Das Volk der Fugoten - eine Erzählung

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Prolog
Im Jahr 2070 brach ein weltweiter Krieg um Ressourcen und bewohnbare Landflächen aus. Die mit guten Absichten ausgehandelten Klimaabkommen scheiterten Jahre lang am Widerstand einiger großer Nationen. Auch hatte es die Weltgemeinschaft nicht geschafft, fossile Brennstoffe durch Windkraft und Solarzellen zu ersetzen, weil sich eine neue Terrorgruppe aus der immer größer werdenden Anzahl an Rechtsextremisten auch in den nicht-muslimischen Staaten gebildet hatte, die fast täglich Anschläge gegen Windparks und Solarparzellen verübten. Selbst wenn man einen Teil von ihnen bei den Bombenanschlägen ertappte und verurteilte, schienen sie sich zu vermehren. Diese Form der Gewalt eskalierte, als der Meeresspiegel so stark anstieg, dass Dreiviertel der Menschen auf der Flucht waren, um nicht von den Wassermassen verschlungen zu werden. Es gab Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde, nur um ein Stück Land zu erreichen, das hoch genug lag, um sich dorthin, wie auf einer Arche Noah, zu retten. Der Krieg dauerte sieben Jahre und endete schlicht und ergreifend aus totaler Erschöpfung all derer, die noch am Leben waren. Die meisten anderen waren ertrunken oder fielen im Kampf um Landflächen. Es waren insgesamt noch rund eine Milliarde Menschen, die innerhalb weniger Wochen einfach aufhörten zu morden, weil es keine Munition mehr gab für Kanonen und Maschinengewehre, keine Raketensprengköpfe mehr, mit denen die mit Solarkraft betriebenen Drohnen bestückt werden konnten. Der Krieg und das Meerwasser hatten das Land und die Städte zerstört, die nicht mindestens auf sechs Meter oberhalb des Meeresspiegels lagen, wie noch im Jahr 2050. Hinzu kamen die immer häufiger auftretenden Pandemien, die alleine schon die Weltbevölkerung halbiert hatten. Am Ende blieben von den insgesamt zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050 nur noch eine Milliarde Menschen übrig, die auf einer Fläche von etwa der Hälfte der Größe Europas in zweiundzwanzig Staaten verteilt waren. Da der größte Teil der Bevölkerung in den Hauptstädten der Staaten lebte, wohnte man auf etwa zwölf Quadratmeter, egal ob als Einzelperson oder als Familie. Dazu wurden alle bestehenden Wohnhäuser so umgebaut, dass die Städte Gefängnissen glichen, wo Zelle an Zelle lag. Es gab eine ausgeklügelte Familienpolitik in allen Staaten, die von der ZAS kontrolliert wurde. Hinter der ZAS verbarg sich der Zentralrat autonomer Staaten, und dieser bestand aus einem Gremium aus Regierungsvertretern der zweiundzwanzig Staaten. Es waren aber keinen Staaten mehr, wie es sie noch 2050 gab, wie Europa oder China. Die Wassermassen der Weltmeere hatte eine neue Landflächenarchitektur hervorgebracht, die die ursprünglichen Staaten zersplitterten. Es waren Inseln, die sich besonders in der Nähe der großen Gebirgszüge gebildet hatten. Einige Staaten waren unmittelbar miteinander verbunden, andere waren nur auf dem Seeweg zu erreichen. Und es gab zwei Inseln, die nicht bevölkert waren, weil sie besonderen Zwecken dienen sollten. So lebten zu Beginn des Jahres 2078 eine Milliarde Menschen auf dem verwüsteten Planeten, die von der ZAS in einem föderalistischen Staatenbund regiert wurde. Die Hoheitsgewalt und die politischen Entscheidungen wurden von den Mitgliedern demokratisch entschieden. Nur wenige Entscheidungsfreiheiten wurden an die Länder delegiert, die von einer Zentralregierung angeführt wurde. Denn das politische System der freien Demokratien, wie es bis 2050 in vielen Ländern der westlichen Welt vorherrschte, hatte sich nicht bewähren können, denn weder konnten die Klimaprobleme gelöst noch die Ressourcenkriege verhindert werden. Ja, es war sogar so, dass die Wahlbeteiligung in diesen Ländern aus Frustration gegenüber den politischen Entscheidungsträgern auf zehn Prozent gesunken war und Zustände von Anarchie herrschten, die nur noch mit roher Gewalt zerschlagen werden konnten. So war es das Militär, dass die Staatsgewalt innehatte und so waren es keine Politiker mehr, die die Staaten regierten, sondern die Generäle des Militärs saßen in der ZAS und in der Regierung der Staaten. Nur das Militär war in der Lage, den Frieden zu sichern und Bürgerkriege einzudämmen. Es herrschte daher ab dem Jahr 2078 äußerst chaotische und schwer zu kontrollierende Konflikte, die jeden Tag explodieren konnten. Auch die Kriminalität war deutlich gestiegen, die Bevölkerung wurde mittels Abtreibungspflicht und Geburtenkontrolle konstant gehalten. Und ein Problem war immer noch nicht gelöst: das Klimaproblem. Es war nicht irgendein Problem, sondern es war die zentrale Herausforderung, von der die Zukunft der verbliebenen Menschheit abhing. Würde man auch in Zukunft das Klimaproblem nicht lösen, würde der Meeresspiegel weiter ansteigen und weitere Landflächen unter den Salzwassermassen begraben. Es musste innerhalb der nächsten zehn Jahre etwas passieren, ansonsten müssten Massenertränkungen stattfinden, um weiterhin Platz zu schaffen für den restlichen Teil der Bevölkerung. Und mit den Massenertränkungen müssten militärpolitische Entscheidungen getroffen werden, wer ertränkt werden sollte und wer am Leben bleiben durfte. Die mögliche Ausrottung der Menschheit schien also immer näher zu rücken. Es musste eine Lösung gefunden werden, die den Meeresspiegelanstieg zum Stoppen brachte. Dazu war aber, so vermutete man, nur eine ganz kleine Minderheit der Bevölkerung in der Lage, das Volk der Fugoten, das in Land 8 lebte. Aber gerade dieses Volk wurde von der eigenen Bevölkerung aufgrund ihrer merkwürdigen Art, sich in der Öffentlichkeit tanzend zu bewegen, in einem Lager interniert, um ihnen das Tanzen auszutreiben und sie zu resozialisieren. Die Bevölkerung ahnte nichts von dem großen Plan, den dieses Volk in den Schubladen hatte, um die Welt zu retten, bevor sie sich selbst zerstörte.


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Mit dem Beschluss der Regierung von Land 8 vom 1. Mai 2090 war das Schicksal des Volkes der Fugoten besiegelt. Die Fugoten waren nicht unmittelbar von der Landesregierung interniert worden, sondern auf Antrag der Bevölkerung. Sie war sich zu Dreiviertel einig darüber, dass das Volk nicht zu ihnen gehörte und dass sie sich von ihnen extrem gestört fühlten, wenn sich die Fugoten ihnen näherten. Ja, sie hassten das Volk, sie hassten sie für ihre Sprache, ihre schneeweise Haut und ihren kleinen schwarzen Knopfaugen, deren Anblick der Bevölkerung Angst machte. Wie Schneemänner sahen sie aus und hatten eine sehr merkwürdige Art sich zu bewegen, denn sie bewegten sich stets tanzend. Sie tanzten von der Bäckerei zur Bushaltestelle, sie tanzten beim Überqueren der Straßen, sie tanzten in den großen Einkaufszentren und sie tanzten mal alleine oder mal zu zweit oder manchmal auch in einer größeren Gruppe. Die Bevölkerung aber wollte keine tanzenden Schneemänner unter sich haben. Sie waren ihnen ihres ewigen Glücks wegen,

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