Es war einmal im Himmel 10

von Alf Glocker
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"Himmel-Herrgott-Sakrament!!" schimpfte der Liebe Gott so laut, daß der Himmel bebte und im Universum ein erdnaher Meteorit aus der Bahn geriet, um Kurs auf den Planeten zu nehmen. "Was glaubt dieses Gesindel eigentlich? - daß ich ein Wunder vollbringe und ein jüngstes Gericht einberufe, in dem die Guten von den Bösen, die Mitfühlenden von den Ignoranten und die Einfühlsam-Klugen-Sündenböcke von den Demonstrativ-Guten-Schlechtmenschen geschieden werden? Die sollen ihre Arbeit doch gefälligst selber machen! Ich habe mein Möglichstes getan, daß am Ende der Evolution kein verblödetes Affenpack dasteht, um mich anzubeten!

Daß ich nicht lache! Wofür halten die mich? Glauben die, daß ich aussehe wie einer ihrer verkalkten Priester, die jeden lieben langen Tag den ich werden ließ, Blödsinn verzapfen? Was soll man denn davon halten?!" Es war aber schon auch ein Kreuz mit diesen "ganz besonderen" Lebewesen. Zuerst bemühten sie sich, im Schweiße ihres Angesichts, unter Aufbietung aller geistigen Kräfte, aus dem Sumpf primitiver Existenz zu entweichen...und dann kehrten sie plötzlich zurück, in die Arme der krassen Bigotterie, aus denen sie sich einst, unter großen Opfern befreit hatten. Wie blöd ist dassss denn?!

Der Liebe Gott schüttelte entrüstet den Kopf. Immer wieder huschten ein paar verschreckte Engel vorbei, die nichts weiter mehr auf dem Fleische trugen als die Haut, denn der Wutausbruch des Lieben Gottes hatte auch sie in das Licht der ungeschminkten Wahrheit getaucht – wie jetzt alles, wohin man nur blickte. Das Universum erstrahlte im Schwarzlicht geradezu röntgenartiger Erkenntnis, vor allem aber der Selbsterkenntnis. Und vor allem die Erde war schwer davon betroffen. Ihre Bewohner rannten schreiend im Lande herum! Sie erschraken schier zu tode, wenn sie sich selbst im Spiegel, oder einen gnadenlos unverhüllten Artgenossen sahen.

Niemand wagte es mehr Kleider zu tragen – jeder ängstige sich davor als ein Tatsachenverhüller erkannt und geschmäht zu werden. Aber der Zustand ehrlicher Nacktheit war auch nicht viel besser. Man konnte nämlich nicht nur "alles" sehen, man konnte auch – was noch sehr viel schlimmer war – bis in die schwarzen Seelen blicken! Eine Welle der Abscheu schwappte über sämtliche Kontinente! Und auch ungestümer Hass machte sich breit – immer dann, wenn eine der Seelen noch weiße Flecken aufwies. Je mehr weiße Flecken einer nicht mehr verbergen konnte, desto größer war die Gefahr für sein Leben!

Die Leute versuchten – einmal umgekehrt – in die Urwälder zu flüchten, um sich den Anschein der Naturlichkeit zurück zu verleihen. Aber es gab keine Urwälder mehr. Viele versuchten auch schwimmend ihrer Bestimmung, der völligen Entlarvung, zu entkommen...sie stürzten sich ins Meer, kamen aber nicht weit, weil ihnen eine dicke Brühe aus Plastikteilen, Öl und Fäkalien entgegenkam. Es gab nur eine weltweite Clique, die noch zum Feiern gestimmt war: die Verbrecher! In Reichs- und Bundestagen, Parlamenten und Rathäusern, in Banken und in ganzen Industriezweigen versammelte sich der Müll der menschlichen Gesellschaft, um ein Manifest zu verfassen: Das Eingeständnis der Bosheit!

Dabei wurde natürlich aufgetischt was die Erde noch hergab: die letzten geschlachteten Tiere, die letzten guten Früchte, die letzten unschuldigen Weiber (als Objekte), die letzten dümmlichen Männer (als Diener), der älteste Wein, die jüngsten Kinder - alles für den Missbrauch durch die Obrigkeit. Wer schwach war der bückte sich und der Teufel in vieltausendfacher Menschengestalt regierte die Welt der Sinne im Unsinn! "Wir", so sagten die Böswilligen, "waren uns insgeheim immer schon einig darin, daß wir nichts Vernünftiges im Schilde führen, und gerade deshalb dürfen wir uns jetzt ehrlich erfreuen!"

"Das werde ich mir nicht länger mit ansehen, grollte der Liebe Gott. Dann ging er eiligst zu Bett und machte das Licht über dem Terrarium aus. In diesem Augenblick schlug der Meteor ein. Der Liebe Gott aber erträumte sich geschickt und allwissend (?) ein neues Universum.

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Kommentare

25. Mai 2016

Jau!
(Übersetzung: Bekräftigendes "JA" auf Norddeutsch.)