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Das Volk der Fugoten - eine Erzählung - Page 7

Bild von Volker Schlepütz
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Stücke zerrissen. Aber auch Gereon tanzte nicht nur am Gesellschaftsraum vorbei, sondern er tanzte manchmal zunächst daran vorbei und lief dann an die Außenwand des Gesellschaftsraumes, die so dünn war, dass man höre konnte, was dort gesprochen wurde. Das war den übrigen Schneemännern mit Ausnahme von Thea nicht recht, denn das bedeutete eine unmittelbare Einmischung in die Landesangelegenheiten, die sie strikt vermeiden wollten. Aber Gereon fand es, wie hätte man es auch anders erwarten können, aus seiner Sicht vollkommen vernünftig, alle Informationen zu sammeln, die für den Erfolg von Nachhaltigkeit 2100 relevant waren. Und dazu gehörte es auch, die Informationen aufzugreifen, die aus dem Gesellschaftsraum drangen. Und daher wusste er auch, dass in diesem Gesellschaftsraum ein Antrag zur Internierung der Schneemänner gestellt worden war. Natürlich ließ ihn das emotional vollkommen unberührt, er wusste es einfach nur und nahm es auf, wie ein Verkehrsbericht über Staus auf einer der vier Landesautobahnen, und natürlich war er klug genug, um daraus abzuleiten, dass dieser Gesellschaftsraum nicht der einzige war, in dem ein solcher Antrag gestellt wurde, lange vor dem 1. Mai 2090. Nun aber wussten es alle Schneemänner, weil ihnen allen das Schreiben der Regierung zugestellt wurde. So saß Gereon am Mittag des 1. Mai 2090 in seinem Keller und lud die restlichen Schneemänner in seinen virtuellen Chatraum ein. Im Chatraum saßen alle Schneemänner und warteten darauf, dass Gereon als Administrator die Sitzung eröffnete. Er schwieg etwa fünf Minuten und wartete ab, ob Thea sich äußern wollte. Dann sendete Oman Pfeffer einen Post:
Oman: „Gereon, ich weiß nicht, wie Du das siehst, aber wir werden zu einer Talentsichtung eingeladen. Du und Thea würden mit Sicherheit an dem neuen Rohstoff mitarbeiten, so klug wie ihr seid, oder was meinst Du?“
Gereon reagierte nicht sofort und ließ einige Minuten verstreichen. Dann postete Hugo Fischbein:
Hugo: Mich werden sie sicher auch rekrutieren, weil ich schon an Rohstoffen gearbeitet habe. Das jedenfalls steht so in der Registratur. Ich hatte ja an den Viren gearbeitet, die die Halbwertzeit der Radioaktivität deutlich senkt. Mir scheint, sie brauchen diese Expertise nun wieder auf freiwilliger Basis. Ich bin dafür, dass wir dem Aufruf nachkommen.“
Wieder schwieg Gereon eine Weile, aber dann schickte er selbst einen Post in den Chatraum, nachdem sich die anderen Fugoten nicht bemerkbar machten.
Gereon: „Wir werden nicht nach unseren Talenten gefragt. Die Regierung hofft darauf, dass wir dem Aufruf folgen und uns deshalb vor dem Regierungsgebäude einfinden. Wir werden zur Zwangsarbeit verpflichtet und in ein Lager interniert. Wenn wir uns weigern, werden wir ermordet, wie damals die Juden unter Adolf Hitler. Das Land will uns nicht. Es ekelt sich vor uns und es will uns loswerden, egal wie. Es hasst unsere Tradition, uns tanzend in der Öffentlichkeit zu bewegen. Das ist die Wahrheit. Ich habe es selbst gehört, als ich einen Gesellschaftraum abgehört habe.“
Niemand im Chatraum regte sich, aber sie blieben alle online und warteten ab. So vergingen etwa zehn Minuten. Dann meldete sich Thea.
Thea: „Gereon hat recht. Wir sind unerwünscht, hier in Land 8 und auch in den anderen Ländern will uns niemand haben. Wir sind der neuen Faschismuswelle ausgeliefert. Aber wir werden uns nicht aufgeben. Wir müssen kämpfen und dazu brauchen wir eine List. Deshalb gehen wir alle geschlossen zum Regierungsgebäude und warten ab, was sie mit uns tatsächlich vorhaben. Wenn Gereon Recht hat, sind wir wenigstens alle zusammen, können uns beraten, Zeit gewinnen und uns etwas überlegen. Es gibt immer eine Chance. Oder wollt ihr, dass unsere Vision Nachhaltigkeit 2100 einfach mit in ein Massengrab vergraben wird?
Nun kamen ganz viele Posts, unter anderem von
Frida Glockenschlag: „Das wollten wir doch so.“
Sarah Deutschmann: „Das hatten wir doch beschlossen, dass wir eher untergehen als dem Land zu sagen, wie es zur Entwicklungsstufe 4 aufstreben kann. Das war unser Beschluss. Erinnert Euch!“
Julia Kleiber: „Die Juden hatten auch keine Chance, wieso sollten wir eine haben.“
Und auch die anderen Fugoten posteten ähnliche Zweifel. Gereon und Thea saßen stumm vor ihren Computerbildschirmen und lasen den Aufruhr in der Gemeinde. Dann klang der Protest ab und es herrschte eine beklemmende Stille. Alle schienen auf Gereon zu warten, dessen Name von einem Doppelpunkt gefolgt steinern aus dem Chatraum starrte. Dann endlich schrieb er:
Gereon: „Ich entnehme euren Posts, dass ihr lieber ermordet werden wollt, als dem Aufruf der Regierung zu folgen. Ich weiß, dass sie uns nicht wirklich an dem Rohstoff werden arbeiten lassen, ich bleibe bei meiner Meinung, dass wir sie uns nicht wollen, dass sie uns loswerden wollen. Ich sehe, dass Thea uns ermutigt, dem Aufruf zu folgen, um Zeit für eine List zu gewinnen. Daher schlage ich vor, dass wir Theas Vorschlag annehmen und uns vor dem Regierungsgebäude versammeln.“ Damit beende ich die Sitzung.
Gereon verschwand aus dem Chatraum. Er hatte den Konflikt kommen sehen und sah sich und Thea in der Rolle, das Land gegen den Willen der übrigen Fugoten zu retten. So war es für ihn nur rational, die übrigen Fugoten anzuweisen, dem Regierungsaufruf nachzugehen, auch wenn er wusste, dass die Regierung log. Denn Gereon und Thea konnten so die Kontrolle behalten und wie trojanische Pferde in die Höhle des Löwen zu gehen, um sie dann mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Solange die Regierung nicht wusste, was Gereon und Thea wussten, hatten sie tatsächlich, anders als die Juden im zweiten Weltkrieg, eine Chance. Sie waren in der Lage, Forderungen zu stellen, und diese sollten gewaltig werden.


3
Vor dem Regierungsgebäude glitzerte das Auffanglager in der Morgensonne. Vier etwa einhundert Quadratmeter große Zelte waren aufgeschlagen, um die Fugoten dort zu registrieren und sie für die Internierung vorzubereiten. Davor hatten Regierungsbeamte eine lange Tischreihe aufgebaut, die wie ein Tribunal wirkte, Drei Männer mit schwarzen Anzügen saßen bereits an den Tischen, bereit für die hinterhältige Strategie, die Fugoten zu registrieren und ihnen je nach Eignung ein Zelt zuzuordnen. Das hinter den Tischen ganz rechts vor dem Regierungsgebäude aufgestellt Zelt 1 war für Fugoten vorgesehen, die überhaupt keine nachweisbaren Talente vorzuweisen hatten. Daneben gab es ein Zelt Nr. 2 für Fugoten, die naturwissenschaftliche Kenntnisse nachweisen konnten, sei es durch ein Studium oder sei es aus beruflicher Erfahrung. Wer

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