Familientreffen für Mutig-Schlapp

von Alf Glocker
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Einmal in Jahren, vielleicht in 2 oder 3 bei Sohwass und 1 oder 2 bei Miss Mutig, findet ein Familientreffen statt. Dann wird das Universum von der Kurzweil der Zeitverschwendung regiert, bei der sich allerdings zeigt, wer was auf dem Kasten hat. Und das sollte nicht nur der Staub auf dem Zeitungspapier, auf Miss Mutigs Kleider- und sonstigen Schränken sein, vor dem es zwar ihr absolut, Stein aber kaum merklich graust, sondern der lebendige Beweis der natürlichen Verwendbarkeit der Generationen.

Sowass von Schlapp, genannt „Stein“, geht nur einigermaßen widerwillig auf solche „Klassentreffen“ der eingebildeten Oberschicht, sondern auch angsterfüllt. Er muss sich da jedes Mal zur Wehr setzen gegen Spitzfindigkeiten aller Art! Es wird, auf hohem Niveau, gelacht und gescherzt und kaum eine Bemerkung darf einfach so genommen werden wie sie ist … allerdings genießt er, im erweiterten Familienkreis, nicht unerhebliches Ansehen.

Da horcht schon einmal ein Herr Professor Dr. Dr. auf, wenn er eine kuriose Meldung vom Stapel lässt und die eine oder andere respektlose Frauensperon kommt nicht umhin, ihm ein Kompliment abliefern zu müssen. Die meisten aber sind im Grundton gutmütig und aufgeschlossen, außer es geht ums Eingemachte – dann verändern sich die Voraussetzungen. Zugutehalten muss man den echten Schlapps auch, daß sie aussterben.

Von den unechten Schlapps, also die zugeheirateten von Naseweis, wie, unter anderem, der Ingenieur Freiherr von Unbeschrieben zu Blatt, dessen Mutter eine geborene Naseweis war, betrifft das jedoch nicht. Die vermehren sich wie die Karnickel. Das tut, vom Anblick her, Miss Mutig sehr gut, denn sie ist in Kinder vernarrt, ohne mit ihnen umgehen zu können. Aber was die Natur ist, ist eben die Natur …

Bei ihrer Verwandtschaft, die vorzugsweise aus Fleischern und Agrarwissenschaftlern besteht, gehören Kinder zum guten Ton, der allerdings meistens sehr laut ist. Sie selbst stammt aus einer arrivierten Alkoholikerfamilie, deren Erzeuger ein Riesenmannsbild von ungeheurer Widerstandkraft war. Er verstarb leider an der Front, wo er von einer Flut aus Flaschen erschlagen wurde. Zum Glück konnte er sein bemerkenswertes Talent nicht weiter vererben. Keines seiner sehr vielen Kinder tut es ihm gleich.

Zwar sind Ähnlichkeiten vorhanden, aber des Erwähnens nicht wert, weil der Ahnungslose sofort unter die Clanräder gerät. „Der Alte gehört zur Vergangenheit – Friede sei mit ihm!" Anstrengend sind diese Treffen der Mutigs ebenso wenig, wie sie geeignet sind, eine Faszination auf Stein auszuüben, die über die fleischlichen Wunder zahlenmäßig starker Familien hinausgeht. Stein meidet sie wie die Beulenpest und begibt sich jedes Mal freiwillig in Klausur, um nicht überraschend bekehrt zu werden.

„Mit denen kann ich nicht halten, und ebenbürtig schon gar nicht“ philosophiert er, eingebildet wie er nun mal ist, vor sich hin, eine unnötige Schutzzone um sich schaffend, die ihn vor der Real-Weisheit eines Lebens bewahren soll, die ihn, wie er glaubt, auffressen möchte. Dabei sind sämtlich Anverwandten der Miss ungefähr so gutmütig wie die Steins – sie zelebrieren ihre Irrtümer nur auf einem praktikableren Feld der Ehre, das vielleicht so groß ist wie der Mond rund.

Solche Treffen zu meiden (das eine wie das andere) legt ein beredtes Zeugnis davon ab, wie sehr Stein, der Sohwass von Schlappe, gescheitert ist und wie wenig er mit anderen Menschen (und sie mit ihm) anfangen kann (können). Das ist ein Armutszeugnis für einen ideenreichen Mann, der kein Mann ist und von daher auch keine Ideen haben kann, also nicht ideenreich, sondern weltabgewandt ist wie ein Eremit, der manchmal, aus der Distanz, ein Ereignis, ob kommend oder gewesen, besser beurteilen kann als ein in ihm ertrinkender Mitmacher. Doch das ist reine Ansichtssache!

Sollte er, der Stein, einmal zu einem solchen Spektakel gerollt (worden) sein, dann ist die letztendliche, gedankliche Quintessenz für ihn und Miss Mutig nur die eine: Es kann sich bei ihm nur um einen völligen Versager handeln! Was nützt es schon einem Außenseiter, wenn die Kinder, einige Generationen später, steinige Bücher lesen, die er geschrieben hat, oder komische Bilder – von ihm gemalt – in Museen bewundern dürfen, wenn sich seine Gene in den Stürmen der Geschichte restlos verloren haben?!

Bewusst ist ihm das natürlich auch – aber weil er ein durchaus versierter Lügner ist, der immer eine passende Ausrede parat hat –, weiß er nur eine einzige Antwort darauf: „Was nützte es, selbst dem klügsten Individuum der Erde, seine Erbanlagen in eine ungewisse Zukunft zu befördern, wenn er dadurch darauf verzichten müsste, ihnen geistige Gestalt zu verleihen?!" Solche Fragen an das Woher und Wohin und an das Warum aber haben auf diversen Familientreffen einen feuchten Kehricht zu suchen, denn im Vergleich zum lebendigen Gedeihen des Fleisches sind sie nichts weiter als Schall und Rauch.

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