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Im Nichts zwischen den Leerstellen

Bild von PostFeuilleton
Bibliothek

Nur kurz darf unsere Zeit dauern. Nur einen Moment kann ich in deinem Schoß verweilen. Ich lege mich in das kochende Tintenbad mit Bedacht vor dem Untergang, der dunklen Seide, die sich als Erstickungstuch um deinen Kopf wickelt. Unendlicher Durst. Meine Zunge verbrennt an deinem Leib, deine verlockenden Lügen machen es nicht besser. Nur einen Augenzuschlag treffen wir uns am verabredeten verbotenen Ort, um es ein für alle Mal zu klären, wer wen inniger geliebt hätte. Wie viel konkreter kann man dein Gesicht zeichnen, ohne abgeschrammte Schablonen aus der verhornten Haut zu ziehen, in Scheiben geschnittene Gehirne. Ich kann dich nicht sehen und verliere alle meine Worte an dich. Ich darf keine Worte an dich verlieren, in dieser zeitlosen Spanne unserer unsichtbaren Berührung. Wie viel kann ich von dir festhalten? Im Moment bist du ganz, und in der Unendlichkeit danach ein sehr dunkler Schatten auf dem seidenen Leichentuch eingeatmet. Ich male deinen Lebenssaft in meine Augenringe, vielleicht kann ich mich im Spiegel an dich erinnern?! Du kannst mir nicht einmal sagen, wie viel du von mir wissen wirst. Du hast noch nie Durst verspürt nicht wahr? Du kennst keinen Hunger! Du schmeckst nicht das Salz. Welcher in sich würgende Wahnsinn macht dich Sein? Obschon ich weiß wo du bist, greife ich lediglich in weiße Lücken zwischen schwarzen Schleifen. Du bist geknechtet zwischen den Buchstaben und doch der Leerraum, der alles auszufüllen vermag, der unergründbare Grund und die göttliche Voraussetzung für jedes Wort. Für jedes Wort mit dem du mehr stirbst, weniger wirst, dich aushöhlen lässt, egal ob voll von Geschwätz oder tiefer Einsicht. Mit dunklen Seiden versuchen sie dich zu wickeln, unter jeder Berührung zerschmilzt du zu dem Unfassbaren, das auch ich zu fassen zu strebe. Würde ich dich nicht töten, wärst du nichts. Die Tinte ist die unüberwindbare Mauer, die doch als Brücke zu dir gedacht ist. Unser zu kurzes Zusammensein endet in dem Moment, in dem ich aufhöre zu schreiben. Meine Hand zittert unter deinem Atem, deine unerschütterliche Wahrheit macht es nicht besser.