Sprachrevolution der Geschlechter im Esszimmer - eine Parabel - Page 2

von Alfred Krieger
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umgewechselt: 'Der Mensch' würde zu 'die Menschin', dafür bliebe 'die Vase' die nämliche. Die ganze verwirrende Genderei hätte dann ein Ende. Die Sprache bliebe übersichtlich!“

„Ungerechter geht es wohl nicht mehr?“, knurrte mein Zwergkaninchen aus der finsteren Käfigecke des Nebenraumes herüber, „ich bin bauartmäßig ein Widder und biologisch betrachtet ein vollständiger Zwitter. Man würde mich dann eines passenden Artikels berauben, dann könnte man weder in ungeraden noch in geraden Jahren von mir sprechen und ich würde der Vergessenheit anheim fallen.“

„Keine Sorge, wir erfinden ein Sonderzeichen für dich, zum Beispiel ein Sternchen * mit zwei langen Öhrchen, dann gibt es dich in allen Jahren“, beruhigte das Wandbild den kleinen Mümmler. Das Kaninchen war zufrieden und wandte sich wieder seiner Heuraufe zu …

„Darf es denn sein, dass man die Logik so mit Füßen tritt!?“, meldete sich eine krächzende Stimme aus der Schranknische. Es war das alte, eingestaubte Mathematikbuch, welches jetzt seinen Unmut äußerte. „Wenn das dritte Geschlecht – hier angedeutet durch das Kaninchen – jedes Jahr vertreten sein dürfte, dann wären doch beide, das männliche und zugleich das weibliche Geschlecht, wieder benachteiligt! So einen Vorschlag können doch nur mathematische Grobmotoriker unterbreiten! Da wird ständig von Gleichberechtigung gelabert und exakt jene überhaupt nicht verwirklicht! Mathematik ist eine exakte Wissenschaft – nur sie kann den Ausweg aus dem Dilemma aufzeigen. Deshalb lautet mein Vorschlag:

1. Alle ungeraden Jahre regiert grundsätzlich das Maskulinum.
2. Alle geraden Jahre hat prinzipiell das weibliche Geschlecht das Sagen.
3. Alle drei Jahre ist das Neutrum am Drücker.

Damit es bei dieser eher groben Einteilung keine Unstimmigkeiten gibt, muss jedoch obige Regelung noch klarer definiert werden:

zu 1.: Alle ungeraden Jahre – soweit diese nicht durch 3 teilbar sind – regiert
ausschließlich das Maskulinum.
zu 2.: Alle geraden Jahre – soweit deren Quersumme und dadurch sie selbst
nicht durch 3 teilbar sind – hat ausschließlich das Femininum das Sagen.
zu 3.: Alle 3 Jahre, exakter alle 3 Jahre, deren Jahreszahl durch 3 teilbar ist,
herrscht das Neutrum vor.

Ein tabellarisches Beispiel soll der Verdeutlichung der Regel dienen:

2018 > gerade > die
2019 > zwar ungerade, aber auch durch 3 teilbar > das
2020 > gerade > die
2021 > ungerade > der
2022 > zwar gerade, aber zugleich durch 3 teilbar > das
2023 > ungerade > der
2024 > gerade > die
2025 > zwar ungerade, aber gleichzeitig durch 3 teilbar > das
2026 > gerade > die
2027 > ungerade > der
2028 > zwar gerade, aber auch durch 3 teilbar > das
2029 > ungerade > der
2030 > gerade > die
2031 > zwar ungerade, aber zugleich durch 3 teilbar > das
2032 > gerade > die
2033 > ungerade > der
2034 > zwar gerade, aber gleichzeitig durch 3 teilbar > das
u.s.w.

Wie diese Darstellung zeigt, scheint – allerdings lediglich für ein kurzes Intervall - die Lösung nicht gerecht zu sein. Bald jedoch spielt sich das Ganze ein, fast bin ich geneigt zu sagen 'in eine Art Walzerrhythmus': das-der-die / das-die-der / das-der-die / das-die-der … Ja, meine Lieben, so schön kann mathematische Logik sein – und so ausgleichend gleichberechtigend! Quod erat demonstrandum!“

Mir fehlten – was äußerst selten ist – die Worte! Hatte ich das alles nur geträumt oder war ich Zeuge einer Sprachrevolution der Geschlechter in meinem Esszimmer geworden? Waren die leblosen Gegenstände gar nicht so leblos, so seelenlos, wie es üblicherweise schien? Litten sie so unter den sprachlichen Ungerechtigkeiten der deutschen Sprache? Mein Entschluss stand fest. Ich werde einige Zeilen abfassen, welche um jeden Preis allen Beteiligten gerecht zu werden versuchen und an Deutlichkeit nicht mehr zu übertreffen sein werden! Mit allen mir zu Gebote stehenden sprachlichen Verrenkungen, mit einer bisher nie dagewesenen Sprachgerechtigkeit, werde ich keine Mühen scheuen, um diese Spannung, welche still aber irgendwie bedrohlich noch im Raume lag, zumindest abzumildern. Ich werde meinen Brief auf dem Tische liegen lassen. Meine Zeilen können keinesfalls schaden, aber vielleicht vermögen sie es - die leblosen Gegenstände - meine Nachricht zu lesen. Möge mit meinem Unterfangen meiner Umgebung wieder Versöhnung zuteil werden!

Liebe Gegenständ(e)_innen aus mein-em(_-er) Essra(ä)um(e)_in!

Mit groß-er(_-em) Sorge_r vernahm ich Eure_n heutige_n Diskussion_er. Da auch ich ein_e Freund_in der (des) Gleichberechtigung(_-es) bin, schreibe ich diese Zeil-en(_-er) dergestalt, dass ich zeigen kann, alle Eure möglichen Geschlechter zu respektieren. Sicher erschwert diese_r Schreibweise_r die (den) Entnahme_r des (der) Sinn-es (_-in). Aber jede_r von Euch ist ein_e klug-er(_-e) Gegen-stand_-ständin. So wird der (die) Inhalt_in dies-es (-er) Brief-es (_-in) kein-em(-er) von Euch verschlossen bleiben!
Mit besten Grüß-en(-innen)
Euer_e Hausherr_in
der (die) Alfred_in

… und falls das Kaninchen auch mitlesen sollte:

Liebe Gegenständ(e)_innen aus mein-em(_-er) Essra(ä)um(e)_in!

Mit groß_er(_-em) Sorge_r vernahm ich Eure_n (Euer) heutig-e_n(-es) Diskussion_er. Da auch ich ein_e Freund_in der (des) Gleichberechtigung(_es) bin, schreibe ich diese Zeil-en(_-er) dergestalt, dass ich zeigen kann, alle Eure möglichen Geschlechter zu respektieren. Sicher erschwert diese_r (dieses) Schreibweise_r die (den) (das) Entnahme_r des (der) Sinn-es (_-in). Aber jede_r (jedes) von Euch ist ein_e klug-er(_-e) (-es) Gegen-stand_-ständin. So wird der (die) (das) Inhalt_in dieses (-er) Brief-es (_-in) kein-em (-er) von Euch verschlossen bleiben!
Mit besten Grüß-en(-innen)
Euer_e Hausherr_in
der (die) (das) Alfred_in

geschrieben vom 24. bis 26. November 2018

„Ungerechter geht es wohl nicht mehr?“, knurrte mein Zwergkaninchen aus der finsteren Käfigecke des Nebenraumes herüber."

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Interne Verweise

Kommentare

26. Nov 2018

Danke, liebe Alfred, für die großartige Essay (Parabel). Ich fühlte mich fantastisch unterhalten. Das ist eine gute Reglement:
Der Die Das
Wer wie Was
Wieso Weshalb Warum ...
Wer nicht fragt, bleibt dumm!
Ich sitze hier auf meine Stuhl vor die Schreibtisch und bin erfreut über die Vorschlag.
Mach bitte weiter so. Ich erwarte Deine nächste Text von die Art.

Liebe Grüße,
Annelie
26.11.2018, das DIE-Jahr

14. Dez 2018

Ich danke Dir, liebe Annelie, für Deine wohlwollende Kommentarin, welche so voller Humorin glänzt und mich nicht eine alte, böse Giftzwergin nennt, weil sie eine so boshafte Textin ihrer Federin hat entfleuchen lassen! 1000 Danksagunginnen für Deine Wortinnen!
Es grüßt Dich herzlich - noch im DIE-Jahr - die Alfredine.

27. Nov 2018

Geistreich, witzig, trifft einen Nerv bei mir, großes Kompliment, Alfred. Kein Wunder, dass Du dafür zwei Tage gebraucht hast! Offiziell behauptet wird, dass bei Verwendung maskuliner Personenbezeichnungen immer nur die Männer benannt würden und dass es unklar sei, ob Frauen mitgemeint seien oder nicht, sie würden so systematisch „unsichtbar gemacht“ und diskriminiert. Als selbstbewusste FRAU finde ich die Diskussion übertrieben und teilweise lächerlich. Du hast die mehrgeschlechtlichen Einrichtungsgegenstände Deiner Wohnung die Problematik auf muntere und subtile Weise miteinander diskutieren lassen – und ich habe herzlich gelacht, danke.

LG Marie

14. Dez 2018

Zuerst, als ich gelesen hatte "trifft einen Nerv bei mir", erschrak ich, denn sofort dachte ich, ich hätte mich mit dieser Parabel darauf eingelassen, andere zu kränken, was bestimmt nicht meine Absicht gewesen war. Aber dann war ich schon beruhigt, als ich erfahren durfte, dass Du es nachvollziehen kannst, wenn ich das - in meinen Augen oft übertriebene - Getue ins Lächerliche ziehe. Es ist schön, dass ich keine Prügel zu erwarten habe! Dafür - und für Deinen Kommentar - dankt recht herzlich
mit besten Grüßen
Alfred.

26. Nov 2018

Bsietha Krause hat gegen den Tsieminus "PutzFRAU" nix einzuwenden!
(Denn DIE Putz-Arbeit liegt ohnehin allein in MEINEN Händen ...)

LG Axel

14. Dez 2018

Der Axel macht aus meiner G'schicht'
über sei' Bertha a Gedicht,
de - wia ma woaß - sei' Putzfrau is ...
de eam oft austrickst - des is g'wiss!

Da Alfred dankt und sagt: "Guad Nacht".
(Jetzt hab' i a a Verserl g'macht!)

27. Nov 2018

Wunderbar, Alfred!
Du hast ein ernstes Thema sprachlich un-miss-gut verständlich erklärt und der Debatte etwas satirischen Humor eingehaucht.

LG
Willi

14. Dez 2018

Lieber Willi,

Der Alfred kann recht zart und fein,
falls nötig auch recht boshaft sein,
denn manchmal, wenn ihm platzt der Kragen,
muss er satirisch etwas sagen ...
nicht laut, nicht grob, nur bissig leise,
so "rächt" er sich auf seine Weise!

Eine gute Nacht wünscht Dir Alfred!

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