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Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten

Bild von Alf Glocker
Bibliothek

88. Schritt

„Lass das Lamentieren endlich sein, du weißt doch wohin der Hase läuft! Warum nimmst du nicht einfach was dir vor die Flinte hüpft? Alle Planung ist Illusion! Weisheit ist angesagt Und die Weisheit liegt im Leben und Sterben. Was hast du denn schon davon benutzt?! Du hast dich doch sogar vor dem Zeugen gedrückt, weil du niemandem vertrautest? – was für ein Idiot! Was dachtest du wer du bist? – Gott? Dies warf mir kürzlich mein Gewissen vor, das sich sehnlichst wünschte schlecht oder nie vorhanden gewesen zu sein.

„Ich nahm an, er hätte mir einen freien Willen gegeben, oder, anders formuliert: der freie Wille sei aus unserer Vormachtstellung in der Natur entstanden“, entgegnete ich, wusste aber sofort, wie sehr ich mich getäuscht haben musste, mein Leben lang.

Die Wahrheit ist: man stürzt sich auf jede Chance, wägt ab, beweist zum Schein Moral, lebt den Mitteln angemessen, handelt aber stets triebbeflissen und schreibt sich auf die Stirn: „Lieber Gott, ich bin eines deiner Menschlein, nichts Menschliches ist mir fremd – sag einfach EGOTEABSOLVO – und beschütze mich in der Schlacht, in die du mich geschickt hast!“ Dann lege ich los, schwängere, plündere, morde, baue Häuser und Paläste, für mich und die Lieblinge des Schicksals.

Dabei bin ich zufrieden, ob ich gleich wandelte in der finsteren Nacht, oder lebte in Saus und Braus. Dies zu erkennen liegt durchaus im Bereich irdischer Möglichkeiten. Dafür reicht die Schädelkapazität gerade noch aus. Alles was darüber liegt, liegen möchte, ist nichts weiter als ein Fauxpas! Aber bin ich glücklich damit? Mitnichten!

Und nebenbei driftet alles ab ins Unterbewusste. Wir verdrängen was uns nicht gefällt und erklären den Irrsinn zur Realität, mit der wir angeblich klarkommen müssten. Doch damit ist nichts ausgestanden! Heimlich, still und leise rumort es in den Gedärmen des Geistes, der immer und immer wieder nach geeigneten Lösungsmöglichkeiten sucht, ohne je welche finden zu können, weil es eben keine gibt. Unsere Schreie gehen nach innen…

Warum träumt man von Friedhöfen? Weil dort die Endergebnisse unseres Strebens liegen? Weil dort die End-Abrechnungen verzeichnet sind, in kurzen Zahlen (1900 – 2000 z.B., wenn’s arg hochkommt). Vergegenwärtigen sie uns das Lebenswerk einzelner? Beschreiben sie unser „Glück“? Die Himmel darüber ziehen durch eine Zeit danach! Zwischen Alpha und Omega aber kreiste der Bär, flog die Kuh, boxte der Papst im Kettenhemd. Was sollte das bedeuten?

Was bedeutet es jetzt, jetzt, jetzt und immer so weiter? Im Jetzt bedeutet das vorhin nicht „Was-habe-ich-falsch-gemacht?“, sondern „komme-ich-damit-durch?“, oder „Womit-bin-ich-denn-zuletzt-durchgekommen?“. Als Kind wusste ich das ganz genau. Ich befand eben mitten im Leben. Als sogenannter „Erwachsener“ mache ich mir Sorgen – nur leider nicht um Dinge, die ich regeln kann, wie zum Beispiel „Hat-der-Nachwuchs-etwas-zu-futtern?“, sondern um „Wie-steht-es-mit-der-Welt?“
Das macht mich vor meinem Gewissen, welches doch so liebend gerne schlecht oder am besten gleich gar nicht vorhanden gewesen wäre, unbeliebt. Warum auch nicht?!

Der Strom der Zeit fließt und rauscht an mir vorüber. Darin sehe ich wie ich versage, nichts von alledem aufhalten kann, was nicht nur mir allein wie der pure Wahnsinn erscheint, aber er fließt und fließt im Mantel der Augenblicke. In seinen Wellen sehe ich die Puppen tanzen, die Helden raufen, die Massen leiden, die Tränen tropfen und unzählige Babys aus ihren Kokons schlüpfen, die den alten Reigen immer von neuem beginnen. Ob mich das glücklich und zufrieden werden lässt ohne beizeiten einen gehörigen Dachschaden zu erleben, kann ich nicht genau sagen. Ich kann nur sagen: es ist wie es zu sein scheint. Und der gute Mond schaut zu…

©Alf Glocker

Titel: Das Spiel der Nullen. Technik: Stifte
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Kommentare

29. Mär 2015

Trotz Zeitumstellung gut gelungen!
(Der Mond ist eben angesprungen...)

LG Axel