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Das Ersaufen bei Nacht

Bild von PostFeuilleton
Bibliothek

Jeden Abend warten wir gemeinsam am Hafen. Mit schlackernden Füßen streunen wir an den Ecken der Container und Kanten der Anlegerstellen entlang. Streunende Hunde, die wir geben müssen, um uns einander zu erkennen, um unser Revier einen Raum und Berechtigung zu schaffen. Mit blitzenden Augen scheuen wir die Umgebung. Jeden Abend kommen die Schiffe von ihrer täglichen Arbeit. Wir warten auf sie, wenige von uns kommen mit ihnen. Die Meisten von uns standen oder saßen den ganzen Tag rauchend im Leuchtturm und ersehnten den Ozean mit schweren Augen. Wenn der Horizont an seinem Rand sich zur Dämmerung neigt, treibt uns ein Tun, das nach einer neuen unbekannten Luft schmeckt. Die Witterung der Hoffnung, die der Blick auf den Ozean bringt, legt sich in unseren roten Nasen. Unsere Herzen sind frisch. Für uns gibt es nur den einen Sonnenaufgang. Unsere Lidschatten sind grau. Die Ozeanstürme verfangen sich in unseren wirren Haaren.
Wenn alle Schiffe gelöscht sind, löschen sie ihre Lichter, dann flimmert kurz das Nachtleben der Stadt auf, doch die Müdigkeit löscht auch bald dieses Licht. Ein Schiff bleibt zurück, seine schaukelnden Leuchter zittern in den Hafengassen. Unsere Schritte werden zum Schwung einer starken Welle, die sich am Heck bricht. Fliegende aufleuchtende Zigarettenstummel kündigen das bevorstehende Feuerwerk an. Neue frische Zigaretten werden angezündet. Der hochstehende Mantelkragen macht den König.Wir gehen an Bord und stoßen uns dabei am freundlich bleibenden Drängen der Anderen. Wir verlassen die nun Schlafenden und lassen sie in ihren Betten zurück.

Weit draußen ist nur unser Leuchtturm sichtbar, der uns ein wenig mahnt, und das Funkeln über uns, das bald keiner mehr sehen wird. Ein schwacher Glanz um uns herum im schwarzen schmatzenden Wasser. Wir kauen auf unseren Zähnen. Dann beginnen wir das Schiff zu schaukeln. Manchmal ist wildes Fahrwasser. Wenn wir Glück haben kentern wir von allein. Oft müssen wir all unsere Kraft aufbringen. Wir nehmen alles, was wir in die Finger bekommen, um dieses Schiff zu ersaufen. Einer hat eine Axt. Alle wollen einmal die Axt halten. Wir hämmern die Blanken, wir schlagen den Mast, wir zünden die Segel an. Verflucht sei das verdammte Boot der verruchten Verdammten. Irgendwann schlucken wir endlich das salzige Lebenswasser. In den Fluten verloren, brauchen wir keine Gedanken mehr. Wir treiben wild. Wir sind in den Wellen, wir gehen mit ihnen, jede Richtung ist gewollt, weil wir nichts mehr wollen.

Am Morgen stranden wir im Hafen und haben alles vergessen. Wir stellen uns rauchend in den Leuchtturm, um uns zu erinnern. Wir sagen, dass es schön war, weil der Ozean dort draußen so schön ist. Die Menschen fahren mit ihren Schiffen hinaus. Wenige von uns gehen mit ihnen.