Die Vernunft

von Alf Glocker
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Im Allgemeinen ist sie hochgelobt – und doch ist sie das meistgehasste Etwas der Welt. Man Ratio-nalisiert, man versucht den Fortschritt voranzutreiben, aber was macht man wirklich? Man verdient sie beiseite, man redet sie in Parlamenten groß und macht sie in der Praxis so klein wie möglich, damit sie keinen Schaden anrichten kann. Schaden bei wem?

Das muss ungeklärt bleiben, denn sonst müssten sämtliche Tempel schließen, Firmen menschlich werden, Kinder geschützt und die Natur geliebt werden! Will denn keiner vernünftig sein? Doch, doch, nach außen hin auf alle Fälle … Wir wollen uns doch nicht dabei erwischen lassen, Unvernünftiges geäußert zu haben – deshalb erkundigen wir uns ja auch rechtzeitig.

Aber bedeutet „Vernunft“, daß sie nachlesbar ist?? Klaro, so kann man sie am einfachsten konsumieren! So kann jeder in den Genuss eines Lobes kommen, er habe auch schon einmal etwas Vernünftiges getan, sonst wäre er ja nicht Chef, Priester, oder Professor geworden. Doch was ist die „Ultima Ratio“? Müssen wir die ganz woanders suchen?

Was kann man sich darunter überhaupt vorstellen? Nun, auch bei der Klärung dieser Frage gibt es Schlauberger, die es sich ganz einfach machen. So einfach, daß Otto Normalverbraucher nur noch staunen kann. Und das ist ja gewollt. „Staun doch mal wieder“, rät uns die Werbung, um uns Dinge schmackhaft zu machen, von denen wir bisher überhaupt keine Ahnung hatten.

Da arbeitet einer wie blöde, damit er jemand anderem „Ich liebe dich!“ sagen kann. Vorher ist er bereits hergegangen und hat bewiesen wie „vernünftig“ er war, indem er fleißig gelernt hat, damit ihn auch irgendwer ernst nehmen kann. Dann macht er sich mit seinem Gegenstück, dem geliebten Menschen, daran, eine Familie zu gründen, die insgesamt Ansprüche hat.

„Vernünftig“ ist es, sich das Leben so angenehm wie möglich einzurichten, könnte man meinen. Sorgsam mit allem umzugehen, zu haushalten, nachzudenken, zu denken (wenn es sich nicht vermeiden lässt) und vor allem darauf zu achten, daß alles wächst und gedeiht und keiner Schaden nimmt. Ein friedliches Miteinander mit anderen „Vernünftigen“ ist ebenfalls wünschenswert.

Aber dann kommt einer angeschissen und behauptet einfach, das sei von Grund auf dämlich. Vernunft könne man hauptsächlich daran erkennen, daß einer überhaupt nichts anstrebt, sich hinsetzt und auch noch überhaupt nichts zu denken versucht, nicht einmal nach. Dabei empfiehlt es sich sogar zu lächeln. Das Weitere ergibt sich dann schon von selbst, sagt er …

Dieser Weg steht jedem offen, ist aber darauf angewiesen, daß „Unvernünftige“ Waren herstellen (Kleidung, Bausteine und Balken für Häuser), die Felder bestellen, Reisschalen kreieren, in denen man milde Spenden wegtragen kann, um weiter meditieren zu können. Und es ist auch nicht ganz schlecht, wenn da welche sind, die zukünftige Arbeitskräfte herstellen, die für alles sorgen.

Denn sonst würde inzwischen die Welt aussterben, die „Weisen“ würden verhungern und keiner hätte mehr einen Grund, „vernünftig“ zu sein … Aber aus den nun hier angeführten Methoden ergibt sich keine Wirklichkeit der Vernunft. Denn die Vernunft ist nicht nur letztlich äußerst unerwünscht, obwohl man sie sehr gerne missbraucht, sondern auch gefährlich und deshalb verfolgt!

Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Einerseits hält sich der „Vernünftige“ meist „weise“ zurück (Schweigen ist Gold) und andererseits ist er ein beliebtes Jagdobjekt für „noch Vernünftigere“. Es gibt nämlich auch Kreaturen (die Bezeichnung „Menschen" wäre wahrscheinlich dezent übertrieben), die daraus raffiniert Kapital zu schlagen wissen.

Sie haben ganz klar erkannt, daß der „Vernünftige“ nicht erkannt hat, daß die Vernunft ein schützenswertes Etwas ist … das schützenswerteste überhaupt! Warum? Weil es gewöhnlich bei primitiven Lebensformen gar nicht vorkommt. Da kommt nur Fressen oder Sterben, Schlagen und Beißen, Trampeln und Aussaugen vor. Und wer das am besten kann, der überlebt …

wenn er dazu noch eine hohe Fortpflanzungsrate vorweisen kann. Beim „Menschen“ kommen noch Ideologien hinzu, die solch archaische Verhaltensweisen perfide unterstützen, nein, FÖRDERN. Am Schluss müssen wir also, wenn wir nicht von allen guten Geistern, jeglicher Ratio, allem Einfühlungsvermögen und von sämtlichen Intuitionen verlassen sind … ja wasss denn??

Wir werden nicht umhin kommen zuzugeben, daß, wer die meisten Kinder erzeugt, wer die meisten „Vernünftigen“ umbringt, wer sich am geschicktesten dessen bedient, was Vernünftige erfunden haben, und wer sich wenigsten um die Vernunft scheißt, am vernünftigsten IST! Denn die Vernünftigen tolerieren lieber als sie nüchtern beobachten und wirklich rational handeln.

Sonst würden sie ja auf die Idee kommen, Vernunft sei nicht nur das erste Menschheitsgut, sondern, gegenüber listiger Usurpatoren, auf alle Fälle zu bewahren, zu haben und zu halten, ihr treu zu sein, bis daß der Tod (nicht der kollektive Tod der Vernünftigen) uns voneinander scheidet. Und jeder würde einfach sagen wollen: „Vernunft, ich liebe dich!“

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