Doris

Bild von Susanna Ka
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Gerald war verschwunden. Das war zuerst einmal nicht ungewöhnlich, denn Gerald war schon oft weggeblieben. Über Nacht und auch mehrere Tage lang. Aber jetzt war er schon über eine Woche nicht aufgetaucht und Doris sah sich veranlasst, zur Polizei zu gehen. Es war nicht so, dass sie ihn vermisste - sie war ganz froh über die Ruhe im Haus. Aber was sollten die Nachbarn denken, wenn sie so gar nichts unternahm und nur still ausharrte. Wie immer.
Doris ging zum Polizeipräsidium und meldete ihren Mann als vermisst. Der diensthabende Beamte führte sie in einen kleinen Raum, durch dessen Fenster die Sonne schien. Ein Glas Wasser wurde vor ihr auf den Tisch gestellt, dann wartete sie. Eine lange Zeit.
Die Tür sprang auf und schlug gegen die Wand - Kommissarin Meike Börensen betrat den Raum. Klein, durchtrainiert, rappelkurze Haare und stechendblauen Augen. Ihre angespannte Körperhaltung zeigte, dass sie auf dem Sprung war. Immer auf dem Sprung, das Böse in dieser Welt zu ahnden. Und damit war sie der vollkommene Gegensatz zu der duldsamen Doris. Börensen knallte ihren Laptop auf den Tisch und maß Doris mit einem eisigen Blick. Doris kroch in sich zusammen und blickte auf ihre Hände, die sie im Schoß gefaltet hielt.
„Eine ganze Woche ist er schon weg? Haben Sie sich denn gar nichts dabei gedacht?“
Die Stimme der Kommissarin war scharf, schuldzuweisend.
„Nein“, mehr ein Hauchen, als eine Antwort.
„Na ja, vielleicht waren sie ja auch ganz froh darüber…“
Börensen konnte sich ihre Bosheit nicht verkneifen und Doris zuckte zusammen - wie nah diese Kommissarin der Wahrheit kam. Zitternd streckte sie ihre Hand nach dem Wasserglas aus. Dabei rutsche die sorgfältig zugeknöpfte Manschette nach oben.
„Was ist das?“
Börensen schoss auf sie zu, griff nach ihrem Handgelenk und hielt es fest. Das Hämatom schmerzte höllisch. Doris schrie, kam in einer heftigen Bewegung ebenfalls nach vorn. Dabei stieß das Wasserglas um und ¼ l Wertaler Mineralbrunnen ergossen sich in die Tastatur von Börensens Laptop.
„Passen Sie doch auf, Sie…“
Die „dusselige Kuh“ verschluckte die Börensen im letzten Moment.
Doris setzte sich wieder und starrte auf ihr blauschwarzes Handgelenk. Sie schwieg, wie immer.
„Halstuch ab!“
Den Befehlston gewohnt, nesselte sie an dem preiswerten Polyestertüchlein und die Kommissarin sah die verblassenden Würgemahle.
„Zum Amtsarzt, aber dalli!“
herrschte sie die verwirrte Doris an.

Die Neonlampen des Untersuchungszimmers warfen ein kaltes Licht auf die arme Doris. Drei Personen starrten auf ihren nackten Körper. Der Amtsarzt, sein Assistent und die Kommissarin. Niemand rührte auch nur einen Muskel im Gesicht, und doch spürte Doris die Abscheu – und die Sensationslust. Demütig senkte sie wieder einmal den Kopf und ließ die Schultern hängen. Der Amtsarzt griff nach dem Diktiergerät und kommentierte mit tonloser Stimme Doris‘ Schmerzensmale.
„Würgemale am Hals, ca. eine Woche alt. Hämatome an Handgelenken, Armen und Oberkörper, Quetschmarken an beiden Brüsten. Stark ausgeweitetes Hämatom direkt über dem Solarplexus. An den Oberschenkeln blauschwarze Griffspuren, als hätte man die Schenkel der Frau gewaltsam geöffnet.“
Der gynäkologische Befund ergab Verletzungen an der Innenwand der Scheide.
‚Natürlich“,
Doris hatte einen bitteren Geschmack im Mund,
‚was habt ihr denn gedacht?‘
Sie rutschte vom gynäkologischen Stuhl und zog sich wieder an.
Börensen schluckte ihr Mitleid hinunter.
„Sie sind sich doch im Klaren darüber, dass Sie uns ein erstklassisches Mordmotiv liefern. Wir werden sie hierbehalten, bis der Fall geklärt ist.“
Doris schwieg, wie immer. Aber dieses Mal wusste sie wirklich nichts zu sagen. Sie war zur Polizei gegangen, um Gerald als vermisst zu melden, und nun wurde sie selbst des Gattenmords beschuldigt.

Gerald lachte. Er fuhr die Bundesstraße entlang Richtung Süden. Endlich, endlich war er sie los. Doris, diese trübe Tasse. Sie hatte ihn nie verstanden, sich nie mit ganzem Herzen auf ihn eingelassen. Selbst, wenn er sie schlug, um auf sich auf sich aufmerksam zu machen, hatte sie nur angeglotzt mit ihren Kuhaugen. Leidend, alles ertragend. Er hatte sich etwas anderes versprochen, von dem feurigen Mädchen, dass er damals geheiratet hatte. Klar, er war nicht zum Rosenkavalier geboren, und mit Blümchensex hatte er nie etwas anfangen können, aber dass sie einfach in ihr Schneckenhaus gekrochen war, hatte ihn wütend werden lassen. Eine Wut, kochend heiß, eine Wut, die ihn mit sich riss und ihn um sich schlagen ließ, egal, wen es traf. Meistens traf es Doris.
Aber das war jetzt vorbei. Von einem seiner Informanten – ein Mann wie Gerald hatte überall seine Leute – hatte er erfahren, dass man Doris in den Knast gesperrt hatte. Sie stand unter Mordverdacht. Als ob sie zu so etwas fähig wäre. Aber wahrscheinlich hatte sie nur wieder geglotzt, mit ihren Kuhaugen, wie immer leidend, hatte geschnieft, geschluchzt, so dass dem Haftrichter der Kragen geplatzt war und er sie einfach hatte wegsperren lassen. War wohl auch nur’n Kerl.
Gerald lachte wieder und klopfte vor Freude auf das Lenkrad. Er drehte das Autoradio lauter und gemeinsam mit Freddy Mercury sang er „I want to break free...“.
Dabei drückte er das Gaspedal bis zum Bodenblech durch.
Es dämmerte. Nebelschwaden zogen kreuz und quer über die Bundesstraße, verdichteten sich und lösten sich wieder auf. Ein ewiger Reigen, der Gerald schwindelig werden ließ. Doch nahm er noch immer nicht den Fuß vom Gas. Der Nebel kam auf ihn zu, strich über die Windschutzscheibe und formte sich zu einem Gesicht.
Doris.
„Scheiße!“
Gerald betätigte den Scheibenwischer. Doch Doris ließ sich nicht vertreiben. Sie lächelte verführerisch, wie an jenem Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, hauchte ihm einen Kuss zu, und senkte halb die Lider. Schlafzimmerblick, keine Kuhaugen. Gerald fuhr einen Schlenker, um das Gesicht von der Scheibe rutschen zu lassen. Doch Doris rutsche nicht, und sie schien es äußerst spaßig zu finden, dass er den Wagen nur mühsam wieder unter Kontrolle bekam. Ihr geschminkter Mund lachte ihn an. Wann hatte Doris sich jemals geschminkt? Sie nickte mit dem Kopf nach rechts und Gerald, zwischen Wut und Panik, verriss das Lenkrad. Der Wagen durchbrach das Brückengeländer und schoss in die Tiefe. Ein Binnenschiff, das zu gleichen Zeit unter der Brücke hindurchfuhr, drückte ihn erbarmungslos auf den Grund.

So gut hatte Doris lange nicht mehr geschlafen. Wohlig streckte sie die Arme unter der Bettdecke hervor und lächelte. Gestern Abend war sie voller Angst gewesen. Die Gitterstäbe vor dem Fenster hatten sie in Panik versetzt. Hier käme sie nie wieder raus. Aber dann hatte sie sich klar gemacht – es kommt auch niemand hinein. Niemand würde sie in der Nacht aus dem Schaf reißen und etwas von ihr verlangen, das sie nicht geben wollte. Das Abendessen war reichhaltig gewesen und Doris hatte mit gutem Appetit zugelangt. Als das Licht verlosch, hatte sie versucht, es sich auf dem harten Bett bequem zu machen. Das Kissen war klumpig, die Decke zu dünn, und doch war Doris sofort eingeschlafen. Jetzt schickte die Sonne ihre ersten Strahlen durch die Gitterstäbe. Sie malten ein Muster an die Wand. Eine Botschaft.

Alles ist gut.

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Kommentare

29. Mär 2018

Auch die Geschichte wurde gut:
Da zieht der Leser gern den Hut!

LG Axel