Down to Earth

von Andreas Selmeczi
Mitglied

„A Gentleman will walk but never run“ - an diese Textzeile von Sting dachte Werkmann, als er durch die langen Gänge des Frankfurter Flughafens hastete. Er musste sich beeilen, wenn er seinen Anschluss nach München noch bekommen wollte. Geschmeidig wich er den Leuten im Terminal aus, er versuchte so gradlinig es geht voran zu kommen. Aber laufen, nein, das kam für ihn nicht in Frage. Sein Rollkoffer war eine Behinderung, dauernd stieß er mit seinen Fersen an den hinter ihm her gezerrten Koffer. Er wollte unbedingt den Anschlussflug erreichen. Er musste in diese Maschine. Er wollte so schnell wie möglich nach Hause. Sein Flug aus Hongkong hatte schon deutlich Verspätung. Nun hatte er nur wenige Minuten, um das Gate zu wechseln und die Maschine LH 116 zu erreichen.

Als er noch immer um 20 Uhr in Hongkong in der First Class Lounge saß, war es daheim in München 3 Uhr morgens. Seit Stunden hatte er von seiner Frau nichts mehr gehört oder gelesen. Sie hatten eine sonderbare Auseinandersetzung per WhatsApp gehabt, es hat sich irgendwie aufgeschaukelt, schon wieder. Sie kamen auf keinen grünen Zweig, es blieb ungelöst und er bekam ein mulmiges Gefühl der Einsamkeit. Nach dem er die Konversation auf WhatsApp wieder und wieder durchgelesen hatte, legte er das Handy zur Seite. Werkmann schloss die Augen, um zur Ruhe zu kommen. Er holte tief Luft, folgte seinem Atem, spürte seinen Füße auf dem Boden nach, die Hände auf dem Schoß, er nah seinen Atem an der Nasenspitze wahr. Einatmen, Ausatmen. An etwas anderes denken, nein, an nichts denken. Nur Atmen. Ein. Aus. So richtig kommt er dennoch nicht zur Ruhe. Dabei spricht wirklich niemand hier. Die Lounge war nicht voll. Aber ist es still? Nach ein paar Atemzügen nahm er Geräusche wahr, Klopfen, Schlürfen, Klacken, Zischen, Rascheln, Ticken, Schleifen, Rattern, Rollen, es wurde immer vielschichtiger und auf einmal erzählten die Geräusche ihre Geschichten. Wirklich niemand sprach und man konnte alles hören. Das volumige Rauschen der Klimanlage, er konnte sich leicht die riesigen Rohre vorstellen, durch die die Luft hier hinein- und heraus gewälzt wird. Frauenabsätze klackten über den dunkel grau gefliesten Boden. Reisende schoben ihre Koffer und ihre Rollen klackten über die Fugen wie das “Tack-Tack Tack-Tack” der Züge auf den Gleisen. Der junge Mann neben ihm seufzte nervös, jemand schlürfte durch die Gänge, als hätte er oder sie Pantoffeln an. Jemand räusperte sich mehrmals, er konnte den Speichel am Rachen fast selbst spüren.

Die Tür zur Toilette fiel ins Schloss. In der Küche wurde eine Metalltür zugeschlagen, Werkmann stellte sich diese Tür vor: dünner, vierkantiger Edelstahl eines Unterschranks, in der kleine Kunststoffeimer oder ähnliches gelagert wurden, jemand nahm sich einen kleinen Teller vom Stapel, eine Gabel klapperte am Geschirr, eine Zeitung wurde aufgeschlagen, das Zischen der Dampfdüse der Kaffeemaschine, eine Tasse wurde auf eine Untertasse gestellt, Personal stapelte neue Teller auf, wieder helle Absatzklänge, jemand zog die Nase hoch, ein Servierwagen rollte über die Fugen und Tassen tanzten mit einer kurzen zeitlichen Verzögerung zum Takt, wieder das Räuspern. Eine schwere Tür knallte zu, schnelle Schritte zeugten von Eile, jemand zog den Teleskop-Griff aus dessen Rollkoffer, ein Signal des Aufbruchs, dem sofort das Klacken über den Fliesenboden folgte. Ein Stuhl wurde über den Boden gerückt, Werkmann stellte sich vor, wie die Person beim Aufstehen mit den Beinen den Stuhl nach hinten schob. Hosen rieben beim Gehen auf Kniehöhe und schafften ein Rascheln. Das Knacken einer PET Flasche und immer wieder das Klacken von Tellern und Besteck und das wacklige Klappern von auf Rolltabletts gefahrenen Kaffeetassen. Werkmann lächelte.

Als er in Frankfurt gelandet ist, ist es weit nach 17 Uhr. Noch im Flugzeug hat er sein Smartphone eingeschaltet und nachgesehen, ob seine Frau etwas geschrieben hat. Ausser ein paar mails aus dem Büro hatte er keine Nachrichten erhalten.

„Down to Earth“, schrieb er wie immer und: „hoffe, dass ich den Flieger nach MUC noch bekomme. Bis nachher, Robert.“ Danach packte er seine Sachen und hastete als einer der Ersten aus dem Flieger, durch die Fluggastbrücke, auf der Rolltreppe nahm er zwei Stufen auf einmal und während er zügig voran schritt, schaute er immer wieder auf sein Handy. Nichts. Am Gate 32 warteten sie noch auf ihn, er hatte Glück, er stieg in den Flieger ein und fiel in den Sitz 3A, am Fenster, sein Lieblingsplatz.

3A war seine Standard-Reservierung und mit einer leichten Ersatzgeborgenheit nahm er seinen Sitzplatz ein. Seine Sekretärin hatte die Anweisung, wann immer möglich ihm diesen Platz zu sichern. Regelmäßig flog er zwischen Frankfurt und München, manchmal auch dreimal die Woche und meist mit der gleichen Fluggesellschaft. Daher kannte er die verschiedenen Flugzeugtypen, die auf dieser Strecke verkehrten und auch die Gesichter, sowohl der Crew als auch mancher Passagiere. Frau Rendel, die erfahrene Flugbegleiterin erkannte ihn und empfing ihn beim Einsteigen mit einem persönlichen Gruß, „Hallo Herr Werkmann, das war jetzt aber knapp. Schön Sie wieder an Bord zu haben“. Sie lächelte ihn aufrichtig erfreut an, da er stets ein angenehmer Fluggast war, der sich höflich und zurückhaltend verhielt. Nur selten arbeitete er während des Fluges, meist las er die Zeitung oder ein Buch, sehr selten döste er vor sich hin, doch er war stets präsent. Ja, das hatte ihr gefallen, er war stets präsent. Er nahm den Raum um sich ein, seine Anwesenheit war sichtbar und spürbar, selbst wenn er schlief. Er hatte eine anziehende Aura, mit der er auch gleichermaßen Distanz wahrte ohne arrogant zu wirken. Sein Verhalten war souverän, er führte sich rücksichtsvoll auf und machte einen bescheidenen Eindruck. Daher war sie überrascht, dass er ihren Gruß nicht erwiderte. Stattdessen stapfte er fahrig an ihr vorbei. Erst als er fast an ihr vorbei war, hob er kurz seinen Blick, sah sie mit einem seltsamen Blick an und nickte kurz. Seine Mundwinkel zuckten, er spendete ein flüchtiges Lächeln. Sie schaute ihm nach, wurde aber gleich von den Flugvorbereitungen beansprucht.

Rendel behielt Werkmann während der Vorführung der Sicherheitshinweise im Blick. Er schaute auf die Uhr, es war 17:44 Uhr. Seine Frau war zuletzt um 17:29 Uhr bei WhatsApp online, sie hatte seine Nachricht gelesen, aber nicht beantwortet.

„Alles in Ordnung?“ fragte sie ihn, als sie bei ihren letzten Kontrollgang vor dem Abflug an seiner Sitzreihe vorbeikam.

„Wie bitte?“

„Gehts Ihnen gut, Herr Werkmann?“

„Ja, ja, danke“, beschwichtigte er irritiert. Er lächelte sie kurz dankbar an.

„Stellen Sie bitte noch Ihr Smartphone auf Flugmodus, bitte.“

Ein letzter Blick in WhatsApp, es war 17:45. Seine Frau war jetzt auch online.

„Ach ja. Klar. Natürlich.“

Werkmann holte nochmals tief Luft und schaute aus dem Fenster. Er schloss die Augen und versuchte seinen Gedanken zu entfliehen, aber es gelang ihm nicht. Er fühlte sich verraten und leer. Warum antwortete sie nicht, warum ist sie online und heisst ihn nicht willkommen, so wie sonst? Haben sie wirklich solche Differenzen? Wegen ihrer Urlaubspläne? Ist das nicht ein Luxusproblem, nichts Existenzielles, etwas doch eher Alltägliches? Das ist doch alles so albern. Sie wollte ihre beste Freundin auf die Hurtigruten-Kreuzfahrt mitnehmen und er wollte sie eben nicht dabei haben. Er hatte die letzten Monate soviel gearbeitet, zu viel und deswegen so wenig Zeit zuhause verbracht, er wollte mit ihr allein sein. Fast über den gleichen Zeitraum hatten sich ihre Auseinandersetzungen gehäuft und gesteigert. Immer mehr wurde zu einem Diskussionspunkt, immer häufiger fehlte etwas, ihm wie ihr, immer häufiger war ein Wurm drin. Sie fasste ihn nicht mehr an, er war die zahlreichen Abweisungen leid und näherte sich ihr nun auch nicht mehr, weder körperlich, noch geistig. Jetzt wollte er mit ihr endlich wieder einen vertrauten Urlaub verbringen, auf dem Schiff, allein, nur sie und er. Sie wollte aber ihre Freundin unbedingt dabei haben, sie sei ja noch nie auf einer Kreuzfahrt gewesen, sie habe doch eine schwierige Zeit hinter sich, das wüsste er doch, wie er das ignorieren könne, sie brauche das jetzt, es würde ihr gut tun, er könne doch auch zu Hause bleiben, wenn ihm das zu viel sei, die Ruhe täte ihm doch sicher auch gut. Dabei wollte er die fast sieben Tage Entrücktheit nur mit ihr alleine verbringen, diese Reise hatten sie sich schon vor Jahren versprochen, entlang der Küste Norwegens, zwischen Bergen und Kirkenes und mit Abstechern in den Trollfjord und den Geirangerfjord. Und dann vielleicht Stockholm, ein schönes Hotel, schicke Restaurants, Bars, Cafés. Sex. Endlich wieder mal Sex. Er lächelte.

Als sie in München landeten griff er hastig nach seinem Smartphone. Noch während sie auf dem Rollfeld waren strich Werkmann über die Bildschirmoberfläche und deaktivierte den Flugmodus. Er schaltete das Handy stumm. Nach wenigen Sekunden vibrierte es in seinen Händen und nacheinander erschienen zwei WhatsApp-Meldungen auf dem Bildschirm. Erst untereinander, dann fächerten sie sich übereinander. Unter dem Namen seiner Frau stand: „Zwei Mitteilungen“.

„Ich ziehe aus“ stand in der Ersten.
„Ich ziehe aus“ in der Zweiten.

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