Ort und ernährte sich von ein paar Beeren, die er im Wald einsammelte. Dann endlich passierte es. Zu Beginn der darauf folgenden Woche fuhren drei riesige Laster in den Ort. Sie hatten Mühe, in den kleinen Straßen zu rangieren und doch gelang es ihnen, auf dem Rathausplatz in Reihe und Glied zu parken. Die Fahrer waren müde von der langen Fahrt und legten sich sofort mitten auf dem Platz schlafen. Nur der Wanderer war hellwach und überglücklich, denn er spannte sofort die LKW-Planen von den Stangen und betrachtete das Liefergut. Drei riesige Rollen feinster Seide lagen auf Holzbeschlägen, in jedem Großtransporter eine. Zusammen mit den Fahrern begann die Arbeit, die der Wanderer für sie vorgesehen hatte. Unter seiner Aufsicht und Mithilfe verhüllten sie in einer Woche die gesamte Stadt, so dass sie im Sonnenlicht silbern glitzerte. Die Lastwagen fuhren wieder weg und der Wanderer telefonierte wieder. Dieses Mal aber telefonierte er eine ganze Woche. Denn nun rief er jeden einzelnen ehemaligen Bewohner an und sagte ihnen, dass sie sich auf den Weg zurück in ihre Heimat begeben sollten. Dabei sprach er mit jedem so, als würde er jeden einzelnen schon seit Jahren kennen. Er legte mehr als dreihundert Mal den Hörer zufrieden auf. Dann kehrte eine unheimliche Stille in den Ort ein, bis endlich die Großlaster wieder eintrafen. Aus ihnen heraus strömten in roten Gewändern alle dreihundert Einwohner dieser Stadt. Sie stellten sich um den Wanderer zu einem Pulk zusammen und warteten darauf, was er verkündete. Aber das ist ja nun schon bekannt. Der Wanderer hatte seine Aufgabe erfüllt und verließ den Ort, als er alle Einwohner auf den Dächern tanzen sah. Die Männer mit den dunklen Anzügen kamen nie wieder.

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