Mailied

von Johann Wolfgang von Goethe
Bibliothek

Mayfest.

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus iedem Zweig,
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch,

Und Freud und Wonne
Aus ieder Brust.
O Erd o Sonne
O Glück o Lust!

O Lieb’ o Liebe,
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf ienen Höhn;

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen Mädchen,
Wie lieb’ ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmels Duft,

Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Muth

Zu neuen Liedern,
Und Tänzen giebst!
Sey ewig glücklich
Wie du mich liebst!

Wiki: Das Mailied (in frühen Drucken auch Maifest) ist ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe. Goethe schrieb es vermutlich im Mai 1771 als 22-jähriger Jurastudent. Die erste Veröffentlichung erfolgte 1774 in der Zeitschrift „Iris“ im Januar 1775, unterzeichnet mit „P.“

Es gehört zu den „Sesenheimer Liedern“ und gilt als Goethes erstes bedeutsames Gedicht (Erich Trunz, Kommentar in der Hamburger Ausgabe), „Höhepunkt von Goethes Lyrik während seiner Zeit in Sesenheim“ mit Friederike Brion (Gerhard Sauder, Kommentar in der Münchener Ausgabe) und im Rahmen des „Sturm und Drang“ als stilbildend für die weitere Entwicklung der Lyrik.

Das Gedicht ist in das Genre der Natur- und Liebeslyrik einzuordnen und kann damit auch zur Erlebnislyrik gezählt werden. Es ist gegliedert in neun Strophen zu je vier Versen.

Das lyrische Ich bewundert das Schöpferische der Natur. In den ersten Strophen wird die Liebe zur Natur bildreich beschrieben. In Strophe sechs wird deutlich, dass es sich auch um die Liebe zu einem Mädchen handelt. Sowohl die Liebe zur Natur als auch die Liebe zu dem Mädchen bilden die schöpferische Inspiration, durch die die Kunst geschaffen wird - hier sogar das Gedicht selbst. Gott spielt dabei eine allgegenwärtige Rolle.

Das Mailied ist vielfach vertont worden, so von Ludwig van Beethoven (Op. 52, Nr. 4) und Hans Pfitzner (Op. 26 Nr. 5).

Veröffentlicht / Quelle: 
J. G. Jacobi: Iris, 2. Band. Düsseldorf: 1775; S. 75–77; J. G. Jacobi; [Universitätsbibliothek Bielefeld]

Video:

Beethoven's Mailied nach Johann Wolfgang von Goethe, vorgetragen von Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore

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Interne Verweise

Kommentare

02. Mai 2017

Besondere Freude über dieses Maigedicht, danke, eins der schönsten überhaupt. Dazu noch der Gesang von Dietrich Fischer-Dieskau, diesen leider verstorbenen Meisterbariton - in der Vertonung von Beethoven - ich bin begeistert, habe es mir mehrfach hintereinander angehört.
Liebe Grüße, Marie