Der Redner

von Oliver S
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Nur in der Rede kann der Redner seinen Durst stillen. Keine Ekstase ist ihm lieber, als der ohrenbetäubende Beifall des gierigen Publikums. Wellen der Begeisterung bäumen sich vor ihm auf und lassen den Saal zu einem Unwetter werden. Wie der gewaltsame Sturm in felsigen Bergwäldern an jungen Lärchen zerrt, so droht es auch den Redner in die schaurigen Tiefen hinab zu reißen, lockert er nur den krampfhaften Griff am Pult. In diesen Momenten wird der Redner klein, um abermals zu einem noch phantastischeren Anflug von Genialität anzusetzen. Der Redner ist ein Abenteurer. Er braucht Raum für seine Worte. Seine Sprache quellt geheimnisvoll hervor, so wie das wilde Gebirgsbächlein zwischen Wurzelwerk und Geröll einen Pfad findet, ehe es sich im breiten Strome undurchwanderbarer Ebenen verliert. Der Redner ist im Herzen jedoch ein Schauspieler, allerdings zu stolz um den Anweisungen eines Regisseurs zu dienen. Wahre Redekunst will er erlangen. Kein Ziel ist ihm höher gesteckt. Der brave Redner verschreibt sein Leben der nie enden wollenden Suche nach schaurig schöner Trance und das Publikum ist mit ihm.

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