Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten / 170

Bild von Alf Glocker
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170. Schritt

Achtung, Achtung – und hier noch eine Meldung aus dem Eckfunk: ich schlage die Zeit tot, grün und blau schlage ich sie, tot, töter, am tötesten, auf los geht’s los und zwar nach hinten, wo sowieso keiner steht, außer mir. Denn vorne sind alle nur hellschwarz, nicht ganz gebacken!

Ich halluziniere zum wiederholtesten Mal, ich drehe mich im Kreis wie ein Derwisch, ich bin mir gewogen und für zu gewichtig befunden, ich stelle mir ein Attest aus – auf heiter bis hysterischlachend, und ich veranlasse mich selbst ein anderer zu sein: keiner!

Das glaubt mir kein Mensch. Ich sehe nur unangemessen rot, werden sie sagen, die Grell-Orangen und die Blassgrauen, der hat doch einen Hochvogel, aber nicht in Schwarz-Rot-Gold, sondern in Schwach-Lila. Hält der sich für einen letzten Versuch?

Natürlich könnte ich damit klarkommen, ich bräuchte mich doch nur auszupressen wie eine zitronengelbe Zitrone, deren Saft leicht klebrig ist und nicht etwa Saftgrün, wie der Name schon sagt – und schon wäre alles obergeilgut. Aber dafür fehlt mir der Samthandschuh dieser Augenaufschläge, die mich in einen Strudel aus eisbunten Kreuzblumen versetzen, die ich voller (Ab-)Scheu anbeten kann.

„Zittere nicht, die Welt kann dich mal“, flüstert ein glitschiger Aal aus dem rauschenden Bach zu und ich spitze elektrisiert meine Eselsohren. Darüber geht beige die Lustsonne auf. Sie bräunt alles was niet- und nagelfest ist. Auch ich muss jetzt lüsteln! Deshalb geh ich auf Exerzitien. Dort will ich lernen ungehorsam zu sein, im Staubereich bevorstehender Untaten. Die gesamte Zukunft winkt champagnerfarben und strahlt.

Bevor ich ins Bett gehe fällt mir der Himmel auf den Kopf – unhörbar, ganz langsam, krampft er sich zusammen, zuerst sturmtosend, dann sich auflösend in ein Nichts aus leerblasigem Schillerdunst. Das habe ich aber nur geträumt, denn ich weiß ja, solange ich warte bis ich durchsichtig werde, kann mir nichts passieren. Dann ist alles in Allem Banane.

Doch da sind: Farben, Farben, überall Farben! Die ganze Palette. Farben des Lichts, Farben der Fantasie, Farben der Haut. Es ist ein einziger Rausch. Es ist ein einziger Riesenrausch und ich befinde mich täglich in ihm, solange der Himmel noch welkt.

Besorgniserregend ist das nicht, wohl aber Behandlungsbedürftig. Was jetzt noch helfen könnte wäre ein Anfall von Blindheit, von Farbenblindheit, dann würde alles gleich sein, nicht nur es mir. Ich wäre ein Nichts unter vielen, so sehr wie ich es immer schon war, nur diesmal eben aus freien Stücken. Ich müsste mich nicht andauernd nach weniger Abwechslung sehnen, ich hätte sie!

Da fällt mir ein – welche Farbe hat eigentlich der Ekel? Ist er rostblau oder kirschgrün? Ich vermute seine Tönung liegt irgendwo zwischen Langeweileschal und Unnötigschrill. Ich denke, ohne Verdeutlichungsdrang werde ich da erheblich weiter kommen, in Richtung warme Lagune im Fantsieland – wo es ohne Belang ist, was welche Farbe zu haben braucht, um unauffindbar zu sein.

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