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Das Volk der Fugoten - eine Erzählung - Page 8

Bild von Volker Schlepütz
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zusätzlich schon einmal für die Regierung gearbeitet hatte und sich dort bewährt hatte, kam in das Zelt 3. Für darüberhinausgehende zusätzliche besondere Begabungen, wie z.B. Informatik, Datenverarbeitung oder Materialkunde, die mit einer Promotion belegt werden konnte, wurde dem Zelt 4, ganz links vor dem Regierungsgebäude zugewiesen. Eine Trennung von Frauen und Männern war nicht vorgesehen, da es sich nur um einen Aufenthalt für eine Nacht handelte. Am folgenden Tag sollten Busse die Fugoten in die Kaserne im Norden des Landes gebracht werden. Die verschiedenen Zelte sollten nur den Anschein geben, dass es sich um eine Talentsichtung handelte. In Wahrheit sollten sie einfach nur registriert und interniert werden. Sie sollten ihren Besitz abgeben, ihre Kleider abgeben. Im Austausch wurde ihnen eine Uniform gegeben, die ebenfalls nur der Ablenkung diente. Die Uniformen sollten ihnen Glauben machen, dass sie von nun an für die Regierung zu besonderen Aufgaben auserkoren waren.
Die Hinterhältigkeit war so kaum zu durchschauen, wenn es nicht Gereon gegeben hätte, der alles wusste und die übrigen Fugoten davon in Kenntnis gesetzt hatte.
Um 8:30 Uhr trafen die ersten Fugoten ein, unter ihnen auch Thea. Sie wollte mit gutem Beispiel vorangehen und pünktlich eintreffen. Sie wurde von drei jüngeren Fugoten und einer weiteren Frau mit ihrem sechsjährigen Sohn begleitet. Da sie wussten, was sie erwartete, die Regierungsbeamten aber nicht wussten, dass sie es wussten, tanzten sie fröhlich an die Tische heran und blieben, wie auf Knopfdruck gleichzeitig stehen.
Guten Morgen, begrüßte Thea den mit strengem Blick aufschauenden Mann in schwarzem Anzug, mein Name ist Thea, und ich folge ihrem Regierungsaufruf. Wie kann ich dienlich sein?
Der Mann im schwarzen Anzug versuchte, sein ernstes Gesicht etwas zu verformen, dabei drehte er seinen Kopf in den Nacken und ließ ihn dann wieder blitzartig nach vorne schnellen, als wäre er mit einem Gummiband mit seinem Rumpf verbunden. Und tatsächlich wirkte dieser Tick, denn er lächelte Thea nun freundlich an.
Name, Vorname, forderte er.
Zuckerstein, Thea.
Sie wissen, warum Sie hier sind, Frau Zuckerstein?, fragte er Thea.
Natürlich, entgegnete Thea, wir sollen…dann zögerte Sie eine Weile.
Sie sollen was…argwöhnte der Mann im schwarzen Anzug, der nun seinen Oberkörper aufbäumte und den Kopf näher zu Thea beugte.
Wir sollen uns hier zu einer Talentsichtung einfinden, lächelte Thea.
Richtig, vollkommen richtig!, betonte der Regierungsbeamte. Nun, was haben Sie vorzuweisen?
Ich bin Künstlerin und habe von der Regierung ein Atelier eingerichtet bekommen, um mich weiterhin der kulturellen Entwicklung des Landes zu widmen. Darüber hinaus bin ich hochbegabt und habe…
Ja, ja, ich weiß, unterbrach der Beamte Thea, sie haben einen IQ von 200, nachgewiesen mit einem Test aus dem Jahr 2080. Sie gehen bitte in Zelt 4 und folgen dort den Anweisungen der Regierungsgehilfen.
Thea folgte der Anweisung und tanzte fröhlich pfeifend zum Zelt, wo sie von zwei in blauen Uniformen gekleideten Frauen in Empfang genommen wurde. Der Mann mit dem schwarzen Anzug strich den Namen durch und schrieb daneben eine Nummer auf: SM#1. Dann schnellte sein Kopf wieder nach vorne und blickte den nächsten Schneemann an.
Name, Vorname, forderte der Mann im schwarzen Anzug von dem nun vor seinem Tisch stehenden jungen Mann.
Kupferschmid, David.
Sie wissen, warum Sie hier sind, Herr Kupferschief?
Kupferschmid bitte, ja, wir sollen uns hier einfinden und unsere Begabungen nachweisen, damit wir dem Land in dieser schwierigen Zeit beim Wiederaufbau helfen sollen.
„Ganz genau!“, antwortet der Mann im schwarzen Anzug und spuckte dabei einen Schleimklumpen neben seinen Stuhl. „Sehr richtig erkannt. Sie sind ein aufgeweckter junger Mann. Nun, was haben Sie vorzuweisen?“
„Ich bin Schriftsteller und habe schon drei Romane veröffentlicht. Kennen Sie sie?“
Schriftsteller, sagen Sie?, und der Mann schnäuzte sich die Nase. Einer von denen, die lieber in der Sonne sitzen als in einer Fabrik zuarbeiten, ja?
„Ich habe schon zehn Jahre in einer Fabrik gearbeitet, dann hatte ich einen Arbeitsunfall und habe seitdem ein steifes Knie, deswegen habe ich zu schreiben begonnen.
„Soso, in welcher Fabrik war das denn?
„In einer Fabrik zur Herstellung von Lacken und Farbe in der Region 327. Nun gut, wenn Sie schreiben können, dann können Sie sicher auch Handbücher, Bedienungsanleitungen schreiben, eventuell auch Anträge mit Rechtsinhalten?
Nun, ich bin kein Jurist, aber ich arbeite mich gerne zügig ein.
Der Mann mit dem schwarzen Anzug schaute ihn prüfend an und neigte dann seinen Kopf zum Schreibtisch. Er kritzelte die Nummer SM#2 auf den Registerblock und schickte ihn zum Zelt 2.
Vielen Dank, ich werde sicher eine gute Verwendung haben, heuchelte David, der wusste, dass das alles hier nur eine Show war, und tanzte pfeifend zum Eingang des Zelts Nr. 2.
„Kleeblatt, Heinrich, gab der zweite junge Fugote unaufgefordert von sich, während der Mann im schwarzen Anzug noch etwas notierte. Blitzartig schaute er den Schneemann und tat so, als hätte er das vorherige nicht gehört.
„Name, Vorname“, forderte der Mann im schwarzen Anzug.
Wie ich schon sagte, Kleeblatt, Heinrich.
Sie antworten nur auf Anweisung, wir sind hier nicht in einem Gesellschaftsraum. Sie wissen, warum Sie hier sind?
Ja, ich weiß.
Und, warum sind Sie hier?
Ich soll mich hier mit meinen Fähigkeiten vorstellig machen.
Sie haben es erfasst, bravo! Und, was haben Sie vorzuweisen?
Der junge Mann sah den Mann hinter dem Tisch durch seine dicken Brillengläser fragend an und zögerte mit der Antwort eine Weile.
Haben Sie es auf den Ohren?, Herr Kleeblatt, ich kann auch in den Unterlagen schauen, wenn ihnen das lieber ist, die sind aber schon ein paar Jahre alt. Je mehr Sie seitdem dazugelernt haben, desto besser für Sie und für uns. Haben Sie das verstanden?
Der verängstige Mann nickte mit dem Kopf und stemmte seine Arme in die Hüfte. Dann sagte er mit erhobenem Stolz:
„In meinem Volk bin ich der einzige, der einen Kirschkern über 20 Meter weit spucken kann, ohne Gegenwind versteht sich.
Der Mann mit dem schwarzen Anzug stand auf und reichte seinem Gegenüber die Hand. Heinrich schlug erleichtert ein: Hervorragend junger Mann! Sie haben wirklich Mut, mich hier zu verarschen. Dabei drückte er die Hand des jungen Fugoten so fest zu, dass er vor Schmerz zu schreien begann. Sie gehen sofort in das Zelt 1 und warten dort weitere Anweisungen ab. Sollte zu Ihnen keine Akte geführt sein, die Hinweise auf Fähigkeiten oder Regierungsmitarbeit nachweisen, bleiben Sie in diesem Zelt. Ansonsten

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