Von der Zelle aus

von Alf Glocker
Mitglied

Im Augenblick stehe ich noch in einer Telefonzelle (wann wird es eine andere sein?) und bekomme andauernd anonyme Anrufe. Sämtliche Irrenhäuser der Welt scheinen Orientierungsprobleme zu haben. Der Reihe nach – nein eigentlich völlig ungeordnet – rufen sie mich an. Dabei habe doch ICH mich verwählt!

Verzweifelt suche ich in den dicksten Büchern nach den richtigsten Nummern, aber überall steht nur: „Ätsch!“ Hinter allen Adressen und allen Ziffern steht: „Ätsch!“. Dabei weiß ich, daß dies kein Traum ist. Ich halte mich tatsächlich in einer ganz normalen Telefonzelle, in einer ganz normalen Stadt auf.

So langsam frage ich mich, wie besoffen die Hersteller von Zellen sind, wobei ich im Augenblick noch Telefonzellen meine. Vor den Zellen ist alles verdunkelt. Die Fenster der Häuser zum Beispiel. Aber auch die Türen. Es finden sich keine Zugänge mehr!

Überall sind schwere Bretter davor genagelt. Höre ich Sirenen? Nein, ich hör noch keine Sirenen – das bilde ich mir bloß ein. Aber von irgendwoher kommen doch solche eigenartigen Töne, die sich wie Sirenen anhören ... Ha – ich habe vergessen, daß ich Fledermausohren habe. Ich höre nicht nur das Gras wachsen.

Diese Geräusche sind momentan ja noch unhörbar, für alle, die hinter ihren Fenstern vernagelt sind. Sie kommen aus dem Rauschen der Zeit. Ängstlich blicke ich mich um: nirgends ist ein Mensch auf der Straße zu sehen. Wen oder was soll ich wählen? Es ist keiner mehr da!

Nur diese Schatten, die da unerkennbar, oder unkenntlich gemacht, vor der Zelle (momentan noch die für ein Telefon) „herumschweben“, möchte ich fast sagen. Ich kann nicht einmal erkennen, ob sie Arme und Beine haben. Arme und Beine, oder nicht – sie scheinen zu tuscheln.

Über mich wahrscheinlich... Gelegentlich schnappe ich einen Wortfetzen auf, dessen Sinn ich, obwohl er in einer seltsamen Sprache ist, verstehen kann. Ich glaube sie sagen, ich zerstörte ihr Glück! Allein durch meine Gegenwart zerstörte ich ihr Glück. Es ist nicht zu fassen!

Jetzt fällt mir ein, warum hier nichts mehr wählbar und alles vernagelt ist – ich habe mich zu lange in der Zelle aufgehalten und zu wählen versucht. Es gibt nichts zu wählen! Jede Nummer ist falsch! Und unter den Dächern herrscht eine morbide Auf- und Untergangsstimmung.

Bald kommt der Abend (vermutlich der aller Tage) und ich habe noch keinen Entschluss gefasst. Panikartig schlage ich, einer tranceartigen Angstverzückung nahe, noch einmal eines der Bücher auf – da geschieht es: eine Nachricht, ein Zettel kommt mir wie ein Springteufel entgegen ...

Auf ihm lese ich folgendes: „Morgen ist der Vulkan Omegasus ausgebrochen!“ Und weiter: "Berichten aus noch nicht gedruckten Zeitungen zufolge hat er Milliarden Opfer gefordert – die alte Bevölkerung ist nahezu ausgelöscht ... arm- und beinlose Schatten sind an ihre Stelle getreten ... die Städte brennen!“

Nach, ich weiß nicht wie vielen, Stunden – inzwischen ist es stockdunkel – komme ich wieder zu Bewusstsein...und sehe die Zelle von Nachtschatten umringt! Sie starren mich aus glühenden Tieraugen an, als wollten sie mir die Seele aus dem Leib reißen ... haha ... dabei habe ich die doch schon längst verkauft!

Aber ich habe keine Angst mehr, denn ich weiß jetzt was zu tun ist. Ruhig, wie ein Delinquent nach der Hinrichtung, gehe ich noch ein letztes Mal ans Telefon und wähle. Diesmal bin ich mir sicher, daß es die richtige Nummer ist. Und da kommt auch schon das Freizeichen ... Welche Nummer es ist? Die Sechshundertsechsundsechzig natürlich – was denn sonst?!

*

Das Telefonat

Hallo, hallo, ist da wer?
Nein nein, sie sind nicht falsch verbunden!
Vom Wasweißich, da komm ich her,
mit mir hat sich das Glück erfunden.

"Ich bin niemand", sag' ich laut -
"keiner hat mich je gesehen"!
Ich war verschluckt, doch nicht verdaut.
Mein Muttertier liegt in den Wehen!

Ungeboren bin ich hier!
Unbemerkt von den Empfängern,
ruf ich auch an, in dem Quartier
von toten Deppen - Widergängern!

Nun legen sie doch nicht gleich auf!
Sie haben mich bloß nicht verstanden...
Sie stecken tief im Lebenslauf?
Die Übersicht kam schon abhanden?

Verlieren sie nicht die Geduld -
das wurde einfach so beschlossen.
Und ja, es ist doch ihre Schuld -
sie irren sich schlicht – unverdrossen!

Bleiben sie bitte am Apparat!
Und wenn sie auch kein Wort verstehen -
aus jedem Kreis wird ein Quadrat ...
Sie müssen ihn nur geschickt verdrehen!

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Kommentare

25. Aug 2016

Was Wunder, wenn man Zellulitis kriegt -
Weil Welt sich schattenhaft verbiegt ...

LG Axel