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Das Volk der Fugoten - eine Erzählung - Page 5

Bild von Volker Schlepütz
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wenn sie in der Öffentlichkeit waren, um ihre Freude und ihre Lebenslust unter die Bevölkerung zu bringen. Denn sie waren ein gutes Volk, ein Volk voller Optimismus und sie liebten die Menschen, egal oft sie bespuckt oder gemieden wurden. Sie bedauerten diese Menschen nur ein wenig, weil sie auf einer sozialen Entwicklungsstufe stehengeblieben waren, die für das 20. Jahrhundert und das frühe 21. Jahrhundert typisch war. Und da sie ein viel zu kleines Volk waren, sahen sie sich nicht in der Rolle, ihnen Wege zu einer Weiterentwicklung aufzuzeigen, jedenfalls nicht über die Sprache, denn mit Logik allein war eine solche Weiterentwicklung nicht möglich. Eine Weiterentwicklung musste erfolgen, wie eine Übung in einer Schauspielschule. Dort bestand eine Übung darin, sich solange gemeinsam durch einen Raum zu bewegen, bis aus der Gruppe heraus die Bewegung stoppte. Dazu musste jeder ein Gefühl für den Gemeinsinn der Gruppe entwickeln. Blieb einfach einer stehen, während die anderen sich noch bewegten, war die Übung misslungen. Erst dann, wenn alle unaufgefordert gleichzeitig stehenblieben, war die Übung gelungen. So war es auch mit der Bevölkerung in diesem Land. Sie konnten sich nicht über Diskussionen oder Dialektik weiterentwickeln, sondern nur über eine gemeinsame Einsicht aller über Empathie, gemeinsame Intuition und Gemeinsinn. Der Tanz der Schneemänner in jeder Form der Öffentlichkeit sollte einfach nur eine Aufmerksamkeitsmimik schaffen, die regelmäßig und nachhaltig das Land durchziehen sollte, in der Hoffnung, dass dadurch mit der Zeit ein Impuls zu einer höher entwickelten neuen sozialen Ordnung gegeben wurde. So sahen sich die Schneemänner eher als stille Influencer, die nicht über YouTube oder soziale Netzwerke die Welt verändern wollten, sondern mit einer körperlichen Bewegung, einem Tanz, der das Gefühl ansprach, nicht aber die Logik. Das war einer der beiden Aufträge, zu dem sich die Schneemänner in einer gemeinsamen Tagung nach Ende des dritten Weltkrieges verpflichtet hatten.
Der andere Auftrag der Schneemänner trug den Namen Nachhaltigkeit 2100 und hatte das Ziel, eine nachhaltige Welt zu schaffen, die dem Muster der Natur folgen sollte und die menschliche Intelligenz über einen implantierten Mikrochip so steuerte, dass es den Menschen unmöglich machen sollte, mehr Ressourcen zu verbrauchen als vorhanden sind. Einen solchen Mikrochip zu programmieren, war natürlich alles andere als leicht. Man hatte dazu Gereon beauftragt, der seit Jahren schon über künstliche Intelligenz forschte und der ein hochintelligenter Schneemann war mit einem IQ von 200. Er war selbst dem Volk der Schneemänner manchmal suspekt, obwohl sie schon sehr viel von Psychologie verstanden. Aber Gereon war noch einmal eine neue Herausforderung für sie, denn er verstand sich selbst als eine über jede menschliche Intelligenz stehende und fortentwickelte künstliche Intelligenz unter den Menschen. Es war daher auch unmöglich, ihn zu sozialen Kontakten zu ermutigen. Er lehnte jeden Versuch des sozialen Miteinanders mit einer stummen Geste ab. Auch sprach er nur ganz selten, denn für ihn war Kommunikation unlogisch, solange Informationen interpretierbar sind. Was nütze es den Menschen, dass ein Satz einen Inhalt transportiert, der auf einen ganz anderen Erfahrungsschatz im Gegenüber trifft und falsch verstanden werden kann, manchmal so falsch, dass daraus Konflikte und sogar Kriege entstehen. Wenn eine Information den Gegenüber erschreckte und dieser klären wollte, was er damit gemeint habe, konnte er das Erschrecken nicht verstehen, denn er war immun gegenüber allen Emotionen. Er konnte zwar die Rückfrage verstehen, da er die Sprache bis zur Perfektion beherrschte, aber er konnte die Rückfrage nicht verstehen, weil er nicht verstehen konnte, warum Menschen Informationen anders interpretieren oder überhaupt interpretieren. So gesehen, war er ein vollkommen rationaler Mensch, wie ihn die Wirtschaftswissenschaftler als Idealbild lange Zeit sahen, bevor sie sich für Verhaltensanomalien interessierten. Bei Gereon waren solche Verhaltensanomalien nicht erkennbar. Aber für die meisten anderen Menschen, die mit Emotionen ausgestattet waren und Verhaltensanomalien zeigten, war es Gereon, der für sie eine Anomalie darstellte. Für ihn war der Inhalt von Informationen so interpretationsfrei als sei es gemeinsames Wissen, etwa wie ein Satz, den zwei Menschen auf einer Tafel sehen können und jeder von jedem weiß, dass es gelesen und gleich verstanden wurde. Gereon verstand nicht, wie man „ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, dass…im unendlichen Regress noch hinterfragen musste. So war er nur dann in der Lage, Sprache zu verwenden, wenn sie keinen Empfänger hatte, der Empfänger taub war oder aber von identischer Intelligenz ausgestattet war wie er selbst. Diese Gleichgesinnten erkannte er sofort, wenn sie ihm begegneten. Im Volk der Schneemänner gab es nur eine Frau, die ebenfalls einen IQ von 200 besaß. Es war Thea Zuckerstein. Sie lebte in Region 6, im Zentrum des Landes nahe des Mahnmahls zur Erinnerung an die im dritten Weltkrieg ermordeten Frauen, die sich für einen Frieden unter den Völkern stark gemacht und den Dienst an der Waffe verweigert hatten. Sie wurden wegen Landesverrat im Vulkansee ertränkt, der weit außerhalb von den großen Stadtzentren am Rand der großen Wälder lag. Thea hatte ganz andere Interessen als Gereon. Sie hatte die Kunsthochschule in Region 29 mit Prädikat abgeschlossen, was nur den allerwenigsten gelang. Zur Belohnung wurde ihr zusätzlich zu ihrer Einzimmerwohnung eine weitere Einzimmerwohnung zugebilligt, in der sie ein Atelier betreiben konnte. Dort zog sie sich ab nachmittags zurück und arbeitete an Projekten. Vormittags ging sie in einer Teppichfabrik einer Arbeit nach und kreierte neue Muster. Die übrigen Arbeiterinnen konnten sie aus zwei Gründen nicht leiden. Sie war anders als die anderen in der Lage, innerhalb von wenigen Minuten neuartige Muster zu entwickeln, während die anderen Arbeiterinnen Tage brauchten, neue Trends in der Bevölkerung aufzugreifen, wie etwa ein neuer Haarschnitt für Frauen, zu dem ein neues Teppichmuster entworfen werden sollte. Und wenn Thea dann aus der Fabrik ging und zu tanzen begann, fühlten sich die anderen Arbeiterinnen noch zusätzlich provoziert, was sie zu gemeinschaftlichen Maßnahmen gegen Thea animierte. Die gemeinste Form solcher Maßnahmen war es, Unwahrheiten an die Fabrikleitung zu leiten, etwa, dass sich Thea über das Essen beschwerte oder mit Hohn allen erzählte, wie vollkommen dumm sie solche Fabriken findet und den Vorstand, der sie leitet. So war es vorgekommen, dass der Personaloffizier der Fabrik beinahe jede Woche Doppelschichten an Thea vergab, so dass

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