Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten

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111. Schritt

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag meiner Geburt. Dramatische Ereignisse waren diesem einen kuriosen vorausgegangen. Irgendetwas hatte mich eingefangen. Irgendetwas hatte sich „um mich herum“ geformt. Dabei waren Möglichkeiten entstanden. Ich sehe noch die fleischlichen Blitze vor meinem geistigen Auge, die mir immer weitere Räume erschlossen und mich schließlich, als jemand beschlossen hatte, daß „es“ jetzt fertig sei, aus diesem Organismus hinausbeförderte, der mir eine pulsierende Heimat war.

Dann fing ich an zu staunen. Dort angekommen, wo mich jemand haben wollte, machte ich bereits ab dem ersten Tag, ja, der ersten Stunde alles falsch, was man nur falsch machen kann, denn ich begriff nicht worum es ging: um eine Einschätzung des Vorhandenen.

Vor lauter Staunen vergaß ich das Schreien. Ich wollte sehen, hören und fühlen, aber nicht essen. Und so machte ich mich auch nicht bemerkbar. Kein Wunder, daß man mich übersah und ich beinahe verhungert wäre. Das Fleisch hatte einfach eine untergeordnete Bedeutung für mich – die daraus resultierende „Vernunft“, die sich scheinbar in der Anwendung primitiver Instinkte erschöpfte, ebenfalls. Was ich also, kurz gesagt nicht wusste, war: daß das Leben mit einer Art „Heiterem Beruferaten“ beginnt.

Wer oder was bin ich? Ich bin zunächst einmal ein hungriges Etwas, das nach gewinnbringenden Kontakten verlangt, die gierige Unschuld sozusagen. Her mit der Milch! Ich werd’s euch schon zeigen, ich brülle die ganze Gegend voll, solange bis ihr mir gestattet dick und fett zu werden!

Und was kommt dann? Dann bemerke ich plötzlich, daß es den beiden Dummchen, die da andauernd um mich bemüht sind, gefällt, wenn ich mich total bescheuert benehme. Also quietsche ich was das Zeug hält, verhalte mich unbeholfen, denn das ist putzig. Auch nachdem ich schon lange sprechen gelernt habe bin ich so nett wie möglich, weil man das a.) von mir erwartet und b.) weil ich dann (fast) alles bekomme was ich mir wünsche. So soll es wohl sein, aber so war ich leider nicht.

Ich zum Beispiel wünschte mir respektiert zu werden, aber ich wollte nichts dafür tun. Ich dachte es genügt zu sein wie man ist. Das war dann der 2. Irrtum! Für mich gab es nur Menschen in verschiedenen Körpergrößen, für die anderen gab es Erwachsene und Kinder! Wieder kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus…

©Alf Glocker

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Kommentare

06. Mai 2015

Dein Text verdient auf jeden Fall Respekt!
(Für das, was Sinn - voll in ihm steckt...)

LG Axel